Ärzte Zeitung online, 06.02.2018

Arndt Striegler bloggt

Warten auf den Zweifach-Umzug der EMA

Wird das künftige EMA-Gebäude in Amsterdam rechtzeitig zum Brexit fertig sein? Den Mitarbeitern stehen gar zwei Umzüge bevor – denn erst residieren sie in einer Notunterkunft. Dabei hat ein kurioses Schauspiel des großen Schnitts schon begonnen, so unser Mann vor Ort.

Von Arndt Striegler

Warten auf den Zweifach-Umzug der EMA

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA muss durch den Brexit umziehen: Ein Mammut-Projekt.

© destina / Fotolia

LONDON. Was bedeutet der Brexit konkret für die Arzneimittelzulassung in Deutschland und in der restlichen EU? Wird es zu Schwierigkeiten und Versorgungsengpässen in Praxen und Kliniken kommen? Wird die europäische Arzneimittelsicherheit möglicherweise kompromittiert?

Und wie, wo und von wem werden neue, rezeptpflichtige Medikamente vom kommenden Jahr an zugelassen werden, wenn Großbritannien die EU verlässt und damit auch der Sitz der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) von London nach Amsterdam wechselt?

Erste Antworten gab es kürzlich in Den Haag und in Amsterdam zu hören, wo die EMA gemeinsam mit den niederländischen Gastgebern Journalisten wie mir zur Verfügung standen. Um es vorwegzunehmen: die Zulasser scheinen guter Dinge, dass es nicht zu dem von Pessimisten oft prophezeiten Medikamente-Chaos in den Praxen und Kliniken kommen wird. Doch der Reihe nach.

"Die Zeit ist knapp"

"In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir gemeinsam mit den niederländischen Behörden gute Fortschritte erzielt", freute sich EMA-Direktor Guido Rasi in Den Haag. "Aber die Zeit drängt und ist äußerst knapp. Bis spätestens zum 1. Januar 2019 benötigen wir ein komplett eingerichtetes und funktionstüchtiges Gebäude in Holland, damit wir mit dem Umzug beginnen können. Unsere rund 900 Mitarbeiter werden dann schrittweise nach und nach von London nach Amsterdam umziehen."

Soweit, so gut. Die Sache hat freilich einen Haken. Wenn die EMA-Mitarbeiter im kommenden Winter ihre Koffer in London packen werden, um mit Kind und Kegel über den Kanal nach Amsterdam umzuziehen, dann wird das eigentlich als EMA-Sitz bestimmte Gebäude in Amsterdam noch nicht fertig sein.

Daher geht es laut Agentur zunächst darum, für die Behörde, die seit nunmehr 23 Jahren von London aus entscheidet, welche neuen Arzneimittel in der EU zugelassen werden, eine Notunterkunft zu finden. Denn auch während des Umzugs müsse die tägliche Arbeit weiter gehen, so Rasi.

"Der Umzug von London nach Amsterdam ist das mit Abstand schwierigste Unterfangen, das EMA seit seiner Gründung vorgenommen hat!" Was nachvollziehbar ist, denn immerhin kam das Brexit-Votum im Juni 2016 auch für hunderte EMA-Mitarbeiter, die oft mit ihren Familien seit vielen Jahren in London leben und arbeiten, als ein großer Schock. "Der Schock aller Schocks!", wie ein mir bekannter EMA-Mann am Tag nach dem Referendum bekannte.

Wie gesagt: Bei der EMA herrscht Optimismus, dass dieser Zweifach-Umzug (erst von London in die Amsterdam-Notunterkunft und dann weiter ins eigentliche neue EMA Gebäude) bis zum 30. März 2019 reibungslos über die Bühne geht. Der 30. März 2019 ist deshalb wichtig, weil dies der erste Tag sein wird, an dem Großbritannien nicht länger EU-Mitglied ist.

80 Prozent sind umzugsbereit

Der Umzug dürfte nicht zuletzt deshalb etwas leichter fallen, weil laut Rasi "80 Prozent unserer Mitarbeiter bereit sind", von London mit nach Amsterdam-Zuidas umzuziehen. Amsterdam war laut EMA die von den meisten EMA-Angestellten bevorzugte Option. Das ist beruhigend, deutet es doch auf eine gut motivierte Mitarbeiterschaft hin, die gewillt ist, diesen Mammut-Umzug zu packen.

Während sich die Arzneimittel-Zulasser also gerade quasi auf Umzugskartons sitzend auf den Beginn einer neuen Zeitrechnung vorbereiten, verliert sich das Noch-Gastgeberland der EMA mehr und mehr in innenpolitischen Grabenkämpfen.

Die Regierungspartei von Theresa May ist hoffnungslos zerstritten über den weiteren Kurs. Vor wenigen Tagen forderten selbst bislang May-Getreue erstmals offen den Rücktritt der glücklosen Regierungschefin. Und nach wie vor ist unklar, wie sich die Briten ihre zukünftige Beziehung zur EU nach März 2019 vorstellen.

Als kürzlich Bundeskanzlerin Merkel und Theresa May über das Thema Brexit sprachen und Merkel ihre britische Kollegin fragte, wie sie sich die zukünftige Beziehung zwischen EU und Großbritannien konkret vorstelle, antworte die Lady: "Unterbreiten sie mir ein Angebot!"

Als Merkel daraufhin sagte, es sei an Großbritannien, zu sagen, was es wolle, denn schließlich habe Britannien den Austritt initiiert, wiederholte May: "Machen sie mir ein Angebot." So ging das ganze laut Augenzeugen mehrere Minuten lang, bis Merkel sichtlich entnervt das Gespräch beendete.

Raus mit der Europa-Flagge

Vielleicht ist es angesichts dieser Frustrationen und Schwierigkeiten, dass der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson jetzt Anweisung gab, alle EU-Flaggen, die auf dem Dach und in den Fluren und Amtsstuben seines Londoner Ministeriums hängen, sofort abzunehmen und mit Union Jack-Fahnen zu ersetzen.

Was auf den ersten Blick eher nach einem etwas verfrühten April-Scherz aussieht, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als der verzweifelte Versuch, den Feel good-Faktor ins Königreich zurückzubringen. Denn: "Wir Briten sollten wieder stolz sein auf unsere Britishness", so Williamson.

Mich erinnern derartige Gimmicks freilich eher an das kleine Kind, das nachts allein durch den tiefen dunklen Wald läuft und beginnt, zu singen, weil es sich fürchtet.

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