Ärzte Zeitung, 25.08.2014

Kreative Beispiele

Ein Land der Ideen gegen Ärztemangel

Wie lässt sich auf dem Land bei schrumpfender Bevölkerung gute medizinische Versorgung erhalten? Für die Antwort auf die Frage sind kreative Ideen gefragt. Es gibt sie - an vielen Orten.

Von Dirk Schnack

Ein Land der Ideen gegen Ärztemangel

Landarzt gesucht - an vielen Orten werden auch Ärzte selbst initiativ.

© Marco2811 / fotolia.com

BERLIN. Wenn es darum geht, Versorgungsengpässe auf dem Land abzumildern, dann entwickeln auch Ärzte an vielen Stellen in Deutschland Ideen: Landärzte als Mentoren für Medizinstudenten, die von den Erfahrungen profitieren und einen detaillierten Einblick in ihre Arbeit erhalten.

Eine Internetseite, über die junge Ärzte an ein umfassendes Weiterbildungspaket in einer Region kommen und zugleich praktische Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Kindergartenplatz erhalten. Oder ein umgebauter Kleintransporter, mit dem Ärzte durch den Landkreis fahren und in Dörfern, in denen kein Kollege mehr praktiziert, Patienten behandeln.

Dies sind nur drei von zahlreichen Initiativen, die derzeit in Deutschland als Lösung gegen drohenden Ärztemangel erprobt werden. Jede in einer anderen Region, mit unterschiedlicher Resonanz und verschiedenen Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zu den ausgezeichneten Orten der Initiative "Land der Ideen" zählen.

Wie wichtig solche Initiativen sind, zeigt ein Blick auf die Altersverteilung der Ärzte in Deutschland. Bis 2020 werden voraussichtlich rund 67.000 niedergelassene Ärzte in Ruhestand gehen - und viele von ihnen haben keinen Nachfolger. Während in den meisten Städten Nachfrage nach einer Praxisübernahme vorhanden ist, wird in vielen Regionen bereits von einem Ärztemangel gesprochen.

Alle müssen an einem Strang ziehen

Auch in der Wirtschaft ist das Thema angekommen. Schon seit einigen Jahren beobachtet die Deutsche Bank, die seit 2006 als Nationaler Förderer für das Land der Ideen auftritt, die sich abzeichnende Entwicklung.

"Politik, Wirtschaft und Interessenverbände müssen an einem Strang ziehen und medizinische Versorgungskonzepte neu denken: Wir brauchen innovative Konzepte, die speziell auf die Bedürfnisse der Menschen in ländlichen Regionen zugeschnitten sind. Regional organisierte integrierte Versorgung könnte dabei eine wichtige Komponente der Gesundheitsversorgung von morgen sein", sagt Carolin Roos, die als Leiterin Heilberufe der Deutschen Bank die Szene kennt.

Als Beispiel für gelungene Initiativen nennt sie das Ärztenetz Südbrandenburg, das zu den ausgezeichneten Orten 2014 im Land der Ideen zählt. Dort, in der Region Elbe-Elster, hat das Netz einen Weg gefunden, der es Menschen mit Demenz ermöglicht, lange ein selbstbestimmtes Leben zu führen und zugleich die Angehörigen zu entlasten.

Wie wichtig dies nicht nur für den Einzelnen, sondern für die gesamte Gesellschaft ist, zeigen die Zahlen der Deutschen Alzheimergesellschaft: Danach leben derzeit 1,5 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Ohne Durchbruch in Prävention und Therapie steigt diese Zahl jedes Jahr um rund 40.000 - umso wichtiger sind Versorgungskonzepte wie in Südbrandenburg.

Auch allgemein steigt der Versorgungsbedarf. Der Gesetzgeber hat zwar 2012 mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz reagiert, aber zumindest nicht auf breiter Front Abhilfe schaffen können. Das Gesetz sah wie berichtet finanzielle Anreize für Landärzte vor, um die Verteilung der Ärzte zwischen Stadt und Land zu verändern. Heute weiß man: Vergütungsanreize allein motivieren junge Ärzte offenbar nicht zu einer Niederlassung auf dem Land.

Gefragt sind unter anderem feste Arbeitszeiten und Teamwork. Das wird in vielen der ausgezeichneten Projekte geleistet. Zwischen den Ärzten, aber auch zwischen verschiedenen Gesundheitsberufen.

