Ärzte Zeitung online, 08.10.2019

Brexit Blog

84 Prozent der britischen Apotheken melden Versorgungsmängel

Der Brexit ist noch gar nicht vollzogen, da verschärft sich beim Zugang zu Medikamenten bereits die Lage.

Von Arndt Striegler

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Die Arzneimittelindustrie warnt seit Monaten vor den Folgen eines chaotischen EU- Ausstiegs.

© Stuart / stock.adobe.com

Der Brexit – ob nun hart und chaotisch oder doch noch sanft mit einem Austrittsabkommen zwischen London und Brüssel – ist jetzt weniger als vier Wochen entfernt. Und während Großbritanniens Premierminister Boris Johnson weiterhin konkretere Aussagen bezüglich seiner konkreten Vorstellungen besonders in Sachen irischer Grenze verweigert, schlagen Ärzte, Klinikmanager und neuerdings auch die Apotheker nur noch die Hände über den Köpfen zusammen.

Was ist passiert? Im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) gibt es akuten Arzneimittelmangel und die britischen Apotheker finden das gar nicht lustig. Wie aus einer aktuellen Erhebung von „Chemist & Druggist“, einer einschlägigen Website, hervor geht, melden derzeit 84 Prozent der Apotheken in Großbritannien akute Versorgungsmängel. Und die Situation scheint sich in den vergangenen vier Wochen weiter verschärft zu haben.

Betroffen sind fast alle Therapiebereiche. So berichteten acht von zehn der befragten Apotheker, dass sie Patienten, die Medikamente für die Hormonersatz-Therapie (Hormone Replacement Therapy, HRT) benötigen, mit leeren Händen wieder fortschicken, denn es fehlen die entsprechenden Präparate in den Apotheken. Das betrifft auch die NHS-Klinik- Apotheken, also nicht nur einzelne Offizinen in City Lagen….

Seit Monaten Hamsterkäufe

Bei den gängigsten Mitteln zur Empfängnisverhütung vermelden 67 Prozent der Apotheker Lieferengpässe, bei Schmerzmitteln sind es fast 50 Prozent und bei Medikamenten zur Behandlung von Diabetes sind es immerhin 22 Prozent, die nicht genug Medikamente in ihren Regalen und Schubladen haben. Laut Apothekerverbänden ist dies die schlimmste Versorgungskrise der jüngeren Vergangenheit….

Nun werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht fragen, was das alles mit dem unmittelbar bevorstehenden Brexit zu tun hat? „Wir kennen viele Fälle, in denen Apotheker aus Angst vor dem Brexit bereits vor Monaten Hamsterkäufe tätigten“, so eine Sprecherin des Apothekerverbandes (Royal Pharmaceutical Society, RPS) in London.

Das habe mit dazu beigetragen, dass es derzeit an vielem mangelt. Andere Faktoren wie die immer restriktiveren Kostenerstattungsregeln im NHS und anderes kämen erschwerend hinzu. Das alles bevor der eigentliche Brexit überhaupt stattfindet…

Die Arzneimittelindustrie ist nicht die einzige Branche, die seit Monaten vor den Folgen eines chaotischen EU- Ausstiegs warnt…

Was auch interessant ist das, was vor wenigen Tagen eher unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit im Londoner Unterhaus zu hören war. Dort tagte der vor dem Brexit-Votum 2016 eher wenig beachtete Unterhaus-Ausschuss für öffentliche Finanzen und Buchhaltung.

Probleme für Alten- und Pflegeheime

Die Ausschussmitglieder äußerten sich „sehr besorgt“ angesichts der Tatsache, dass die Londoner Regierung eher „schleppend“ und „viel zu spät“ entsprechende Lieferverträge mit international operierenden Schifffahrts-Frachtunternehmen abschloss, die im Fall eines chaotischen Brexits am 31. Oktober Medikamente ins Land bringen sollen. Es stehe nämlich zu befürchten, dass es landesweit zu gefährlichen Engpässen komme, so die Ausschussvorsitzende Meg Hillier.

Davon seien nicht zuletzt die rund 24.000 britischen Alten- und Pflegeheime betroffen. Viele hätten bislang keinerlei Vorbereitungen für den Brexit getroffen. Und als wäre all dies noch nicht negativ und erschreckend genug, ist aus der Europäischen Arzneimittelagentur (European Medicines Agency, EMA) dieser Tage zu hören, dass der Brexit die Agentur vor große Probleme stellen könnte. Warum?

Bislang durften viele EMA- Mitarbeiter aus London mittels Internet der Agentur zuarbeiten. Doch diese Teleworker-Regelung sei inzwischen beendet worden. Folge: der Agentur fehlen Mitarbeiter, genauer gesagt: es stehen der EMA noch sechs Prozent weniger zur Verfügung als bei der letzten Schätzung im Juni. Was nichts anderes bedeutet, als dass die rund 730 noch verbleibenden EMA-Mitarbeiter im letzten Quartal 2019, in den der Brexit vermutlich fallen wird, in Arbeit geradezu untergehen dürften….

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