Ärzte Zeitung online, 30.06.2017
 

150 Jahre Unabhängigkeit

Weltruhm für kanadische Ärzte

150 Jahre Unabhängigkeit feiern die Kanadier am 1. Juli. Das Land ist Heimat einer Reihe international einflussreicher Persönlichkeiten. Einige von ihnen prägten die medizinische Versorgung nachhaltig – noch bis heute.

Von Matthias Wallenfels

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Der kanadische Neurochirurg Dr. Nir Lipsman (links) will Patienten mit Morbus Alzheimer die Blut-Hirn-Schranke öffnen.

© Frank Gunn/empics/dpa

Überdurchschnittlich gute Werte im OECD Better Life Index in den Themenbereichen Wohnen, subjektives Wohlbefinden, Sicherheit, Gesundheit, Einkommen und Vermögen, soziale Beziehungen, Umwelt, Beschäftigung, Bildung, Work-Life-Balance und Zivilengagement: Kanada präsentiert sich der Öffentlichkeit 150 Jahre nach seiner Unabhängigkeit als moderne, weltoffene und schier endlose Wohlfühloase zwischen Atlantik und Pazifik.

Am 1. Juli 1867 vereinten sich die Provinzen Ontario, Québec, New Brunswick und Nova Scotia zu Kanada. Später kamen noch Alberta, British Columbia, Manitoba, Neufundland und Labrador, Saskatchewan und Prince Edward Island hinzu, außerdem die Gebiete Nunavut, Yukon und das Nordwest-Territorium. All das zusammen bildet heute das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde mit nur rund 35 Millionen Einwohnern.

Wenn am Sonntag in Ottawa, Vancouver und anderen bekannten Städten des G7-Landes die Champagnerkorken knallen, können die Kanadier auch stolz auf einige Landsleute zurückblicken, die maßgeblich zu zivilisatorischen Errungenschaften beigetragen haben – auch auf dem Gebiet der Medizin.

In medizinischer Hinsicht der berühmteste Sprössling Kanadas dürfte der Chirurg Sir Frederick Grant Banting (1891 - 1941) sein. Banting nahm sich nach seinem Medizinstudium an der University of Toronto der Diabetesforschung an und isolierte 1921 nach gemeinsamen Experimenten mit John James Rickard Macleod, Charles Best und James Collip Insulin. Banting erhielt zusammen mit Macleod 1923 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des Insulins.

Jüngster Nobel-Laureat aller Zeiten

Banting erhielt den Nobelpreis im Alter von 32 Jahren – ein bis dato noch nicht gebrochener Altersrekord seiner Laureatskollegen. Außerdem war Banting der erste Kanadier überhaupt, der einen Nobelpreis gewann. 1932 wurde Banting in Deutschland zum Mitglied der Leopoldina gewählt. Die Canadian Medical Hall of Fame nahm ihn in ihrem Gründungsjahr 1994 posthum auf. Ebenfalls 1994 wurden seine Forscherkollegen Best und Collip aufgenommen, Macleod folgte 2012. Die in London (Ontario) ansässige, gemeinnützige Organisation hat es sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, kanadische Helden zu ehren und zu feiern, deren Arbeit die Gesundheit vorangebracht und Menschen begeistert hat, eine Karriere in den Gesundheitswissenschaften zu verfolgen.

Als zweiter Kanadier erhielt der an der McGill University in Montreal ausgebildete Arzt, Neurophysiologe und Neurobiologe David Hunter Hubel (1926 - 2013) im Jahre 1981 zusammen mit dem schwedisch-US-amerikanischen Neurophysiologen und Neurobiologen Torsten N. Wiesel den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin "für ihre Entdeckungen über Informationsverarbeitung im Sehwahrnehmungssystem". 2006 wurde er in die Canadian Medical Hall of Fame aufgenommen.

Als bisweilen letzter Kanadier erhielt der an der McGill University in Montreal und an der Harvard University in den USA ausgebildete Immunologe Ralph Marvin Steinman (1943 - 2011) gemeinsam mit Bruce Beutler und Jules Hoffmann, den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin – und zwar post mortem.

Posthume Ehrung für Ralph Steinman

Das war dem Umstand geschuldet, dass das Nobelpreiskomitee nichts von dem Ableben Steinmans kurz vor Bekanntgabe der Preisverleihung mitbekommen hatte. In der Erklärung der Stiftung hieß es, das Verbot der posthumen Auszeichnung beziehe sich nur auf eine bewusst in diesem Sinne getroffene Wahl.

Gewürdigt wurde Steinmans Entdeckung der dendritischen Zellen und ihre Rolle in der adaptiven Immunität. Die drei Preisträger hätten neue Wege geöffnet für die Prävention und die Therapie gegen Infektionen, Krebs und entzündliche Erkrankungen. Indem sie Schüsselprinzipien für die Aktivierung des Immunsystems entdeckten, hätten sie das Verständnis vom Immunsystem revolutioniert, teilt das Nobelpreiskommitee mit. Bereits 1999 wurden Steinmans Leistungen auch in Deutschland honoriert – er erhielt den Robert-Koch-Preis.