Abgestimmte Versorgung wie im Fall Südbrandenburg, wo Ärzte, Fallmanager, Gemeindeschwester und Ehrenamtliche gemeinsam Hilfe zur Selbsthilfe leisten, hat sich bei den ausgezeichneten Orten im Land der Ideen mehrfach als Erfolgskriterium herausgestellt. Folgende ausgezeichnete Orte bringen Ideen für eine bessere medizinische Versorgung auf dem Land:

Mentoren für Medizinstudenten

Die Universität Halle-Wittenberg hat das Mentorenprogramm im Projekt "Klasse Allgemeinmedizin" ins Leben gerufen, damit Medizinstudenten von Landärzten Erfahrungen aus erster Hand erhalten. Durch den Kontakt und eine Hospitanz in der Mentoren-Praxis lernen die Studierenden den Arbeitsalltag von Beginn an kennen und können sich so ein unverfälschtes Bild von den Arbeitsbedingungen eines Landarztes machen. Durch das Projekt werden 20 Studierende ab dem ersten vorklinischen Semester  in einem festen Klassenverband auf eine spätere Tätigkeit als Haus- bzw. Landarzt vorbereitet.   Die "Klasse Allgemeinmedizin" wird als Wahlfach ergänzend zum Regelstudiengang Medizin angeboten.

Gesundheit schafft Zukunft

Unter diesem Namen zeigt der Landkreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen, wie eine Region gemeinsam mit der KV gegen drohenden Ärztemangel initiativ werden kann. Im Internet (www.landarzt-werden.de) wirbt man gemeinsam um junge Ärzte, die in der Region ein komplettes Weiterbildungspaket erhalten. Dazu gehört neben Mentoring und Hospitanzen auch ein Willkommenspaket. Das unterstützt die niederlassungswilligen Ärzte bei der Wohnungssuche oder bei der Auswahl eines geeigneten Kita-Platzes. Ziel ist es, dass den neuen Ärzten das Ankommen in der Region von Beginn an erleichtert wird.

Rollende Arztpraxis

Im niedersächsischen Landkreis Wolfenbüttel hat schon längst nicht mehr jeder Ort eine Arztpraxis. Zugleich wird ein immer größerer Teil der Bevölkerung weniger mobil - deshalb erprobt man dort dieses Jahr eine rollende Arztpraxis. Ein umgebauter Kleintransporter mit Liege, Laptop und Laborgeräten dient als Behandlungszimmer. Der Andrang ist zwar nicht stark genug, um die rollende Praxis wirtschaftlich betreiben zu können. Das zum Jahresende auslaufende Projekt hat aber gezeigt, dass eine mobile Versorgung möglich ist und im Einzelfall andere Wege als die herkömmliche Arztpraxis funktionieren können.

Zahnärztlicher Hausbesuchsdienst

Eine Zahnärztin in Templin bemerkte, dass immer weniger ihrer Patienten aus dem Umland mobil genug waren, um ihre Praxis zu erreichen. Deshalb ließ sie sich eine Behandlungseinheit in einen Rollkoffer einbauen und fährt seitdem mit dem Kleinbus zu Patienten nach Hause. Der Koffer ist so ausgefeilt, dass selbst die strengen Entsorgungsvorschriften der Zahnärzte eingehalten werden. Auch das Einlesen der Versichertenkarte geschieht vor Ort. Für die älteren und pflegebedürftigen Patienten in der Region Uckermark hat die Zahnärztin so einen Weg gefunden, der ihnen noch eine angemessene zahnärztliche Versorgung ermöglicht.

Netzwerk für Demenzkranke

Eine Tochterfirma des mehrfach ausgezeichneten Ärztenetzes Süd-Brandenburg (ANSB) ermöglicht es auch dementen Menschen, selbstbestimmt und bis ins hohe Alter zu Hause zu leben. Möglich macht dies die besonders enge Zusammenarbeit der Ärzte mit anderen Gesundheitsberufen. Bei Bedarf delegieren die Ärzte Hausbesuche über die Tochterfirma an speziell geschulte Krankenschwestern, die wiederum mit Sanitätshäusern, Pflegeeinrichtungen und Behörden kommunizieren und für die Patienten tätig werden. Integriert in die Abstimmung sind neben den Schwestern auch Fallmanager und ehrenamtliche Mitarbeiter. So stehen Ärzte häufiger in den Praxen zur Verfügung und die Patienten fühlen sich besser versorgt.



Gesucht: 3300 neue Hausärzte im Jahr

Knapp ein Drittel der Hausärzte ist derzeit 60 Jahre oder älter. Jedes Jahr werden nach Prognosen der KBV zwischen 2100 und 2200 Hausärzte aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden. Aber nur knapp 900 junge Allgemeinärzte lassen sich in eigener Praxis neu nieder - zwei Drittel des Ersatzbedarfs sind nach Analysen des Gesundheits-Sachverständigenrats derzeit nicht gedeckt.

Etwas mehr als 15.000 Hausärzte - Allgemeinärzte und hausärztlich tätige Internisten waren Mitte 2013 60 Jahre und älter. Das sind im Bundesdurchschnitt 30,1 Prozent. Regional schwankt der Anteil dieser älteren Ärzte deutlich: Am stärksten ist die Überalterung in Baden-Württemberg (33 Prozent), am geringsten in den neuen Bundesländern. So liegt der Anteil der 60 Jahre und älteren Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern bei 22,6 Prozent.

