Ärzte Zeitung online, 31.08.2017
 

Arndt Striegler bloggt

Step by step – aber in welche Richtung?

Es geht weiter in Sachen Brexit-Verhandlungen. Langsam zwar, aber zumindest reden die Chefunterhändler aus London und Brüssel seit Anfang dieser Woche wieder miteinander. Grund für Optimismus? Man wird sehen.

Von Arndt Striegler

Step by step – aber in welche Richtung?

Bloggt für die "Ärzte Zeitung" aus London: Arndt Striegler.

© privat

LONDON. Der zaghafte Beginn der Brexitverhandlungen ist zunächst einmal ein gutes Zeichen. Wobei – ehrlich gesagt – der Optimismus, dass endlich, endlich ein Durchbruch im Brexit-Poker vor der Tür stehen könnte, hier in London recht gedämpft bleibt. Und wenn man in diesen Tagen mit Ärzten und Krankenpflegern in England über das Thema Brexit spricht, dann erntet man meist nur ein müdes Lächeln verbunden mit Kommentaren wie diesem von einem Londoner Klinikverwaltungs-Mitarbeiter: "Die sollen mal schnell harte Fakten schaffen, denn uns laufen die Ärzte und Pflegekräfte weg!"

Starke Zweifel am Happy End

Unsicherheit rund um den Brexit und wie dieser konkret aussehen wird, macht die Leute nicht nur im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) mürbe. Landauf, landab bekommen offenbar immer mehr Briten inzwischen ernsthafte Zweifel, ob Brexit wirklich das von Regierungschefin Theresa May und Außenminister Boris Johnson immer wieder beschworene Happy End nehmen wird.

Der Brexit-Blog der "Ärzte Zeitung"

"Es wird nichts sein wie früher!"

» Seit mehr als zwei Jahrzehnten berichtet Arndt Striegler für die „Ärzte Zeitung“ aus Großbritannien. Den Umbruch durch den Brexit spürt er am eigenen Leib – etwa als Patient im Gesundheitsdienst NHS.

» Die Versuchsanordnung ist einmalig: Ein von der Globalisierung geprägtes Gesundheitswesen soll renationalisiert werden. Das durchkreuzt Lebenspläne von Ärzten und Pflegekräften aus dem Ausland.

» Im Wochenrhythmus schildert Blogger Arndt Striegler, der seit 31 Jahren auf der Insel lebt, von nun an die politischen und kulturellen Folgen des Brexit.

» Lesen Sie dazu auch: "NHS und Beg Ben – very british, indeed!"

Sogar die oppositionelle Labour Party, die bislang in Sachen EU-Ausstieg mehr oder weniger auf Regierungslinie lag, hat offenbar inzwischen ernsthafte Zweifel, ob das Happy End denn tatsächlich kommen wird.

Anfang der Woche gab die Arbeiterpartei etwas überraschend bekannt, man sei nicht länger für einen kompletten Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion, sondern man könne sich durchaus eine "Übergangsphase" nach März 2019 vorstellen, während der Großbritannien weiter im Binnenmarkt agieren könne. März 2019 deshalb, weil dann die Scheidungsfrist abgelaufen ist.

Zahl der Einwanderer sinkt bereits

Wie gesagt: die Zeit drängt. Gerade wurde bekannt, dass die Zahl der Einwanderer nach Großbritannien zwischen März 2016 und März 2017 um alarmierende 25 Prozent sank: von 327.000 Einwanderern 2016 auf unter 246.000 Einwanderern 2017. Und die Klinikverwaltungen und andere Dienstleister im britischen Gesundheitswesen sind alarmiert. Zumal nach wie vor vollkommen unklar ist, ob EU-Ärzte, Krankenschwestern und –pfleger und anderes Gesundheitspersonal nach März 2019 weiterhin in Großbritannien leben und arbeiten dürfen und wenn ja, unter welchen Bedingungen.

Da überrascht es nicht, dass Klinikchefs ebenso wie ärztliche Berufsorganisationen wie der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) "dringend Klarheit" von der Regierung May fordern, welches Schicksal deutsche und andere EU-Ärzte nach März 2019 erwartet.

Dutzende freie Stellen für Ärzte und Pfleger

Freilich: viele Ärzte und Krankenpfleger aus der EU haben bereits das Land verlassen, wie die neuen Einwanderungs- und Auswanderungszahlen belegen. "Wir haben dutzende freie Stellen sowohl für Ärzte als auch im Pflegebereich, die wir derzeit nicht füllen können, weil es nicht genug Bewerber gibt", so ein Sprecher einer großen Londoner Universitätsklinik gegenüber der "Ärzte Zeitung". "Das ist schlecht für die Moral und für die Patientenversorgung und wir machen uns ernsthaft Sorgen, wie das weiter gehen soll, wenn zum Beispiel in diesem Winter die Zahl der saisonbedingten Einweisungen wieder stark steigen wird."

Und was unternimmt, die britische Brexit-Verhandlungsdelegation unter Chefunterhändler David Davis? Wenig Sinnvolles, wie es scheint. Die Woche in Brüssel begann damit, dass einige Mitglieder der UK-Delegation irrtümlich davon ausgingen, dass die Gespräche am Dienstag und nicht am Montag starten würden. Warum? Weil in Großbritannien am Montag gesetzlicher Feiertag war. Und als wenn dies noch nicht genug wäre, um in Brüssel Leute zu verärgern: Davis weigert sich nach wie vor, konkret zu sagen, wie sich Großbritannien denn nun den Brexit vorstellt und was mit den mehr als drei Millionen EU-Bürgern, die derzeit in Großbritannien leben und arbeiten, nach März 2019 geschehen soll.

Dürfen deutsche Ärzte bleiben? Wie sehen die Formalitäten und bürokratischen Hürden aus, wenn sich ein deutscher oder anderer EU-Arzt für einen Verbleib auf der Insel entscheidet? Und werden die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien auch nach März 2019 weiterhin vom Europäischen Gerichtshof überwacht? Fragen über Fragen, auf die bislang offenbar hier in Großbritannien niemand eine konkrete Antwort geben kann oder will....

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