Ärzte Zeitung online, 06.03.2018

Gesundheitsökonome

Die letzten Lebensjahre sind keine Kostentreiber

Die Behandlung von Patienten in den letzten Lebensjahren kostet das Gesundheitswesen sehr viel Geld, heißt es immer wieder. Doch die Ausgaben sind gar nicht so hoch, zeigt jetzt eine Berechnung von Ökonomen.

Die letzten Lebensjahre sind keine Kostentreiber

Nur ein Fünftel der Gesamtkosten werden einer Berechnung zufolge von Patienten in den letzten Lebensjahren verursacht.

© Andrea Warnecke / dpa

HAMBURG. Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie am 5. und 6. März in Hamburg wurde deutlich, in welchen Bereichen Gesundheitsökonomie wichtige Hinweise auf Entwicklungen im Gesundheitswesen liefern können.

Ein Beispiel: Der Zusammenhang zwischen Alter und Gesundheitsausgaben. Nach gängiger Meinung entfällt ein hoher Anteil der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen auf die Behandlung von Patienten in den letzten Lebensjahren.

Die tatsächliche Ermittlung fällt jedoch schwer, weil in aller Regel nur die stationär anfallenden Kosten eingerechnet werden.

Nach aktuellen Zahlen der Uni Konstanz beträgt der Anteil der Kosten, die Patienten in ihren vier letzten Lebensjahren verursachen, 20 Prozent der Gesamtausgaben. Untersucht wird in Konstanz auch, welche Erkrankungen besonders hohe Kosten verursachen. Hier ist aber keine starke Abhängigkeit zum Alter der Patienten feststellbar. (di)

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[06.03.2018, 17:43:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Gesundheitsökonomische "Milchmädchenrechnung"!
Dass gesundheitsökonomisch die letzten Lebensjahre k e i n e Kostentreiber sein sollen, wie ein ÄZ-Titel erneut  suggerieren will, ist eine klassische "Milchmädchenrechnung" meist Medizin-bildungsferner Gesundheitsökonomen zuletzt auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie am 5. und 6. März 2018 in Hamburg.

Wenn nach aktuellen Zahlen der Uni Konstanz der Anteil der Kosten, die Patienten in ihren vier letzten Lebensjahren verursachen, 20 Prozent der Gesamtausgaben betragen, muss das im Zusammenhang mit der durchschnittlichen Lebenserwartung gesehen werden.

Diese beträgt 81,09 Jahre (Stand 2015): Bei der Geburt bei Männern 78,18 und bei Frauen 83,06 Jahre
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Sterbefaelle/Tabellen/LebenserwartungDeutschland.html

- Auf die ersten durchschnittlich 77 Lebensjahre entfallen insgesamt 80% der Gesamtausgaben, das sind 1,04% pro Jahr.

- Auf die letzten 4 Jahre entfallen jedoch insgesamt 20% der Gesamtausgaben, das sind 5,0% pro Jahr.

Die Kosten der Gesamtausgaben, die Patientinnen und Patienten in ihren vier letzten Lebensjahren verursachen, liegen pro Jahr also um knapp 500% über dem vorherigen jährlichen Kostendurchschnitt.

Wenn das keine exorbitanten Steigerungen der Gesamtausgaben sind?

Ein weiteres Beispiel für vergleichbare "Populäre Irrtümer" und unlogisch-falsche Schlussfolgerungen: "End-Of-Life Medical Spending In Last Twelve Months Of Life Is Lower Than Previously Reported" von Eric B. French et al. DOI: 10.1377/hlthaff.2017.0174
Vgl dazu: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/article/940656/studie-letztes-lebensjahr-nicht-teuerste.html
und meinen Kommentar dazu:
"Und wer allen Ernstes behaupten will, die Krankheitsausgaben der letzten drei Jahre zwischen 16,7 und 24,5 Prozent sein angeblich höher, als die der letzten zwölf Lebensmonate eines Menschen mit im Schnitt zwischen 8,5 und 11,2 Prozent der gesamten Krankheitsausgaben, argumentiert mathematisch infantil bzw. hat mathematische Berechnungen per annum nicht verstanden.
Als leicht verständlicher Dreisatz: Wenn 3 Jahre zwischen 16,7% und 24,5% kosten, sind das arithmetisch durchschnittlich 5,57% bis 8,17% pro Jahr. Dies sind weitaus w e n i g e r als die empirisch berichteten Durchschnittswerte zwischen 8,5% und 11,2% der Krankheitsausgaben der gesamten letzten zwölf Lebensmonate eines Menschen.
In Deutschland sind es 21,4% für die letzten 3 Lebensjahre (7,1% pro Jahr), aber immerhin 11,0% für die letzten 12 Lebensmonate." (Zitat Ende)

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)  zum Beitrag »

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