Ärzte Zeitung online, 16.04.2019

Schrauben an Strategie

Die WHO und die vernachlässigten Tropenkrankheiten

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich hohe Ziele bei der Bekämpfung der Chagas-Krankheit, Lepra und anderer Tropenerkrankungen bis 2030 gesetzt. Doch: Wie sollen die Länder, Hilfsorganisationen und Pharmaindustrie am besten vorgehen? Die WHO sucht dazu weltweit Expertenrat.

Von Matthias Wallenfels

Die WHO und die vernachlässigten Tropenkrankheiten

Saugwürmer bedrohen Millionen Menschen als Bilharzioseerreger.

© Science Photo Library / Agentur

Afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), Chagas-Krankheit (südamerikanische Trypanosomiasis), viszerale Leishmaniose, Lepra, die Schistosomiasis (Bilharziose), chronische Infektionen mit bodenübertragenen Helminthen, das Trachom, die lymphatische Filariose und Onchozerkose oder auch die Elefantiasis. Die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTD) lässt sich noch weiter fortsetzen.

Doch wie soll die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren Kampf gegen diese Erkrankungen fortführen? Zu dieser wichtigen Fragestellung hat die WHO vor Kurzem eine öffentliche Konsultation gestartet. Zwar sind kontinuierlich Erfolge im weltweiten Kampf gegen die NTD zu verzeichnen. Aber die politischen Rahmenbedingungen haben sich weltweit verschärft.

Zwar genießen die NTD inzwischen international eine stärkere Aufmerksamkeit, nachdem die Vereinten Nationen im September 2015 in New York die „2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung“ mit insgesamt 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDG) verabschiedet haben, die im Zeitraum von 2016 bis 2030 unter anderem die Gesundheitsversorgung optimieren sollen.

Zudem hat WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus auf der 71. Weltgesundheitsversammlung (WHA) im vergangenen Jahr in Genf unter anderem das großspurige Ziel ausgegeben, dass sich bis zum Jahr 2023 eine Milliarde Menschen einer besseren Gesundheit und eines besseren Wohlbefindens erfreuen sollen – er fokussierte dabei gerade die Weltregionen, in denen die NTD weit verbreitet sind.

Ohne Pharmaindustrie geht es nicht

Die WHO beruft sich nun bei der Konsultation auf den von der 71. WHA verabschiedeten Allgemeinen Handlungsrahmen der Organisation für den Zeitraum 2019 bis 2023 (GWP13). Dieser sieht unter anderem vor, dass die WHO ihre Mitgliedstaaten dahingehend unterstützt, ihren Bevölkerungen bis 2030 Zugang zu einer „Universal Health Coverage“ (UHC) zu gewähren.

Darunter wird der Zugang für alle Menschen in einem Land zu qualitätsgesicherten Dienstleistungen im Gesundheitswesen mittels einer universellen Gesundheitsversorgung verstanden. Dies schließt auch den Kampf gegen NTD ein.

Ein essenzieller Partner im Kampf gegen die südamerikanische Trypanosomiasis und Co ist die forschende Pharmaindustrie. Die Unternehmen haben allein im Jahr 2015 insgesamt Präparate für 1,5 Milliarden Behandlungen gespendet. Selbstverständlich ist das Pharma-Engagement nicht, da sich mit Arzneien gegen NTD im regulären, kompetitiven Marktgeschehen nur wenig Geld verdienen lässt.

Dennoch halten zumindest die Pharmaunternehmen, die sich 2012 in der „London Declaration“ als Partner der Aktion „Uniting to Combat Neglected Tropical Diseases“ dem Kampf gegen die vernachlässigten Tropenkrankheiten verschrieben haben, an ihrem Commitment fest.

Das gilt auch für Bayer, wo im Moment zumindest auf der Management-Ebene eher Monsanto und die Glyphosatklagen in den USA dominierende Themen sein dürften. Vor Kurzem präsentierte Bayer in Barcelona Ergebnisse der Phase-III-Studie CHICO (CHagas disease In Children treated with NifurtimOx) zur Behandlung mit dem Antiprotozoikum Nifurtimox bei Kindern mit Chagas-Krankheit.

Die Versorgungsrealität ist der wahre Prüfstein

Bei CHICO handelt es sich nach Unternehmensangaben um eine prospektive, randomisierte, doppelblinde, historisch kontrollierte Phase-III-Studie zur Bewertung der Wirksamkeit, Sicherheit und Pharmakokinetik von Nifurtimox bei 330 pädiatrischen Patienten mit akuter bzw. chronischer Chagas-Krankheit.

Die Studie habe ihren primären Endpunkt erreicht und zeige dabei die Überlegenheit der 60-TageBehandlung mit Nifurtimox gegenüber dem historischen Placebo in der serologischen Reaktion ein Jahr nach Behandlungsabschluss.

In der gesamten Studienpopulation sei die serologische Reaktion auf eine kürzere Behandlungsdauer mit Nifurtimox von 30 Tagen niedriger als gegenüber der 60-Tage-Behandlung gewesen. Die Behandlung mit Nifurtimox bei gewichtsangepasster Dosierung zeige ein gutes Sicherheitsprofil, heißt es.

„Diese speziell zur Behandlung von Kindern entwickelte Formulierung von Nifurtimox ist ein großer Schritt auf dem Weg, alle infizierten Kinder zu behandeln“, sagte Dr. Jaime Altcheh, Leiter der Abteilung für Parasitologie und Chagas-Krankheit im Ricardo Gutierrez-Kinderkrankenhaus in Buenos Aires und Prüfarzt der CHICO Phase-III-Studie.

„Die frühzeitige Behandlung nach einer Infektion ist entscheidend, um eine Manifestation der Krankheit im Erwachsenenalter zu verhindern.“ Heute werden laut Bayer weniger als ein Prozent der mit der Chagas-Krankheit infizierten Menschen behandelt.

Für die WHO stellt sich die Frage, wie sie die Pharma-Partner und weitere Organisationen sowie Regierungen noch mehr wird einspannen können für ihre „Roadmap“ im NTD-Kampf. Der politische Druck zum Erfolg ist da, die Realität mit teils völlig maroden Gesundheitssystem auf der Welt aber auch.

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