Es gelingt seit Jahren nicht - und in absehbarer Zukunft wird sich daran auch nichts Wesentliches ändern -, auch nur näherungsweise den Ersatzbedarf für ausscheidende Hausärzte zu befriedigen.Seit 2008 pendelt die Zahl neu anerkannter Weiterbildungen im Fach Allgemeinmedizin zwischen 1100 und knapp 1300. Trotz der gesetzlich vorgeschriebenen Fördermaßnahmen gibt es keinen Trend nach oben. Anders gesagt: Von den frisch approbierten Ärzten entscheidet sich nur etwa jeder Zehnte für die Allgemeinmedizin.

Hinzu kommt: Nur etwa 80 Prozent der neu anerkannten Allgemeinärzte entscheiden sich dafür, sich in eigener Praxis niederzulassen. Mit steigender Tendenz entscheiden sich viele junge Ärzte für eine Tätigkeit im Angestelltenstatus.

Wie viele dies genau sind und in welchem Umfang sie tatsächlich arbeiten, ist bislang nicht systematisch erfasst worden. Genaue Daten dazu werden erst in Zukunft zur Verfügung stehen.Die Lücke wird real größer ausfallen, als die derzeit zur Verfügung stehenden Daten dies ausweisen. Der Sachverständigenrat macht darauf aufmerksam, dass ausscheidende Ärzte ein Arbeitsvolumen von durchschnittlich 57,6 Wochenstunden leisten. Zumindest bei jungen Ärzten sei jedoch ein Trend zu kürzeren Arbeitszeiten erkennbar. Ferner liege die Frauenquote inzwischen bei rund 60 Prozent. Aufgrund dessen müsse der Ersatzbedarf für jeden ausscheidenden Hausarzt mit dem Faktor 1,5 Prozent gewichtet werden, so der Sachverständigenrat.

In absoluten Zahlen: Jedes Jahr müssten sich 3300 Allgemeinärzte, gegebenenfalls hausärztlich tätige Internisten in der Grundversorgung niederlassen oder zumindest als angestellte Ärzte tätig werden. (HL)

[25.08.2014, 12:10:39]
Dr. Rüdiger Storm 
Finanzielle Anreize erhöhen
Die Politik staunt und sieht fast regungslos zu.
So lange die Allgemeinmedizin keine bessere Vergütung erfährt - hier werden oft ältere multimorbide Patienten versorgt, diese mit entsprechenden Zeitaufwand und hoher Kontakthäufigkeit- so lange wird es für junge Nachwuchsmediziner nicht attraktiv sein.
Der eine oder andere fachärztlich tätige Kollege kann da mit hohem Durchsatz und verengtem Blickfeld sein Gebiet zügig abarbeiten.
Für die Komplexität des ganzen Patienten ist dann der HA zuständig.

P.S.
Geschönte Statistiken zur Einkommenssituation sind da nicht hilfreich.
Am Ende zählt nur was rauskommt. zum Beitrag »
[25.08.2014, 11:47:57]
Dr. Wolfgang Bensch 
Kreative Idee: Angemessene Vergütung ärztlicher Leistung
Das starre und funktionärslastige System der "guten alten Reichsversicherungsordnung RVO" von 1911, das seit 1989 in das Sozialgesetzbuch V überführt wurde, ist dazu nicht in der Lage, was "chronische Reformen" daran hinreichend bewiesen haben. Dennoch hält sich die Ideologie des "Freiberuflers" in diesem bürokratischem Dickicht, das nun ein gelernter Jurist als Minister "befehligt" und den "Gröhe-Termin" salonfähig macht.
Angela Merkel bekam die vereinte und geballte Kritik der Nobelpreisträger kürzlich in Lindau zu Ohren, was ihre Wirtschafts- und Währungspolitik angeht, über die Gesundheitspolitik lieber gleich Schwamm drüber? zum Beitrag »
[25.08.2014, 10:26:54]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Arbeitslbedingungen verbessern
Kanada geht voran - dort entscheiden sich inzwischen über 40% der frischen Ärzte für Allgemeinmedizin - weil die Rahmenbedingungen deutlich verbessert wurden.
Aber selbst wenn wir diese Wende auch schaffen würden - bis die jetzigen Medizinstudenten fertige Allgemeinärzte werden, vergehen noch 6-8 Jahre.
Bis dahin müssen wir die Arbeitslast verringern - z.B. durch Änderung der AU-Richtlinie. Warum sollen Menschen mit Migräne, Menstruationsbeschwerden, grippalen Infekten, Gastroenteritis etc. ab dem ersten Krankheitstag die Wartezimmer füllen? Medizinisch sinnvoll ist das nicht.
Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Der hat den jetzigen Ärztemangel durch die über 20%ige Streichung von Studienplätzen seit 1990 ja auch verursacht! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »