Ärzte Zeitung online, 09.09.2009

Wahltarife

Was sind Wahltarife?

Seit dem 1. April 2007 hat sich das Angebotsspektrum der Krankenkassen differenziert. Zusätzlich zum allgemeinen Krankenversicherungsschutz stehen den Versicherten verschiedene Tarife der Kassen zur Verfügung, über die sie Zugang zu besonderen Versorgungsformen, neuen Abrechnungsmodalitäten oder zusätzlichen Leistungsbereichen erhalten.

Welche verschiedenen Wahltarif-Arten gibt es?

Es gibt sowohl verpflichtende Wahltarife, die die Krankenkassen anbieten müssen, als auch freiwillige Angebote, über die jede einzelne Kasse selbst entscheiden kann.

  • Verpflichtende Angebote:
  • Dazu gehören Tarife zur Hausarztzentrierten Versorgung, zur Integrierten Versorgung, zu Disease-Management-Programmen, zur besonderen ambulanten Versorgung und zu Modellvorhaben. Die Tarife sind für die Versicherten freiwillig. Die Kassen können als Anreiz für die Teilnahme Prämienzahlungen oder Zuzahlungsermäßigungen festlegen. Bei diesen Angeboten gibt es für die Versicherten keine Mindestbindungsfrist. Ab dem 1. Januar 2009 müssen die Krankenkassen darüber hinaus Wahltarife mit Anspruch auf Krankengeld auflegen für Versicherte, die in der Regelversorgung keinen vollen Anspruch auf Krankengeld haben, beispielsweise Selbstständige oder kurzzeitig befristet Beschäftigte. Für den zusätzlichen Leistungsanspruch müssen die Versicherten eine Prämie bezahlen.

  • Freiwillige Angebote:
  • Bei diesen Tarifen bleibt es den Kassen überlassen, ob sie diese anbieten. Möglich sind Tarife für Kostenerstattung oder mit Selbstbehalten, für die Nichtinanspruchnahme von Leistungen oder für die Kostenübernahme für Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen.

    Mit der Wahl eines solchen freiwilligen Tarifs bindet sich der Versicherte für mindestens drei Jahre. Vor Ablauf dieser Frist kann er die Kasse nur in Härtefällen wechseln. Bei Angeboten wie Tarifen mit Selbstbehalten oder für die Nichtinanspruchnahme von Leistungen können die Kassen den Versicherten eine Prämie gewähren. Solche Prämienzahlungen dürfen 20 Prozent der Jahresbeiträge und 600 Euro nicht überschreiten. Bei anderen Tarifen zahlen die Versicherten einen zusätzlichen Beitrag an die Kasse.

    Ab dem 1. Januar 2009 können die Krankenkassen auch einen Wahltarif mit eingeschränktem Leistungsumfang für die Personen anbieten, die sich für die Teilkostenerstattung entschieden haben. Das ist ein eingeschränkter Versichertenkreis. Alle Wahltarife müssen sich selbst finanzieren und dürfen nicht aus anderen Tarifen quer subventioniert werden. Die Kassen müssen mindestens alle drei Jahre gegenüber der Aufsicht Rechenschaft ablegen.

    Die Wahltarife sind zu unterscheiden von den Zusatztarifen. Diese Tarife verschaffen den Versicherten Zugang zu Leistungen, die nicht in das Spektrum der gesetzlichen Krankenkassen gehören, beispielsweise Heilpraktikerleistungen oder Krankentagegeld. Sie sind bislang ein klassisches Produkt der privaten Krankenversicherung. Die AOK Rheinland/Hamburg hat als erste Kasse damit begonnen, selbst Zusatzversicherungen anzubieten. Kann sie sich damit - auch gerichtlich - durchsetzen, werden vermutlich andere Kassen dem Beispiel folgen.

    Wo ist es geregelt?

    Die gesetzlichen Vorgaben für die verpflichtenden und die freiwilligen Wahltarife der Krankenkassen finden sich in Paragraf 53 SGB V.

    Was ist das Ziel?

    Die Wahltarife sollen den Krankenkassen größere Gestaltungsspielräume geben und damit mehr Möglichkeiten, sich im Wettbewerb zu positionieren. Gleichzeitig stärken die neuen Angebote die Wahlfreiheit der Versicherten. Ihnen wird es ermöglicht, den Versicherungsschutz stärker als früher auf ihre individuellen Bedürfnisse und Vorlieben auszurichten. Kritiker der Wahltarife argumentieren, dass sich die neuen Kassenangebote vor allem an Junge und Gesunde richten.

    Was bedeuten die Tarife für Haus- und Fachärzte?

    Die Wahltarife bieten den niedergelassenen Ärzten zum einen die Chance, gesetzlich Versicherten ein breiteres Leistungsspektrum anzubieten. So eröffnen sie den Ärzten zum Teil zusätzliche Verdienstmöglichkeiten, bei der Kostenerstattung etwa durch die Möglichkeit, vom Sachleistungsprinzip abweichen und eine Privatrechnung ausstellen zu können. Zum anderen kann das neue Angebotsspektrum den bürokratischen Aufwand in den Praxen deutlich erhöhen. Der Arzt muss die Übersicht darüber behalten, welche Leistung er welchem Patient anbieten kann und wie er sie dann gegebenenfalls abrechnen muss.

    Topics
    Schlagworte
    ABC des Gesundheitswesens (40)
    Organisationen
    AOK (7162)

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

    Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

    Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

    "Mehr Geld für Kranke, weniger für Gesunde"

    15:47Die Verteilungsregeln für den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen sollen deutlich verändert werden. Das hat ein Expertenkreis beim Bundesversicherungsamt jetzt vorgeschlagen. Die Meinung der Kassen ist geteilt. mehr »

    Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

    Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »