Ärzte Zeitung online, 07.09.2017
 

Arndt Striegler bloggt

Krank in London? Es soll auch künftig ohne Rechnung gehen

Der Fortschritt ist eine Schnecke. Das gilt auch bei den Brexit-Verhandlungen. Doch nun ist für die künftige Gesundheitsversorgung von Auslands-Briten und EU-Bürgern auf der Insel ein Durchbruch erreicht worden.

Von Arndt Striegler

LONDON. Nach der jüngsten Runde der Brexit-Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und London gab es diesmal nicht nur schlechte Nachrichten oder unzufriedene Gesichter – nein, diesmal waren es ausnahmsweise gute Nachrichten.

Zumindest dann, wenn man, wie ich und rund 3,2 Millionen andere EU-Bürger, in Großbritannien lebt und arbeitet. Unsere Gesundheitsversorgung durch den staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) soll auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens im März 2019 sichergestellt sein.

15 Monate lang haben wir Europäer hier auf der Insel darauf warten müssen, dass die britische Politik eine klare Ansage macht, ob wir auch nach dem Brexit noch Zugang zu Gesundheitsleistungen in diesem Land haben. Oder ob wir besser nicht krank werden....

Freilich steckt auch bei dieser vorläufigen Einigung der Teufel im Detail. So viel scheint klar: Beide Seiten sind sich im Prinzip einig, dass die Gesundheitsfürsorge für EU-Bürger, die derzeit in Großbritannien leben, auch nach dem Brexit gewährleistet ist. Und dass die mehr als eine Million heute in der EU lebenden britischen Staatsbürger auch künftig zum Arzt in Spanien oder ins Krankenhaus in Frankreich gehen dürfen, ohne dafür einen Kredit aufnehmen zu müssen.

Das ist ein Fortschritt und sicherlich eine gute Sache – für beide Seiten. Denn betroffen sind mehr als vier Millionen Patienten!

Rentner in sonnigen Gefilden

Die meisten Briten, die heute in der EU leben, tun dies in Spanien und Frankreich. Sie sind überwiegend älter und viele wollen ihren Lebensabend in sonnigen Gefilden verbringen. Seit dem Brexit-Votum der Briten Ende Juni 2016 schwebten sie quasi in der Luft.

Der Brexit-Blog der "Ärzte Zeitung"

"Es wird nichts sein wie früher!"

» Seit mehr als zwei Jahrzehnten berichtet Arndt Striegler für die „Ärzte Zeitung“ aus Großbritannien. Den Umbruch durch den Brexit spürt er am eigenen Leib – etwa als Patient im Gesundheitsdienst NHS.

» Die Versuchsanordnung ist einmalig: Ein von der Globalisierung geprägtes Gesundheitswesen soll renationalisiert werden. Das durchkreuzt Lebenspläne von Ärzten und Pflegekräften aus dem Ausland.

» Im Wochenrhythmus schildert Blogger Arndt Striegler, der seit 31 Jahren auf der Insel lebt, von nun an die politischen und kulturellen Folgen des Brexit.

» Lesen Sie dazu auch: "Step by step – aber in welche Richtung?"

Nun sieht es so aus, dass diese Menschen auch nach März 2019 medizinisch von spanischen, französischen, deutschen und anderen EU-Gesundheitssystemen versorgt werden. Und wenn diese Auslands-Briten nach März 2019 in andere EU-Länder reisen, dann sollen sie wie bisher ihre europäischen Versicherungskarten (EHIC) nutzen können.

Umgekehrt habe ich als deutscher Staatsbürger, der seit über 30 Jahren in Großbritannien lebt, arbeitet und Sozialabgaben inklusive Krankenversicherung zahlt, Anspruch darauf, weiter von Ärzten des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes versorgt zu werden.

Bitte erlauben Sie mir, liebe Leserin, lieber Leser, an dieser Stelle eine persönliche Bemerkung: Ich bin sehr erleichtert! 15 Monate lang nicht zu wissen, wer sich im Krankheitsfall um mich kümmert, das ist sehr belastend.

Viele Detailfragen sind ungeklärt

Leider ist auch nach dieser Klarstellung die Kuh noch nicht ganz vom Eis. Nach wie vor unklar ist zum Beispiel , wie das ganze praktisch ablaufen soll.

Wie weiß mein Londoner Hausarzt, dass ich nach dem Brexit weiter zu ihm in die Sprechstunde kommen darf, ohne dass er mir dafür eine Rechnung stellen muss? Bekomme ich einen speziellen Patientenpass? Und wie können britische Rentner, die an der Costa del Sol medizinische Hilfe brauchen, beweisen, dass sie nicht nur Urlauber sind, sondern in Spanien leben und damit Anspruch haben?Hier werden beide Verhandlungsseiten in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges regeln müssen. Aber ein Anfang scheint endlich geschafft.

Realitätsferne Forderungen

Interessant dabei: Laut den Brexit-Unterhändlern David Davis und Michael Barnier werden britische Bürger, die heute in der EU leben und arbeiten, weiter das Recht haben, dort ihre EHIC-Karte zu benutzen. Umgekehrt gilt dies auch für die rund 3,2 Millionen EU-Bürger in Großbritannien.

Dass Großbritannien darauf dringt, dass auch andere britische Staatsbürger nach dem Brexit im EU-Ausland die EHIC-Karte nutzen können, zeigt einmal mehr, wie realitätsfern die Briten am Brüsseler Verhandlungstisch agieren. Denn Brüssel lehnt eine derartige Regelung ab.

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