Ärzte Zeitung online, 08.03.2018

Kommentar

Mahnen und mitmachen!

Von Dirk Schnack

gp

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Die Ökonomisierung der Medizin und ihre Folgen sind von Ärzten in den vergangenen Jahren zu Recht thematisiert worden. Patienten und Personal hatten unter den Folgen zu leiden; dies zu verschweigen, wäre ein schweres Versäumnis gewesen.

Die Diskussionen auf Deutschen Ärztetagen und anderen Veranstaltungen zeigen aber auch, dass die Mehrzahl der Ärzte wirtschaftliche Zwänge nicht einfach ausblendet. Wer heute in der Gesundheitsversorgung tätig ist, weiß in aller Regel um die finanziellen Rahmenbedingungen.

Dass es dennoch immer wieder etwa zwischen Ärzten und Geschäftsführern in Kliniken zu unterschiedlichen Sichtweisen kommt, ist nur verständlich: Ärzten ist die Versorgung wichtiger als eine kurzfristige Rendite. Guten Betriebswirten übrigens auch, wenn sie mit ihrer Einrichtung langfristig am Markt bestehen wollen.

Auf der jüngsten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie wurde der Finger in eine andere Wunde gelegt: Ärzte kritisieren zwar die Ökonomisierung, bei der Mitwirkung von Konzepten, wie man zu Lösungen unter finanzieller Begrenzung gelangen kann, halten sie sich aber oft zurück.

Die Mahnung von Professor Ferdinand Gerlach sollte bei Ärzten Gehör finden – konstruktive Mitwirkung bringt Patienten mehr als bloße Kritik.

Lesen Sie dazu auch:
Gesundheitsökonomie: "Forderung nach mehr Geld ist noch kein Alternativvorschlag"

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[19.03.2018, 15:02:57]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Hans-Joachim Nagel
Nach fast 36 Jahren ärztlicher und 30jähriger Tätigkeit als Hausarzt schätze ich den Sachverhalt doch etwas anders ein. Nachvollziehbar ist, dass in den letzten vier Lebensjahren 20 Prozent der Gesamtkosten anfallen. Ob dies ein Achtzigjähriger ist, der in seinen letzten Lebensjahren wegen Atemwegsinfekten oder Stürzen immer wieder ins Krankenhaus muss oder ein Sechzigjähriger ist, dem bei einem Krebsleiden durch neue Chemotherapie-Verfahren ein paar Jahre Lebenszeit ermöglicht werden. Ersterer hat bis zu dieser Zeit das Gesundheitswesen aber aufgrund seiner Lebenszeit mehr gekostet, letzterer kostest in dieser Zeit mutmaßlich sogar noch mehr!
Also was soll diese Aussage von den letzten vier Jahren und den zwanzig Prozent überhaupt?
Ja und es ist nicht die steigende Lebenserwartung an sich, sondern es ist der medizinische Fortschritt, der das Gesundheitswesen immer teurer macht. Vor noch keinen fünfzig Jahren sind die Menschen rauchend und mit schlecht eingestelltem Diabetes mit 65 Jahren in Rente gegangen und mit 67 Jahren eines akuten Herztodes verstorben und haben die Sozialkassen nicht lange belastet. Einer der früheren Ärztekammervorsitzenden nannte dies
sozialverträgliches Frühableben. Er wurde dafür kritisiert, hatte aber recht.
Was die politische Vertreterin Hamburgs, Gesundheitssenatorin Frau Prüfer-Storcks, vor hat sind die Methoden der letzten dreißig Jahren. Man muss nur an Kodierung- und Honorierungsschrauben lange genug drehen, dann bekommt man die Kosten schon irgendwie wieder herunter. Dies hat dazu geführt, dass Ärzte in Krankenhäusern die Fallpauschalbehandlung als zunehmend entmenschlichend empfinden und im niedergelassenen Bereich die alten Hausärzte für 25 Euro Hausbesuche fahren und dadurch die medizinische Versorgung weiter aufrecht erhalten, aber dafür keine Nachfolger finden, weil die jungen Kollegen dieses System längst durchschaut haben.
Auch die Aussage von Prof Gerlach, einem Vertreter der Ärzteschaft, sehe ich kritisch. Heißt nicht von Ökonomen lernen, letztendlich auch Patienten Behandlungen, die möglich wären, vorzuenthalten? Da kollidiert meines Erachtens nach der ärztliche Behandlungsauftrag massiv mit dem von uns ökonomisch Verlangten. Und letztendlich wird die Zweiklassenmedizin erst recht befeuert, weil sich die richtig Reichen dann die zwar ökonomisch unsinnige Behandlung eben doch leisten könnten.
Meines Erachtens brauchen wir wieder die alte Dreiteilung:
1. Wir müssen unabhängige! Ärzte für unsere Patienten sein, die nach festen Preisen(die gab es einmal!)bezahlt werden.
2. Krankenkassen müssen sagen, ob sie diese Leistungen bezahlen können und
3. Die Politik muss sich um die Rahmenbedingungen kümmern. Dies ist schwierig, gebe ich zu, kann aber auf keinen Fall die Aufgabe der an der Behandlung von Patienten beteiligten Ärzte sein.

Dr. Hans-Joachim Nagel,
Ludwigsburg
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