Ärzte Zeitung online, 10.10.2017
 

Versorgungsforschung

Dänemarks Klinikpolitik – kein Vorbild für Deutschland

Unser Nachbar im Norden nimmt Abschied von kleinen Kliniken. Patienten sollen nur noch in großen Zentren behandelt werden. Eine Blaupause für Deutschland ist das wohl nicht.

Von Christian Beneker

Dänemarks Klinikpolitik – kein Vorbild für Deutschland

Dänische Fahne weht in der Stadt Rönne. Für Klinikaufenthalte müssen die Dänen weit reisen.

© Pleul/dpa

HAMBURG. Dänemark ist kein Vorbild, wenn es um die Krankenhauspolitik geht. Da war sich die Diskussionsrunde auf dem Hamburger Gesundheitswirtschaftskongress einig. "Das Ende des Schmusekurses: Kommt nach der Wahl der Kliniktod?", lautete das Thema der Runde aus Krankenhausmanagern, Politikern und Beratern. Nein, er kommt nicht, meinte die Runde. Trotzdem werde nicht jedes Haus überleben. Wer bleiben will, brauche Ideen, hieß es.

18 Zentralkliniken sollen entstehen

In Deutschlands Nachbarland sollen viele kleine Krankenhäuser geschlossen werden und dafür im Laufe von zehn Jahren 18 große und moderne Zentralkliniken entstehen. "In Dänemark wird alles in Kopenhagen entschieden. Bei uns ist solche Zentralismus unmöglich", kommentierte Professor Johannes Brachmann, medizinischer Geschäftsführer der Regiomed Kliniken in Coburg. "Wenn wir die kleinen Häuser schließen würden, müssten bei uns außerdem manche Patienten 40 Kilometer zum nächsten Krankenhaus fahren."

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Mathias Hörschel fürchtet, wenn die kleinen Kliniken schlössen, werde das Land noch unattraktiver. In Dänemark lebten bereits 90 Prozent der Bevölkerung in den Ballungsräumen. "Wir wollen nicht, dass bei uns einmal die Woche ein Lastwagen über die Dörfer fährt mit einem mobilen Apotheker, einem Arzt und einem Postamt", so Hörschel. Auch in Deutschland leben 80 Prozent der Menschen in den Ballungsräumen, betonte dagegen Dr. Matthias Gruhl, Leiter des Hamburger Amtes für Gesundheit der Behörde für Gesundheit und Verbraucheschutz. Für Gruhl aber kein Grund, "ständig diese Uckermark-Diskussion zu führen", wie er sagte. Dennoch könne man von Dänemark lernen. So sollen dort die Häuser jedes Jahr um zwei Prozent effektiver arbeiten und die Patienten sollen nach durchschnittlich drei Tagen wieder entlassen werden. "Die Klinikplanung war bei uns bis vor einiger Zeit ineffektiv", so Gruhl. "Jetzt werden aber Betten nicht nur nach Bedarf genehmigt, sondern auch nach Qualität. Die Frage ist: Was bieten die Krankenhäuser für Konzepte an?"

In Mecklenburg Vorpommern, einem Bundesland mit nur rund 1,5 Millionen Einwohnern, bietet die Uni-Klinik Rostock Herz- und Hypertonie-Patienten die Überwachung ihrer Werte per Smartphone an. Das berichtet Professor Christian Schmidt, ärztlicher Vorstand der Unimedizin Rostock. Ziel des Ganzen: Den Patienten soll möglichst lange ein Klinikaufenthalt erspart bleiben. Die Augenkliniken der Ober Scharrer Gruppe aus Fürth versuchen es mit Spezialisierung. "Wir haben 26 Häuser", sagte Peter Schnitzler, "und überall, wo wir in die Breite gehen, bekommen wir Probleme." Auch Philipp Schlerkmann von der Unternehmensberatung McKinsey zählt die Spezialisierungen zur Lebensversicherung von Krankenhäusern. Außerdem möglichst viel gesunde Mitarbeiter, so dass zum Beispiel auch flexible Arbeitszeiten möglich werden, "und schließlich sollte sich jedes Haus über die Ergebnis-Qualität Gedanken machen", so Schlerkmann.

Neue Aufgaben für kleine Kliniken

Mit der neuen Regierung werde wohl nicht der plötzliche Kliniktod eintreten, meinte die Runde. Schon deshalb nicht, weil zum Beispiel in Coburg "bald sieben Hausarztpraxen schließen", wie Johannes Brachmann von den Regiomed-Kliniken sagte. "Von den Patienten der Praxen werden dann viele in unsere Notaufnahme kommen." So gesehen liegt Dänemark fern. Auch deshalb, weil es im Norden zwar große Pläne gebe, aber bisher nicht ein einziges der neuen Superkrankenhäuser fertig sei, woran Matthias Gruhl erinnerte. Aber: Die deutschen Kliniken müssten sich nach der Decke strecken, meinte die Runde.

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