Ärzte Zeitung online, 25.07.2017
 

E-Health

Estland will die Europäische Union für die digitale Zukunft fit machen

Estland will E-Health in Europa pushen Der baltische Staat gilt als europäischer Vorreiter bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Während der sechsmonatigen EU-Ratspräsidentschaft soll die "Digital Society for Health" EU-weit auf den Weg gebracht werden.

Von Thomas A. Friedrich

Estland will die Europäische Union für die digitale Zukunft fit machen

Die estnische Flagge auf einem Laptop. Bei der Digitalisierung sind die Esten deutlich weiter als viele andere EU-Staaten.

© bertys30 / stock.adobe.com

Für die Zeit seiner sechs Monate dauernden EU-Ratspräsidentschaft hat Estland die Digitalisierung in den Mittelpunkt gestellt. Das Motto der Esten heißt seit dem 1. Juli: "Digitale Präsidentschaft". Die ehemalige Sowjetrepublik hat seit ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1991 die Zivilgesellschaft konsequent auf den schnellen, papierlosen Kurs gebracht. Früher als viele andere EU-Mitgliedstaaten hat das 1,5 Millionen Einwohner zählende Land die öffentliche Verwaltung digitalisiert. Auch Wahlen finden per Mausklick statt. Im Gesundheitswesen sind die elektronische Patientenakte, das E-Rezept und ein vernetztes Krankenwagensystem seit Jahren obligatorisch.

Elektronisches Rezept ein großer Fortschritt

Vor allem das elektronische Rezept zählt zu den erfolgreich umgesetzten Projekten: Esten können heute in jeder Apotheke des Landes mithilfe ihres Ausweises ein ärztlich verschriebenes Medikament abholen oder sich von einer autorisierten Person nach Hause bringen lassen. Schon 15 Monate nach der Systemeinführung wurden 85 Prozent der Rezepte digital ausgestellt.

Die technische Entwicklung des Systems durch das estnische IT-Unternehmen Helmes erbrachte nach nur drei Jahren Vorlaufzeit – bei einem Budget von 300 000 Euro – effiziente und kostensenkende Ergebnisse für Ärzte, Apotheken und Patienten. Rezepte auf Papier in Estland – das war gestern.

Ein anderes vielversprechendes Beispiel ist der Aufbau eines elektronischen Buchungstools für Facharzttermine in Krankenhäusern. Dazu sind alle Hausärzte an ein zentrales Terminbuchungssystem angeschlossen. Ein estnisches Softwarehouse ist derzeit mit dem nächsten Schritt für die E-Health-World des Staates befasst: Dem Wechsel von Papierdokumenten-basierten Informationen zu rein digitalen Informationen. Damit werden sich Daten, wie zum Beispiel Laborergebnisse, in Zukunft noch besser verarbeiten lassen. Immerhin: Hier hinkt Deutschland mit dem digitalen Labormuster technisch definitiv nicht hinterher (wir berichteten).

Während auf EU-Ebene das Thema "E-Health" bisher vorrangig unter regulatorischen Gesichtspunkten behandelt wurde, rückt jetzt das Thema Kostenerstattung in den Fokus. Eine angemessen rasche Erstattungspraxis bei der Inanspruchnahme von grenzüberschreitenden Gesundheitsdienstleistungen erfordert gemeinsame Standards von E-Health-Lösungen in der gesamten Europäischen Union. Haupthemmnisse stellen derzeit die unterschiedlichen EU-Gesundheitssysteme dar. "Die neuen digitalen Gesundheits- und Pflegedienste müssen neue Erstattungsmodalitäten nach sich ziehen", sagte die estnische EU-Botschafterin Kaja Tael bei der Vorstellung der E-Health Prioritäten in Brüssel. Ein Eckpunkt beim Thema Digitalisierung sei die Schaffung einer "sicheren und geschützten Identität". Das habe sich in Estland bewährt, so Tael. Beim Thema E-Health und digitaler Verwaltung sei man weltweit führend. Es sei gelungen, eine Balance zwischen freiem Datenverkehr und Sicherheitsbedenken zu finden, so Tael.

EU-Bürger wollen mehr Digitalisierung

Im September will Estland auf der "Connecting Europe" Konferenz in Tallinn sein Konzept der "Digital Society for Health" vorstellen und auf der High Level Konferenz E-Health vom 16. bis 18. Oktober mit Experten aus der Gesundheitswirtschaft diskutieren.

"52 Prozent der EU-Bürger wünschen sich einen elektronischen Zugang zu ihren Gesundheitsdaten. Wir müssen uns mehr anstrengen, um dies Wirklichkeit werden zu lassen," unterstreicht EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Die Entwicklung digitaler Gesundheitsdienste enthalte enorme Potenziale für eine bessere Gesundheitsversorgung zu vertretbaren Kosten, spornt der langjährige Klinik-Chirurg Andriukaitis die Mitgliedstaaten an, den grenzüberschreitenden Austausch von Gesundheitsdaten endlich auf den Weg zu bringen.

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