Revolutionär der Medizinlehre

Den Namen Sir William Osler (1849 - 1919) verbinden Ärzte rund um den Globus mit zwei Begebenheiten. Zum einen fungierte der an der Toronto Medical School und der McGill-University in Montreal ausgebildete Mediziner und später führende Pionier der Hämatologie als Namensgeber der Morbus Osler. Er hat wohl frühzeitig den genetischen Hintergrund der Varikosis erkannt, als er sinngemäß scherzhaft schrieb, Varizen seien das Ergebnis einer falschen Entscheidung bei der Wahl der Großeltern.

Zum anderen gilt Osler als Revolutionär der Medizinerausbildung und als Vater der modernen und insbesondere der psychosomatischen Medizin. 1888 nahm er die ihm angebotene Medizinprofessur an der Johns-Hopkins-University in Baltimore an – die erste überhaupt an der US-amerikanischen Eliteuni. Er stellte die traditionelle Medizinerausbildung mit der Einführung praktischer Konsultationen am Patientenbett auf den Kopf und kombinierte die besten Methoden der US-amerikanischen, britischen und kontinental-europäischen Lehrmethoden.

Während der ersten vier Jahre in Baltimore schrieb er sein Buch "The Principles and Practice of Medicine", das kurz nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1892 zum angesehensten medizinischen Lehrbuch seiner Zeit wurde. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel "Lehrbuch der internen Medizin".

Ein solches Therapiekonzept versteht sich als Medizin des Befindens und nicht nur der Befunde. So kann die "kleine Geste" großen Einfluss auf das Befinden des Kranken haben. Von Osler ist tradiert, dass er einem am Tumor sterbenden Mädchen an einem trüben Novembermorgen die letzte Rose aus seinem Garten brachte und es so mit dem Tode versöhnte.

In seinem Heimatland brach er für die Wissenschaft eine Lanze, indem er 1882 als Mitbegründer der Royal Society of Canada, der kanadischen Akademie der Wissenschaften, fungierte, die sich an dem Vorbild der Londoner Royal Society orientieren sollte.

Enge Beziehungen unterhielt Osler auch zu Großbritannien. Während eines Besuches in England im Jahr 1904 wurde ihm der Königliche Lehrstuhl für Medizin an der Oxford University angeboten, der bis dahin allein englischen Staatsbürgern vorbehalten war. Obwohl er seine kanadische Staatsbürgerschaft beibehielt, übernahm er den Lehrstuhl 1905 und hatte ihn bis zu seinem Tode inne.

Arzt wird Premierminister für 69 Tage

Der an der University of Edinburgh in Schottland ausgebildete Arzt Sir Charles Tupper (1821 - 1915) war der sechste Premierminister Kanadas und ging mit nur 69 Tagen Verweildauer im Amt – vom 1. Mai bis zum 8. Juli 1896 – als der Premierminister mit der kürzesten Amtszeit in die Annalen ein. Dass der Mediziner nicht länger amtieren konnte, war indes weder auf Unfähigkeit noch auf Skandale zurückzuführen.

Zwar erreichten Tuppers Konservative bei der Unterhauswahl 1896 mit 46,5 Prozent die Mehrheit der Stimmen, die konkurrierenden Liberalen hatten aufgrund des Mehrheitswahlrechts aber trotz 45 Prozent Wählerstimmen mehr Mandate gewonnen. Tupper musste zugunsten von Wilfrid Laurier zurücktreten.

Sein politisches Wirken führte Tupper bereits früh in relevante Ämter. So wurde er 1855 Abgeordneter des Parlaments der britischen Kolonie Nova Scotia. Er war Mitglied der Confederation Party, die den Anschluss Nova Scotias an die Kanadische Konföderation befürwortete. Von 1864 bis zum Beitritt zur Konföderation im Jahr 1867 fungierte er als Premierminister der Provinz. Tupper nahm an den Konferenzen von Charlottetown, Québec und London teil – als einer der Väter der Konföderation gehört der Arzt somit zu den Wegbereitern des kanadischen Bundesstaates. Auch gesundheits- und standespolitische Belange hatte Tupper stets im Blick. 2016 nahm in die Canadian Medical Hall of Fame in der Kategorie "Helath Leadership" auf. Tupper gründete zum Beispiel 1867 rund 100 Tage nach der Unabhängigkeit Kanadas die Canadian Medical Association (CMA) und hatte drei Jahre lang das Präsidentenamt inne – 1884 fungierte Sir William Osler als Präsident.

Anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens hat die CMA nun auf ihrer Website eine eindrucksvolle Zeitleiste hinterlegt, auf der Meilensteine der kanadischen Gesundheitspolitik aufgeführt werden, zu denen die Gesellschaft maßgeblich beigetragen hat – und davon gibt es nicht wenige.

