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Ärzte Zeitung online, 06.09.2017
 

Im Porträt: Michael Hennrich (CDU)

Arznei-Experte mit eigener Agenda

Zum fünften Mal bewirbt sich der Gesundheitspolitiker Michael Hennrich um ein Bundestagsmandat. Unter Kollegen gilt er als erfahren und versiert – eine Führungsfunktion in der Unionsfraktion strebt er aber nicht an. Warum?

Von Florian Staeck

Arznei-Experte mit eigener Agenda

Politik in Bewegung: Michael Hennrich mit der Pharmazeutin Birgitt Stürner. Mit der „Apothekerin meines Vertrauens“ schloss er sich in der Vergangenheit bei Fachfragen kurz. © Florian Staeck

NÜRTINGEN. "Ich nehme an, einen politischen Vortrag hinten im Saal fänden Sie jetzt nicht passend?" Michael Hennrich deutet auf die Gaststätte hinter sich – und erntet lebhafte Zustimmung von den Umstehenden. Denn der CDU-Bundestagsabgeordnete hat zu einer "politischen Wanderung" nach Nürtingen eingeladen. Nicht nur Parteifreunde, auch andere Interessierte sind gekommen. Ein Rundkurs von 15 Kilometern haben die rund 30 Wanderwilligen vor sich, der schwäbische Himmel bläut über ihnen – es kann losgehen.

Der gelernte Jurist ist in seinem Wahlkreis Nürtingen südlich von Stuttgart eine feste Größe. 2002 ist der damals 37-Jährige erstmals in den Bundestag eingezogen. Viermal hat er seitdem sein Direktmandat verteidigt, 2013 fuhr er zuletzt 51 Prozent der Erststimmen in die Scheuer ein.

"Feuer gefangen" im Ausschuss

"Geboren" für die Gesundheitspolitik sah sich Hennrich nach eigenen Angaben nicht, er wollte ursprünglich eher in den Wirtschaftsausschuss. Seit 1998 war er Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrats der CDU in Baden-Württemberg gewesen. Aber in der Gesundheitspolitik habe er schon in seiner ersten Legislaturperiode "Feuer gefangen und mich gewundert, wie hoch reguliert dieses Politikfeld ist", berichtet er. Längst hat sich Hennrich über seine Fraktion hinaus unter Gesundheitspolitikern Respekt erworben, vor allem beim Arzneimittelgesetz AMNOG hinterließ er Spuren im Parlament.

Mit dem Ausscheiden von Maria Michalk (CDU) aus dem Bundestag wird in der Unionsfraktion nach der Wahl der Posten des gesundheitspolitischen Sprechers frei. Ein Job für Hennrich? Der 52-Jährige wehrt ab. "Das ist für mich kein Thema, ich strebe dieses Amt nicht an."

Der heutige EU-Kommissar Günther Oettinger habe ihn früher immer als Seiteneinsteiger bezeichnet, berichtet Hennrich. "Mein höchstes Parteiamt vor dem Einzug in den Bundestag war Beisitzer im CDU-Ortsverband Kirchheim unter Teck." Aufzusteigen in der Parteihierarchie sei bis heute nicht sein Ziel. "Das freie Mandat war und ist mir wichtig", sagt Hennrich. Stellvertretender Sprecher für Gesundheitspolitik und damit Obmann würde er indes gerne bleiben.

Unterdessen zieht die Wandergruppe weiter, passiert Wahlplakate mit dem Konterfei des Kandidaten.Ein ruhiger Spaziergang ist die "politische Wanderung" für Hennrich nicht. Er muss zuhören, erklären, die Politik der Koalition verteidigen. Gesundheits- und Pflegethemen stehen immer wieder im Vordergrund. Vernetzung im Lokalen ist für einen Abgeordneten, der direkt gewählt werden will, das A und O. Bei pharmazeutischen Fragen hält sich Hennrich an eine Mitwanderin: Birgitt Stürner, "die Apothekerin meines Vertrauens". Bei Stürner, langjährige Inhaberin der Kur-Apotheke im nahegelegenen Beuren, holte er sich Rat, als es bei den parlamentarischen Beratungen des AMNOG um eine Fachfrage ging.

Inzwischen ist die frühe Nutzenbewertung längst fest etabliert, für die nächste Legislatur hat sich Hennrich andere dicke Bretter vorgenommen.

Das wahrscheinlich heißeste Eisen: Der CDU-Abgeordnete plädiert für eine einheitliche ärztliche Gebührenordnung in gesetzlicher und privater Krankenversicherung. "Sie können machen, was Sie wollen", klagt er. Viele Bürger erlebten unterschiedliche Wartezeiten für GKV- und PKV-Patienten als "Zwei-Klassen-Medizin". Er argumentiere dann immer dagegen und betone, die medizinische Behandlung erfolge unabhängig vom Versichertenstatus – erfolglos.

Für den Systemwettbewerb

Denn Hennrich sieht die Union in dieser Frage in der argumentativen Defensive – und sucht den Ausweg. "Ich möchte den Systemwettbewerb von GKV und PKV erhalten", betont er. Eine Bürgerversicherung würde aus seiner Sicht eine Zwei-Klassen-Medizin erst befördern. Dem Juristen schwebt ein einheitliches ärztliches Leistungsverzeichnis vor, "von dem aber abgewichen werden kann, etwa in Form von Selektivverträgen".

Er weiß, dass er damit in konservativen Kreisen – und erst recht in der Ärzteschaft – auf Vorbehalte stößt. Sichergestellt werden müsse, dass nicht weniger Geld als bisher in die ambulante Versorgung fließt, betont er. Nach vielen Gesprächen registriere er eine wachsende Bereitschaft, das Thema zumindest zu diskutieren. Denn ein gemeinsames ärztliches Leistungsverzeichnis schaffe auch mehr Transparenz im System, wirbt er.

Insgesamt drei Großbaustellen identifiziert Hennrich für die nächsten vier Jahre: Erstens die Ordnung der Finanzen von GKV und PKV inklusive einer Justierung des umstrittenen Risikostrukturausgleichs. Zweitens Fortschritte bei der Digitalisierung, die Ärzte und Apotheker bei ihrer Arbeit unterstützt, sie aber nicht ersetzt. Drittens die Stärkung des Wettbewerbs. "Ich bin ein Fan der Selektivverträge", bekennt er.

In welcher Koalition er nach dem 24. September am liebsten Gesundheitspolitik machen möchte? Hennrich sagt, er sei "vollkommen offen". Und ergänzt vielsagend, die Zeiten in der großen Koalition seien "doch nicht die schlechtesten gewesen".

Michael Hennrich

» Geboren 1965, verheiratet, zwei Söhne

» Jurastudium in Bonn und Passau von 1986 bis 1991

» Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Elmar Müller in Bonn

» Einzug in den Bundestag im September 2002

» Berichterstatter im Gesundheitsausschuss für Arzneimittelversorgung, Apotheken, IQWIG seit 2009, Obmann seit 2015

Weitere Beiträge zur Serie:
"Bundestagskandidaten im Portrait"

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