Ärzte Zeitung online, 12.09.2018

Suchthilfe

Wenn Englands Helfer Hilfe brauchen

Sich diskret Hilfe suchen bei Sucht oder psychischen Erkrankungen: Das ist für Ärzte im UK häufig schwierig, denn es fehlen Angebote. Der britische Ärzteverband BMA fordert neue Wege.

Von Arndt Striegler

Wenn Englands Helfer Hilfe brauchen

In London können sich Ärzte an einen NHS-Service wenden, wenn sie psychische Probleme haben – außerhalb der Metropole haben sie größere Probleme, einen Ansprechpartner zu finden.

© vetkit / stock.adobe.com

LONDON. Es ist eines der letzten Tabus. Ärztinnen und Ärzte, die selbst psychisch krank sind, die sich mit ihren Problemen aber "oft hoffnungslos allein fühlen". In Großbritannien wird dieses Thema in jüngster Zeit häufiger öffentlich diskutiert, was nicht nur von den ärztlichen Berufsverbänden einhellig begrüßt wird.

Die Zahlen sind erschreckend. Zwischen 2011 und 2015 nahmen sich laut offiziellen Statistiken in England 430 Ärztinnen und Ärzte sowie Vertreter anderer Therapeutenberufe das Leben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, vermuten Experten. Denn: "Psychische Leiden, Depressionen und Suizid bei Medizinern sind noch immer ein großes Tabu-Thema", sagt eine Sprecherin des größten britischen Ärzteverbandes (British Medical Association, BMA) der "Ärzte Zeitung". Und: "Es fehlt vielerorts an Hilfsangeboten, an die sich betroffene Ärzte vertrauensvoll und diskret wenden können."

Psychische Leiden, Depressionen und Suizid bei Medizinern sind noch immer ein großes Tabu-Thema.

Eine Sprecherin der British Medical Association

Eigener Service für Ärzte

Zwar gibt es im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) seit Jahren einen Service namens "The NHS Practitioner Health Programme" (PHP). Die Idee ist, dass sich Ärzte mit ihren psychischen Problemen, Ängsten, Depressionen vertraulich an Spezialisten wenden können, um dort fachärztliche Hilfe zu erhalten. Die Vertraulichkeit ist laut BMA dabei besonders wichtig, da viele Betroffene ihre Erkrankung gegenüber Kollegen verheimlichten, so der Ärztebund. "Das ist noch immer ein großes Tabu."

Freilich: Der PHP ist nur für Ärzte, die im NHS in London arbeiten, vertraulich nutzbar. Im restlichen Land fehlt dieses Angebot. Während es für Ärzte in der Hauptstadt möglich ist, sich selbst an einen PHP-Spezialisten zu überweisen, ohne das der Arbeitgeber davon etwas mitbekommt, ist dies außerhalb Londons kaum praktikabel. "Ein großes Problem", so die BMA.

Britische Berufsverbände verlangen daher vom Gesundheitsministerium, dass landesweit mehr Hilfsangebote für psychisch kranke Mediziner geschaffen werden. Das Tabu und die Heimlichtuerei müssten gebrochen werden, so die BMA. Denn: "Der Ärzteberuf ist einer der stressigsten Berufe überhaupt und oftmals entsteht ein enorm großer Leidensdruck, weil Ärzte das Gefühl haben, Versager zu sein, wenn sie krank werden", so der britische Ärzteverband.

Der PHP hat laut eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 5000 Ärzten mit psychischen Krankheiten geholfen. Interessant: In diesen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter der Hilfesuchenden von 51,6 Jahren auf 38,9 Jahre deutlich gesunken. Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, dass zwei Drittel der beim PHP Hilfe suchenden Mediziner weiblich sind.

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