So richtete Kanada zum Beispiel im Jahre 1957 auf Betreiben der CMA eine Rentenkasse für selbstständige Ärzte ein. 1966 wurde, wie die CMA betont, unter anderem aufgrund ihrer Fürsprache der Medical Care Act eingeführt, der die Versorgung von fünf Millionen Kanadiern ohne Krankenversicherung ermöglichte. Während der SARS-Epidemie, bei der sich 400 Kanadier infizieren, warb die CMA 2003 öffentlichkeitswirksam für einen "pan-kanadischen" Aktionsplan der öffentlichen Gesundheit.

Die CMA gibt sich als hartleibige Verfechterin ihrer gesundheitspolitischen Ziele. So ehrt sie zum Beispiel ihren Gründungspräsidenten noch immer mit der jährlichen Verleihung des Sir Charles Tupper Award an ein Mitglied, das Führung, Engagement und Hingabe demonstriert, die CMA-Ziele zu verfolgen.

Selbstbewusst gibt sich die CMA auch mit Blick auf die anstehende Unabhängigkeitsfeier am 1. Juli. "Kanadas Ärzte sind stolz, unserer Nation Alles Gute zum Geburtstag wünschen zu können. Wir glauben, die Welt benötigt wirklich mehr Kanada. Wir als CMA mit unseren 85.000 Mitgliedern können es nicht erwarten, unseren Teil dazu beizutragen, das nächste Kapitel in unserer lebhaften Geschichte schreiben zu helfen", frohlockt der gegenwärtige CMA-Präsident Dr. Granger R. Avery in seinem Grußwort.

Jungforscher in den Startlöchern

Die Nobel-Laureaten Banting, Hubel und Steinman entfalten eine hohe Strahlkraft auf Kanadas medizinische Nachwuchsforscher. Sie stehen in den Startlöchern, um international auf sich aufmerksam zu machen – so zum Beispiel der Neurochirurg Dr. Nir Lipsman vom Sunnybrook Health Sciences Centre der University of Toronto im Bereich der neurologischen Erkrankungen, wie Anorexie oder Alzheimer.

Je länger eine Anorexia nervosa persistiert, umso schwieriger ist in der Regel die Therapie. Da ein beträchtliches Risiko besteht, an der Magersucht zu sterben, sind auch unkonventionelle Methoden gefragt. Inzwischen gibt es Versuche, den Appetit mit der tiefen Hirnstimulation (THS) wieder anzuregen. Ein Team um Lipsman hat dies bei Patienten mit chronischer Anorexie versucht – in der bislang größten Studie zur THS in dieser Indikation.

Ebenfalls ein Forscherteam um Lipsman hat erfolgreich fokussierten Ultraschall genutzt, um bei Patienten mit Morbus Alzheimer die Blut-Hirn-Schranke zu öffnen. Das ist der erste Schritt innerhalb einer Studie, in der geprüft werden soll, ob mit Hilfe der Technik die Entfernung von pathogenetisch bedeutsamen Beta-Amyloid-Plaques erleichtert werden kann. Das Ziel ist, die Blut-Hirn-Schranke für Arzneimittel, etwa Antikörper, die gegen die Plaques gerichtet sind, durchlässiger zu machen.

Der größte Teil der medizinischen Forschung findet in Kanada an den Universitäten und Universitätskliniken statt, wie der Plattform Kooperation International, einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, zu entnehmen ist. Die bundesstaatliche Förderorganisation für die Gesundheitsforschung sind die Canadian Institutes of Health Research (CIHR).

Kanada pusht Medizinforschung

Kanada ist sich der Leistungsfähigkeit seiner Wissenschaftler bewusst und hat die Forschung und Entwicklung auf Themen fokussiert, in denen das Land stark ist, großes Potenzial hat oder einen erheblichen Nutzen sieht. Die von der kanadischen Regierung im Mai 2007 vorgestellte neue Strategie "Mobilizing Science and Technology to Canada's Advantage" nennt das Thema Gesundheit und gesundheitsrelevante Lebenswissenschaften und Technologien als einen der vier wichtigsten Schwerpunkte.

Thematisch werden Projekte gefördert, die neue medizinische Theoreme liefern, die die neuen Erkenntnisse zur Umsetzung führen und die das Gesundheitssystem oder einzelne Gesundheitsprodukte verbessern. Zusätzlich werden 13 virtuelle Institute gefördert, bei denen es sich um Netzwerke handelt, deren Mitglieder über ganz Kanada verstreut sind.

In jedem dieser Netzwerke wird darauf Wert gelegt, dass die gesamte Bandbreite von der grundlegenden biomedizinischen und klinischen Forschung über die für das Gesundheitssystem relevanten Aspekte, bis hin zu den sozialen und kulturellen Aspekten abgedeckt sind.

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