Ärzte Zeitung online, 01.05.2018

Steuerungs- oder Kapazitätsprobleme?

Streit um Notaufnahmen auch in Frankreichs Kliniken

Auch in Frankreich blockieren Patienten Notaufnahmen in Kliniken, die von niedergelassenen Ärzten problemlos versorgt werden könnten. Die Ursachenforschung ist aber komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Von Denis Durand de Bousingen

Streit um Notaufnahmen auch in Frankreichs Kliniken

Seit Jahren gelten die Notaufnahmen der meisten französischen Krankenhäuser als chronisch überlastet

© FlorianTM / stock.adobe.com

Seit Jahren gelten die Notaufnahmen der meisten französischen Krankenhäuser als chronisch überlastet, nicht zuletzt weil mehr als die Hälfte aller Patienten aus eigener Initiative in die Klinik gehen, statt zunächst eine Not- oder Ärztezentrale anzurufen. Im vergangenen Winter hat sich die Lage so zugespitzt, dass mindestens drei Patienten, die in verschiedenen Notaufnahmen stundenlang auf ein stationäres Bett warten mussten, gestorben sind.

20% der Klinikbetten sollten für Notaufnahmen flexibel verfügbar sein, fordert der Verein französischer Notärzte.

Ärzte und Schwestern machen vor allem die Sparpolitik der Regierung im Krankenhausbereich für diese Situation verantwortlich, Gesundheitsbehörden sehen dagegen das Verhalten vieler Patienten als Hauptursache für die Überlastung.derNotaufaufnahmen

Aggressive Stimmung

Mehrere Studien haben ergeben, dass in Frankreich nur knapp 40 Prozent aller Patienten, die in einer Notaufnahme behandelt werden, tatsächlich auch dort hingehören. Die übrigen 60 Prozent haben weniger dringende Beschwerden. Sie könnten problemlos von niedergelassenen Ärzten behandelt werden.

Die Notaufnahmen werden vor allem von Menschen in prekären Lebenssituationen aufgesucht. Das bleibt nicht ohne Folgen. Die Klientel wird immer öfter aggressiv und zum Teil auch gewalttätig. Das stört die Arbeitsabläufe erheblich – vor allem nachts. Die Folgen dieser Entwicklung werden Jahr für Jahr problematischer: Zwar werden alle Patienten, die im Krankenhaus ankommen, rasch untersucht und je nach Diagnose adäquat vorsortiert, aber für eine komplette Behandlung müssen die weniger dringenden Fälle stundenlang, schlimmstenfalls eine ganze Nacht oder sogar 24 Stunden, auf den Gängen warten.

Den Mitarbeitern reicht es

Regelmäßig protestieren Ärzte und Schwestern gegen diese unbefriedigende Situation. Sie dürfen zwar streiken, aber wegen der knappen Personalausstattung und der hohen Arbeitsbelastung haben sie lange darauf verzichtet. Inzwischen ändert sich das. Transparente mit der Aufschrift "Wir streiken" hängen in Notaufnahmen. In einigen Großstädten demonstrieren Betroffene wöchentlich, um die Bevölkerung für ihre Probleme zu sensibilisieren. Gesundheitsbehörden versuchen die Patienten mit Informationskampagnen von einem Gang in die Klinik abzuhalten. Sie unterstützen lokale Initiativen, die das Ziel haben, das Angebot an Bereitschaftsdiensten der niedergelassenen Ärzte zu verbessern.

Notärzte mahnen aber, dass das Problem komplizierter sei, als es auf den ersten Blick scheint. Der Grund: Die Zahl der Arztpraxen vor allem auf dem Land, in Kleinstädten, und in Problemvororten vieler Großstädte gehe zurück. Immer mehr Patienten haben keine andere Wahl, als auch bei leichteren Erkrankungen Notaufnahmen aufzusuchen.

Immer noch gibt es in Frankreich so gut wie keine Einrichtung als Bindeglied zwischen Praxen und Kliniken, in der Patienten rund um die Uhr versorgt werden können. Vor allem außerhalb der normalen Arbeitszeiten sowie an Wochenenden ist das ein Problem. Der Verein der französischen Notärzte "AMUF" will die Erklärungsversuche über falsches Patientenverhalten nicht länger akzeptieren. Eigentlich brauchen aus seiner Sicht nur 20 Prozent der Patienten nach der ersten Behandlung in der Notaufnahme eine stationäre Behandlung. Da aber in den letzten Jahren Tausende von Betten aus Kostengründen abgebaut wurden, wird es immer schwieriger, ein benötigtes Bett in einer entsprechenden Abteilung zu finden. Deshalb verbringen Ärzte Stunden damit, solche Betten für ihre Patienten in anderen Kliniken aufzutreiben. Das macht die Warteschlange der Patienten nicht kürzer. Laut AMUF Präsident Dr. Patrice Pelloux , müssten Kliniken mindestens über 20 Prozent freier Betten verfügen, um für alle Notaufnahmen flexibel genug zu sein. Kliniken würden aber heute wie Hotels geführt, das heißt, sie seien so oft wie möglich voll belegt, um die Rentabilität zu sichern, kritisiert Pelloux.

Im Gesundheitsministerium mangelt es aus seiner Sicht nicht an qualifizierten Ökonomen, sondern an Politikern, die den Mut haben, die Lage in den Notaufnahmen als Skandal zu bezeichnen. Seit Jahren werde dort auf Kosten der Patienten gespart. Ohne eine spürbare Erhöhung der Klinikausgaben werde sich die Lage weiter verschlechtern, fürchtet AMUF. Der Verein fordert dringend Maßnahmen, um weitere Todesfälle in den Notaufnahmen zu vermeiden.

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