Ärzte Zeitung online, 04.12.2018

Frankreich

Debatte um rätselhafte Missbildungen

Frankreichs Behörden streiten sich bei der Suche nach Ursachen für Missbildungen und provozieren somit das Misstrauen der Bevölkerung.

Von Denis Durand de Bousingen

Debatte um rätselhafte Missbildungen

Die Zahl der Missbildungen bei Babys ist seit 2009 in einigen Regionen Frankreichs deutlich angestiegen

© FlorianTM / stock.adobe.com

PARIS. In Frankreich werden jedes Jahr knapp 150 Säuglinge mit Missbildungen an Armen oder Händen geboren.

Da die Zahl dieser Missbildungen seit 2009 in einigen Regionen Frankreichs deutlich angestiegen ist, streiten seit mehreren Wochen regionale und zentrale Gesundheitsämter über mögliche Ursachen. In dem nördlich von Lyon liegenden Département Ain wird ein Zusammenhang mit Pestiziden vermutet, eine Theorie, die in Paris als unbegründet und methodologisch falsch zurückgewiesen wird.

Um endlich Klarheit zu schaffen hat Gesundheitsministerin Dr Agnès Buzyn eine unabhängige Expertenkommission einberufen. Diese hat den Auftrag, bis Januar 2019 einen umfassenden Bericht zu diesem Thema darzulegen. Mittlerweile herrscht nicht nur in den betroffenen Regionen Verunsicherung, landesweit sind werdende Mütter darüber beunruhigt, dass womöglich auch ihre eigenen Kinder mit Missbildungen zur Welt kommen könnten.

Fehlgeburten nehmen zu

In Frankreich werden angeborene Missbildungen in sieben regionalen Registern erfasst. Bereits 2016 meldete das Register der Rhône-Alpes Region Remena, dass zwischen 2009 und 2014 sechs Kinder im ländlichen Departement Ain ohne Gliedmaßen (Arm oder Hand) geboren wurden. Damals interessierte die Nachricht allerdings kaum jemand. Erst im September 2018 erlebte das Phänomen großes Medieninteresse, als ein Fernsehteam über diese Fälle berichtete.

Da all diese Kinder binnen fünf Jahren in einem Umkreis von 17 Kilometern geboren wurden, es jedoch in dieser Zeit nie einen chemischen Unfall oder eine vergleichbare Katastrophe gegeben hatte, forderte Remena weitere Untersuchungen an. Das Register sprach von einem möglichen Zusammenhang der Verwendung von Pestiziden, da diese im Département Ain aufgrund des breiten Obstanbaus besonders häufig zum Einsatz kommen.

Behörden sind sich uneins

Ganz anders sieht es die Pariser Zentralstelle für öffentliches Gesundheitswesen „ Santé Publique France “ (SPF), die ebenfalls eine Ermittlung zu den Fällen in Ain durchgeführt hat. Sie hält die Fälle weiterhin für ungeklärt, da ihrer Ansicht nach keine Verbindungen zu Pestiziden oder chemischen Stoffen erkennbar sind. Zugleich gab aber die SPF bekannt, dass eine ähnliche überdurchschnittliche Zahl von Fällen in- und um Guidel, einer 11 500-Einwohnerstadt in der südlichen Bretagne, registriert wurde. Dort sind von 2011 bis 2013 vier Säuglinge mit ähnlichen Arm- oder Handfehlgeburten zur Welt gekommen.

6 Kinder wurden in Ain in fünf Jahren im Umkreis von 17 Kilometern mit Missbildungen geboren.

Der Streit zwischen den regionalen und zentralen Behörden hat sich in den letzten Wochen zugespitzt und entwickelte sich zu einem Personenkonflikt zwischen den jeweiligen Leiterinnen der beiden Ämter, die sich gegenseitig vorwerfen, gravierende Fehler in der Ursachensuche begangen zu haben. Zudem droht dem Rhône-Alpes Register, welches vom Universitätskrankenhaus Lyon finanziert wird, bald eine drastische Kürzung seines Etats.

Mitarbeiter des Registers sprechen von Einschüchterungsversuchen, welche aus Paris von SPF angeordnet gewesen sein sollen. Der Vorwurf wurde von SPF als absurd zurückgewiesen. An dieser Stelle hat sich das Gesundheitsministerium eingeschaltet und das Universitätskrankenhaus in Lyon aufgefordert, das Register auch in den kommenden Jahren weiter zu finanzieren.

