Ärzte Zeitung online, 26.01.2018

Behandlungspfad 2030

Ärzte bald mit mehr Freiheiten in der Schweiz?

Der Kostendruck zwingt die Schweiz dazu, die medizinische Versorgung grundlegend zu reformieren, so eine Studie. Im Jahr 2030 gehe es dann vor allem um Spezialisierung, Entlastung durch arztnahe Assistenten sowie Digitalisierung.

Von Matthias Wallenfels

Ärzte mit mehr Freiheiten?

In Teamarbeit mit Vertretern neuer Berufsbilder sollen Ärzte in der Schweiz künftig die Versorgung optimieren, so eine Studie.

© Shefkate/stock.adobe.com

BERN. Die Schweiz steht mit ihrem Gesundheitswesen in seiner bisherigen Form absehbar vor großen Problemen. Das prognostiziert die Strategieberatung PwC in einer aktuellen Analyse der Versorgungslandschaft. Bereits in der Vergangenheit war vor allem im ambulanten Bereich eine Mengenausweitung erfolgt – nicht selten durch die Niederlassung von Ärzten aus dem Ausland.

 Das hat mit dazu geführt, die Anforderungen an die medizinische Qualifikation und die Sprachkompetenz zu erhöhen. Für Ärzte, die in Deutschland ihre Berufsqualifizierung durchlaufen haben, ist dies in der Regel mit guten Deutschkenntnissen oder als Muttersprachler kein Problem.

Und die Schweiz wird weiterhin ausländische Ärzte und Inhaber eines außerhalb der Alpenrepublik erworbenen, berufsqualifizierenden Abschlusses wie ein Magnet anziehen, wie es in der Studie heißt. Für 2016 weist die Medizinerstatistik des Schweizer Berufsverbands der Ärzte FMH 36.175 in der Schweiz tätige Ärzte auf – 2015 waren es noch 35.325. Zahlen für das vergangene Jahr gibt es noch nicht.

Ärzte aus Deutschland an der Spitze

Insgesamt 11.900 – und damit 32,9 Prozent – der berufstätigen Ärzte in der Schweiz stammten 2016 aus dem Ausland oder waren Inhaber eines ausländischen Arztdiploms. 2015 betrug deren Anteil noch 31,5 Prozent. Unter den ausländischen Ärzten stammten 2016 laut FMH 53,6 Prozent – und damit die eindeutige Mehrheit – aus Deutschland, mit weitem Abstand gefolgt von Österreich (10,8 Prozent) und Italien (9,6 Prozent).

Die FMH-Statistik zeigt auch deutlich, dass sich die ausländischen Ärzte mit 38,4 Prozent in der Regel eher für eine Tätigkeit im stationären Bereich entscheiden als für eine Berufsausübung im ambulanten Sektor (27,6 Prozent).

Die Studienautoren gehen von der Prämisse aus, dass die Schweiz auch 2030 mit einem Fachkräftemangel konfrontiert sein werde. Unter anderem liegt hier die Annahme zugrunde, dass gerade aus Deutschland und Österreich immer weniger Ärzte aufgrund von Gehaltsanpassungen in den beiden Ländern zu den Eidgenossen für ein berufliches Gastspiel kommen.

Für das Jahr 2030 haben die Strategieberater die neue Versorgungslandschaft skizziert und exemplarisch am Fall einer älteren Diabetikerin einen Behandlungspfad projiziert. Früher sei die Anna genannte Patientin bei ihrem Hausarzt in Einzelpraxis betreut worden. 2030 konsultiere sie für ambulante Anliegen ein Ärztehaus. Dort arbeiten laut Prognose Haus-, Assistenz- und Konsiliarärzte sowie Advanced Nurse Practitioners (ANP).

Innerhalb der Pflegekräfte übernähmen die ANP die Führung, Ausbildung und Weiterentwicklung der Pflege. Sie stellten das Verbindungsglied zum ärztlichen Dienst dar, wie es heißt. Da Anna das Ärztehaus nicht zu Fuß erreichen könne, nutze sie die Online-Videosprechstunde, um mit den ANP und Ärzten Rücksprache zu halten – erster Ansprechpartner in puncto Diabetes sei dabei die ANP. Erst wenn der Kompetenzbereich der ANP überschritten werde, komme ein Arzt hinzu.

"Über ihr Mobiltelefon und über ein Wearable werden Annas Vitalparameter (Blutdruck, Puls, Atemfrequenz), der Blutzucker und ihre tägliche Gehstrecke durchgehend aufgezeichnet, automatisch an das Ärztehaus gesendet und in ihrem elektronischen Patientendossier (ePD) abgelegt", heißt es weiter zum neuen Behandlungspfad.

Auf das ePD könne sie jederzeit via Smartphone zugreifen. Sollten die Werte außerhalb einer definierten Bandbreite liegen oder einen negativen Trend zeigen, werde Anna vom Ärztehaus kontaktiert. Reagiere sie nicht, werde ein Rettungswagen zu ihr nach Hause geschickt. Neu sind laut Studie in Zukunft auch Retail-Kliniken, die zum Beispiel an Apotheken angeschlossen sind. Dort könnten zum Beispiel Auffrischungsimpfungen vorgenommen werden – und in die ePD übertragen werden.

Aufbau tageschirurgischer Zentren

Für den stationären Sektor geht PwC unter anderem von einem massiven Abbau von Bettenkapazitäten und dem Aufbau tageschirurgischer Zentren aus. Dafür würden die Kliniken immer weiter digitalisiert, hielten assistive Robotersysteme Einzug in den OP.

Vieles, was früher ein Arzt gemacht habe, werde nun von einem Physician Assistant (PA) durchgeführt. Die Behandlung erfolge interdisziplinär und besser strukturiert als früher. Nach der Entlassung bleibe das Spital mit Anna via App in Verbindung und bereite den Übergang in die nachstationäre Betreuung durch das Ärztehaus vor.

Bleibt abzuwarten, wie viel sich das Schweizer Gesundheitssystem in den verbleibenden zwölf Jahren bis zum Jahr 2030 dann wirklich verändern kann.

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