Ärzte Zeitung online, 19.11.2013
 

Details bekannt

So will Schwarz-Rot die ambulante Versorgung umkrempeln

Es geht an die Details: Jetzt regeln die künftigen Koalitionäre das Klein-Klein der ambulanten Versorgung. Neue Pläne gibt es für Hausärzte, Psychotherapeuten, Praxisnetze, MVZ und Selektivverträge.

Von Sunna Gieseke

So will Schwarz-Rot die ambulante Versorgung umkrempeln

Landarzt in der Idylle: Schwarz-Rot will neue Wege bei der ambulanten Versorgung beschreiten.

© Klaus Rose

BERLIN. Kürzere Wartezeiten auf einen Termin beim Psychotherapeuten, Förderung von Praxisnetzen und die Stärkung der Hausärzte - die künftigen Koalitionäre einer möglichen großen Koalition wollen das Klein-Klein in der ambulanten Versorgung regeln.

Das geht aus einem vierseitigen Verhandlungspapier der Unterhändler von Union und SPD aus den Koalitionsverhandlungen hervor, das der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Demnach sollen zum Beispiel die langen Wartezeiten in der psychotherapeutischen Versorgung bald der Vergangenheit angehören. Eine genaue Frist wird allerdings nicht genannt.

Zeitnahes Angebot für Kurzzeittherapie

Die langen Wartezeiten auf einen Termin beim Psychotherapeuten stehen seit langem in der Kritik. Teilweise müssen die Betroffenen bis zu drei Monate auf ein Erstgespräch warten. Kritiker nennen das unzumutbar.

Um dies aufzufangen, soll den Vorstellungen der künftigen Koalitionäre zufolge mehr Betroffenen ein zeitnahes Angebot für eine Kurzeittherapie eröffnet werden. Hierzu sollen die Antrags- und Gutachterverfahren entbürokratisiert werden.

Auch die Gruppentherapie will Schwarz-Rot stärker fördern. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) solle außerdem beauftragt werden, in einer gesetzlich definierten Frist, die Psychotherapierichtlinie zu überarbeiten.

Und weiter: "Die bestehenden Befugnisbeschränkungen für Psychotherapeuten werden wir überprüfen", schreiben die Unterhändler in ihrem Vorschlag.

Das entspricht einer Kernforderung der Psychotherapeuten: Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung und die Bundespsychotherapeutenkammer drängen bereits seit Jahren auf mehr Befugnisse, wie zum Beispiel das Recht, Patienten zu anderen Behandlern und ans Krankenhaus überweisen zu dürfen.

Praxisnetze sollen gefördert werden

Darüber hinaus wollen die Unterhändler von Union und SPD Praxisnetze fördern. Die Förderung soll "verbindlich" gemacht und ausgebaut werden.

Außerdem soll die Möglichkeit zur Zulassung von Krankenhäusern zur ambulanten Versorgung in unterversorgten Gebieten verbessert werden.

In dem Vorschlag heißt es, dass bei der Ermächtigung in Paragraf 116a im Sozialgesetzbuch V das Wort "kann" durch "muss" ersetzt und eine jährliche verbindliche Überprüfung eingeführt werden sollen.

Gleichzeitig will Schwarz-Rot die flächendeckende medizinische Versorgung sichern. Dazu solle der mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz eingeschlagene Weg weiter gegangenen werden, so die Unterhändler.

Hier bleiben sie jedoch relativ vage in ihren Ankündigungen: Vor allem würden die Anreize zur Niederlassung in unterversorgten Gebieten weiter verbessert werden, heißt es in dem Papier.

Dazu sollen "unnötige bürokratische Anforderungen" abgebaut und die Rahmenbedingungen für Zulassungen für Ärzte und Psychotherapeuten flexibilisiert werden.

Rolle des Hausarztes stärken

Die zentrale Rolle des Hausarztes beschreiben die künftigen Koalitionäre als "unbestritten". Daher wolle man in Zukunft diese Rolle fördern und die hausärztliche Versorgung weiter stärken.

"Die von Fachärzten erbrachte hausärztliche Leistung soll zukünftig nicht den hausärztlichen Teil der Gesamtvergütung mindern, dies gilt umgekehrt für von Hausärzte erbrachte fachärztliche Leistungen", sind sich Union und SPD einig.

Einen weiteren Fokus richten die Mitglieder der AG Gesundheit auf Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Hier sollen künftig auch arztgruppengleiche MVZ (zum Beispiel Hausärzte, Psychotherapeuten, Fachärzte) zugelassen werden.

