Ärzte Zeitung online, 26.04.2018

Gesundheitswirtschaft

Forderung nach Deregulierung beim Mainzer Pharmadialog

Die Beteiligten am Pharmadialog zeigen sich mit dem Standort Rheinland-Pfalz zufrieden, äußern aber auch weitere Wünsche.

Von Christoph Barkewitz

Forderung nach Deregulierung beim Mainzer Pharmadialog

Die Pharma-Branche hat eine hohe Bedeutung für Rheinland-Pfalz.

© Franz Pfuegl/stock.adobe.com

MAINZ. Nach fünf Jahren "Pharmadialog" in Rheinland-Pfalz sieht die dortige Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) die zu Beginn gesteckten Ziele erreicht. Bei der ersten Auflage im Jahr 2013 sei es primär darum gegangen, gesundheitliche Fragestellungen offen zwischen Politik, Pharmabranche und Gewerkschaften zu diskutieren und die Wahrnehmung von Rheinland-Pfalz als bedeutenden Pharmastandort zu stärken, sagte die Ministerin bei der Jubiläumsfeier zum fünfjährigen Bestehen der Gesprächsplattform in Mainz. Inzwischen seien weitere Themen und vor allem weitere Teilnehmer dazu gekommen. Neben den großen im Bundesland vertretenen Pharma-Unternehmen wie Boehringer Ingelheim und AbbVie Deutschland seien nun auch Mittelständler wie die LTS Lohmann Therapie-Systeme dabei.

Die Bedeutung der Branche für das Land unterstrich Wirtschaftsstaatssekretärin Daniela Schmitt (FDP): Jeder zehnte Pharma-Mitarbeiter in Deutschland arbeite in Rheinland-Pfalz, 12.000 Beschäftigte erwirtschafteten im Vorjahr einen Umsatz in Höhe von 4,4 Milliarden Euro. Ein stärkeres Bewusstsein für Gesundheit und eine verlängerte Lebensdauer der Menschen böten der Gesundheitswirtschaft neue Chancen, so Schmitt.

Wichtiger Wirtschaftszweig

Festredner Professor Theo Dingermann, Akademischer Direktor der Goethe Business School, bestätigte dies mit einer Zuspitzung: Durch die "ungeheuerlichen Erfolge" der pharmazeutischen Forschung seit Mitte des 20. Jahrhunderts ließe sich "mit ehemals tödlichen Krankheiten heute gut leben": Der 1991 an den Folgen einer Aids-Erkrankung gestorbene "Queen"-Frontmann Freddie Mercury würde noch singen, der Anfang 2016 an Leberkrebs gestorbene David Bowie wäre heute geheilt, gab sich Dingermann überzeugt.

Erfolge, die einen hohen Einsatz verlangten, machten Vertreter der Industrie deutlich. Von 30.000 bekannten Krankheiten seien 10.000 behandelbar, konstatierte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Boehringer Ingelheim, Stefan Rinn: "Wir können uns also nicht ausruhen." Rheinland-Pfalz sollte deshalb alles tun, "um die guten Bedingungen des Standorts zu erhalten und weiter auszubauen".

Roland Strasser, Landesbezirksleiter der IG BCE, wies dazu auf die Notwendigkeit gut ausgebildeter Arbeitnehmer für die Pharmafirmen hin – und auf deren ordentliche Entlohnung: "Gute Medikamente gibt es nicht für einen Appel und ein Ei."

Tatsächlich haben die Unternehmer diesbezüglich leichte Zukunftssorgen. Rinn erklärte, im Allgemeinen seien Mitarbeiter noch gut zu rekrutieren – nicht so bei Spezialkräften. Dr. Patrick Horber, Sprecher der Geschäftsführung von AbbVie Deutschland, sagte, es gebe hier zwar sehr gute Fachkräfte, er glaube aber, dass die Suche in der Zukunft schwieriger werden würde. Als Mittelständler sei es dagegen schon heute problematischer, hochqualifiziertes Personal zu finden als für bekannte Unternehmen, warf Dr. Tim Schlange, Vorstandsmitglied der Andernacher LTS Lohmann Therapie-Systeme, ein.

Aber auch die vielen Vorschriften in Deutschland erschweren den Unternehmen aus deren Sicht die Arbeit. Boehringer-Chef Rinn drängte darauf, Doppelregulierungen abzubauen, die die Ärzte in ihrem Verordnungsverhalten verunsichern. Horber von AbbVie assistierte mit Blick auf Investitionsentscheidungen aus der Chicagoer Zentrale: Sollten die hiesigen Ärzte nicht nach dem Zusatznutzen des Medikaments verordnen dürfen, werde das im Mutterhaus in den USA nicht so gerne gesehen. Gewerkschaftsführer Strasser warnte: "Wir sind nicht mehr die Apotheke der Welt."

Kritik an der Rolle der GKV

Da diese Vorgaben im Bund und nicht in den Bundesländern aufgestellt werden, hatten die Beteiligten des Mainzer Dialogs im März 2016 ein gemeinsames Positionspapier nach Berlin gesandt, in dem sie eine "klare Trennung von medizinischer Bewertung und nachgelagerten Erstattungsbetragsverhandlungen" forderten. Vor allem die Rolle des GKV-Spitzenverbands "als Regelgeber, Schiedsrichter und Spieler" im Prozess der Zusatznutzenbewertung stieß auf Kritik. Horber und Rinn appellierten deshalb, den Wert eines Arzneimittels für die Gesellschaft zu betrachten – "am Ende stehen wir hier alle, um den Patienten zu helfen".

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