In Ain sowie in Guidel berichten derweil Einheimische, dass Pestiziden in ihren Gebieten oft und breit eingesetzt werden. Laut SPF beweisen aber ausführliche Gespräche mit den Eltern der betroffenen Kinder, dass niemand von ihnen weder vor noch während der Schwangerschaften in direktem Kontakt mit Pestiziden gestanden hat. Die kategorische Ablehnung seitens der SPF, die Pestizide könnten eine der Ursachen sein, lässt die Verunsicherung in der Bevölkerung eher wachsen. Gerüchte und Panikmacherei nehmen zu.

Es wird klar, dass Schuldzuweisungen der Behörden statt Aufdeckung der Ursachen das Misstrauen in der Bevölkerung anfeuern .

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[05.12.2018, 12:54:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Misstrauen der französischen Bevölkerung vorprogrammiert?
Nach allgemeinem Laienverständnis und leider auch bei vielen profilierungssüchtigen, professionellen Forschern verbreitet, besteht die Tendenz, viele, insbesondere neue Krankheitserscheinungen monokausal herunterbrechen zu wollen. Immer muss es die eine Umweltbelastung mit einer bestimmten Substanz sein: Oder die alleinige genetische, idiopathische, exogene, endogene Ursache.

Nie ein Bündel von Genetik, Mutationen, Epigenetik, Umwelteinflüssen, exogenen und endogenen Noxen, Dispositionen, Vulnerabilitäten oder sogar idiopathischen Unerklärbarkeiten?

"Eine Dysmelie ist eine angeborene Fehlbildung einer oder mehrerer Gliedmaßen, also der Arme, Hände, Beine oder Füße. Eine angeborene Verkürzung wird als Mikromelie, ein Fehlen von Gliedmaßen als Amelie bezeichnet. Sind alle vier Gliedmaßen betroffen, spricht man von Tetraamelie...Die ursächlichen Einflüsse für nicht-genetische Dysmelien können einerseits Infektionen der Schwangeren und des Embryos oder Sauerstoffmangel des Embryos, ein Amniotisches-Band-Syndrom oder Fehl- bzw. Mangelernährung der Schwangeren sein. Andererseits können aber auch Nebenwirkungen von Medikamenten und Hormonpräparaten, die in der Schwangerschaft eingenommen werden, Ursachen für eine Dysmelie des ungeborenen Kindes sein. Das bekannteste Beispiel für medikamentöse Nebenwirkungen ist Thalidomid, das den Contergan-Skandal ausgelöst hat...
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Dysmelie

Aber selbst Thalidomid hatte nur zu bestimmten Zeiten der fötalen und embryonalen Entwicklung im Mutterliebe derartig katastrophale Auswirkungen.

Die Besonderheit bei allen Querelen und einem ziemlich durchsichtigem Behörden-Gerangel in Frankreich ist, dass mit Agnès Buzyn (Jahrgang1962) seit dem 15. Mai 2017 eine Gesundheitsministerin im Kabinett Édouard Philippe, Premierminister von Frankreich unter Emmanuel Macron, "Président de la République française", im Amt ist. Sie ist als französische Ärztin, Hämatologin, seit 2011 Präsidentin des nationalen französischen Krebsforschungszentrums "Institut national du cancer" und seit 2016 Leiterin der obersten Gesundheitsbehörde "Haute Autorité de santé" zu 100% professionell aufgestellt und machte gemäß der Französischen Verfassung dieses Missbildungsproblem von nationaler Bedeutung zur "Chefsache".
Bearbeitet nach WIKIPEDIA https://de.m.wikipedia.org/wiki/Agnès_Buzyn 

Bewundernswert ist m.E. ihre Entschlossenheit, mit der sie neben vielen anderen Aufgaben ein aktuelles Problem medizinisch sachlich und fachlich fundiert aufgreift und untersuchen lässt. Frankreich steht damit in krassem Gegensatz zu Deutschland, wo seit Generationen immer gesichts- und farblosere Bundesgesundheitsminister/-innen amtieren, welche meinen, ihre Medizin-Bildungsferne zunehmend öffentlich zur Schau stellen müssen und sich um solche "Details" gar nicht inhaltlich kümmern können.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Dieses Training hält jung

Forscher haben in einer Studie Trainingsformen identifiziert, die die Zellalterung verlangsamen: Wer sein Leben verlängern will, sollte wohl eher aufs Laufband als in die Muckibude. mehr »

Mehr Ausgaben zur Gesundheitsförderung

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr 8,1 Millionen Menschen mit gesundheitsfördernden und präventiven Maßnahmen erreicht – so viele wie nie zuvor. Doch es gibt auch Lücken. mehr »

Zahl der Abtreibungen zurückgegangen

2018 wird es wohl weniger Schwangerschaftsabbrüche geben als im Jahr zuvor, so eine Statistik. mehr »