Außerdem soll es auch Kommunen ermöglicht werden, eigene MVZ zu gründen. Davon ungerührt bleibe jedoch der Vorrang eines ärztlichen Bewerbers, so die Unterhändler.

Nachjustieren bei Selektivverträgen

Auch bei den Selektivverträgen will Schwarz-Rot nachjustieren. Krankenkassen müssten mehr Freiräume erhalten, um im Wettbewerb gute Verträge gestalten und regionalen Besonderheiten gerecht werden zu können.

"Gemeinsames Ziel integrierter und selektiver Versorgungsformen ist es, eine bessere medizinische Qualität, besser vernetzte oder sektorübergreifende Angebote sowie eine wirtschaftlich effizientere Leistungserbringung zu erreichen", schreiben die Politiker.

Für die verschiedenen Möglichkeiten zur Vereinbarung von integrierten und selektiven Versorgungsformen (Paragrafen 63 bis 65, 73a, 73c, 140a ff. im SGB V) sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen angeglichen und bestehende Hemmnisse bei der Umsetzung beseitigt werden.

Vor allem die Evaluation von IV- und Selektivverträgen durch eine Vereinbarung der Vertragspartner, sowie der Nachweis der Wirtschaftlichkeit gegenüber der zuständigen Aufsichtsbehörde nach jeweils vier Jahren solle künftig gleichartig geregelt werden. Außerdem sollen auch die Bereinigungsverfahren vereinfacht werden.

Innovationsfonds für Versorgungsforschung

Schwarz-Rot will darüber hinaus einen Innovationsfonds schaffen. Dafür sollen 300 Millionen Euro von den Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden, fordern die mutmaßlich künftigen Koalitionäre.

Mit dem Geld sollen innovative sektorübergreifende Versorgungsformen und die Versorgungsforschung gefördert werden.

Die Kassen erhalten dann dem Vorschlag zufolge 150 Millionen Euro an zusätzlichen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds, um die Aufwendungen teilweise gegenzufinanzieren.

"Für die Vergabe der Mittel legt der Gemeinsame Bundesausschuss Kriterien fest", schreiben die Unterhändler. Auch für die Vergabe gibt es bereits klare Vorstellungen: Sie soll durch ein jährliches Ausschreibungsverfahren erfolgen, das vom Gemeinsamen Bundesausschuss durchgeführt werde. Eine Evaluierung werde alle vier Jahre erfolgen.

[19.11.2013, 21:18:51]
Chris Bunzek 
Wunderschön und klasse
Was klingt das alles doch so schön. Warum glaubt, gar erwartet man als Arzt, dass es genauso wie beschrieben nicht kommen wird?

Wahrscheinlich weil hier wieder Politiker am Werk waren, die in den letzten Legislaturperioden auch mit Sicherheit jedes Versprechen gebrochen haben und es zulassen, dass eine paar wenige skrupellose BWLer sich den Großteil des Geldes unsozial zweckentfremden.

Die Vorstellung einer verbesserten Versorgung ist zwar nett, aber sicherlich nicht zu erwarten. zum Beitrag »
[19.11.2013, 11:49:26]
Dipl.-Psych. Martina Bahnsen 
Psychotherapie zeitnah nur durch Wegfall der Gutachterpflicht für Langzeit-Therapie
Der Wunsch, den Patientinnen und Patienten zeitnah eine Therapie anbieten zu können, eint alle. Die Missverständnisse liegen meist bei der Umsetzung. EIN Termin ist noch keine Therapie, es muss längerfristig Zeit für neue Patienten geben. Dabei nützt eine Verwaltungs-Erleichterung für die Kurzzeit-Therapie überhaupt nichts. Das Formular ist in 10 Minuten fertig.
Leider sitzen jedoch z.B. die VerhaltenstherapeutInnen zwangsweise bereits nach 25 Sitzungen einen halben Arbeitstag am Bericht für den Gutachter, um dann weitere 20 Stunden behandeln zu dürfen. Die Kassen zahlen also für TIPPEN, NICHT für THERAPIE in dieser Zeit. Die Zeit ist für weitere 3-4 Patienten aber weg. Nur die Abschaffung des aufwändigen Langzeit-Therapie-Gutachterverfahrens, mindestens für die ersten 50 Sitzungen, kann rechnerisch Zeit freigeben und die Wartelisten können etwas kürzer werden.
Eine breite "Versorgung" von möglichst vielen Versicherten mit einer raschen Kurzzeittherapie ohne Aussicht auf Entlastung bei der Umwandlung in LZT werden die PsychotherapeutInnen vermutlich nicht mittragen.
Martina Bahnsen (Psychologische Psychotherapeutin in Greifswald)
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