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Ärzte Zeitung online, 22.09.2017
 

Ärzte im Wahlkampf

Sabine Dittmar (SPD) – Die Hausärztin aus dem Bundestag

Sie machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und wurde Hausärztin: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar will sich auf der Dauerbaustelle Gesundheitspolitik neuen Herausforderungen stellen.

Von Christoph Fuhr

Die Hausärztin aus dem Bundestag

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar

© Deutscher Bundestag / Stella von Saldern / Christoph Fuhr

HASSFURT. Wenn Sabine Dittmar in ihrem Wahlkreis unterwegs ist, muss sie oft lange Wegstrecken zurücklegen. Bad Kissingen ist der flächenmäßig größte Wahlkreis in Bayern, er umfasst die Landkreise Bad Kissingen, Haßberge und Rhön-Grabfeld.

Im unterfränkischen Städtchen Hassfurt ist die 53-jährige Politikerin vom Sozialvebrand VdK zu einem Vortrag über die Pflegegesetze eingeladen worden. Die Zuhörer: an die 30 ältere Menschen, viele mit schweren körperlichen Behinderungen.

Sabine Dittmar erläutert in einfachen Worten, was die große Koalition bei der Pflege auf den Weg gebracht hat. Die VdK-Mitglieder haben eine Menge Fragen mitten aus dem Leben, zu Treppenliften etwa, zu Umbaumaßnahmen, zu Zahlungen bei Einzelzimmernutzung in Kliniken.

Heimspiel beim VdK

Für die SPD-Parlamentarierin ist dieser VdK-Besuch ein Heimspiel. Wer viele Jahre als Hausärztin Menschen aus allen sozialen Schichten mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern behandelt hat, für den ist diese Aufgabe keine große Herausforderung.

Sie geht auf die Menschen im Saal ein, gibt ihnen das Gefühl von Nähe, vermittelt Hintergrundwissen, blockt, ohne verletzend zu sein, eine Rollstuhlfahrerin ab, die beginnen will, vor versammelter Mannschaft ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Dass im Wahlkreis Bad Kissingen immerhin fünf von sieben Direktkandidaten weiblich sind, hat sogar die "Süddeutsche Zeitung" auf den Plan gerufen. Woher kommt die Frauen-Dominanz in dieser ländlichen Region? Reiner Zufall, glaubt Sabine Dittmar, und das sieht ihre Gegenkandidatin Dorothee Bär von der CSU nicht anders.

Gegen Bär wird die Sozialdemokratin im Kampf ums Direktmandat im Bundestag wohl keine Chance haben. Direktmandate gehen in Bayern fast ausnahmslos an die CSU. Aber das ficht die Ärztin nicht an. Solange die Sozialdemokraten nicht total abstürzen, ist der Wiedereinzug der fränkischen Politikerin in den Bundestag nicht gefährdet. Sie steht auf Platz zehn der bayerischen Landesliste, "das müsste für den Wiedereinzug in den Bundestag reichen."

2013 ist die aus Maßbach bei Schweinfurt stammende Ärztin erstmals ins Parlament gewählt worden. Sie arbeitet in den Ausschüssen Gesundheit und Tourismus, ist stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied des Fraktionsvorstands.

Ein "Spätzünderkind" im Parlament

Sabine Dittmar (SPD)

Sabine Dittmar kommt aus einer Arbeiterfamilie. Sie sei ein "Spätzünderkind" gewesen und habe erst in der 8. Klasse der Hauptschule gemerkt, dass Lernen Spaß macht. Sie besucht eine Berufsfachschule, macht eine Ausbildung als Kinderpflegerin, holt ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studiert Humanmedizin.

Schon in jungen Jahren wird ihr Interesse an Politik geweckt. "Die Debatte um die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf hat mich damals intensiv beschäftigt", erinnert sie sich. Aber auch die in der Ära Willy Brandt und Helmut Schmidt angestoßenen Bildungsreformen stoßen bei ihr auf großes Interesse.

Chancengleichheit für alle war damals das ehrgeizige Ziel, dem sie sich bis heute verpflichtet fühlt: "Ohne staatliche Hilfe, BAföG und Ferienjobs mit Schicht- und Akkordarbeit hätte ich den zweiten Bildungsweg und das Studium finanziell nicht gemeistert", sagt die Politikerin. Mit 25 Jahren sitzt sie für die SPD im Kreistag, die politische, zunächst ehrenamtliche Karriere beginnt.

An der Universität Würzburg studiert sie Medizin, ist danach Assistenzärztin an mehreren Krankenhäusern und arbeitet ab 1995 gemeinsam mit ihrem Mann Diethard in einer allgemeinmedizinschen Gemeinschaftspraxis in ihrem Heimatort Maßbach.

Mit dem Einzug in den bayerischen Landtag gibt sie 2008 ihre Kassenarztzulassung zurück. Fünf Jahre später folgt der Sprung in den Bundestag.

Rückkehr zur Parität

"Ich habe mit allen Fachkollegen im Gesundheitsausschuss gut zusammengearbeitet", sagt sie rückblickend, das gelte auch für die Politiker der Opposition. Sabine Dittmar weiß zu gut, dass auf der Dauerbaustelle Gesundheitswesen die Arbeit nicht ausgehen wird.

Als eine von vielen Herausforderungen der kommenden Legislaturperiode nennt sie die ambulant-stationäre Verzahnung und die Neuordnung des Notfalldienstes. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Rückkehr zur paritätischen GKV-Finanzierung und die Einführung der Bürgerversicherung.

Sie glaubt, dass es bei der Union mit Blick auf diese Streitthemen Bewegung geben könnte: "Ich kann mir vorstellen, dass es da durchaus Raum für Gemeinsamkeiten gibt."

"Da platzt mir der Kragen"

Vieles geht ihr bei der Umsetzung politischer Entscheidungen nicht schnell genug: "Wenn es um die Arbeit der Selbstverwaltung geht, bin ich immer sehr ungeduldig, da platzt mir manchmal der Kragen." Dass etwa die vom Gesetzgeber bereits 2015 festgeklopfte Einführung des Entlassmanagements für die Anschlussversorgung nach einem Klinikaufenthalt erst ab Oktober 2017 greift und immer wieder verzögert wurde, kann Sabine Dittmar nicht nachvollziehen.

"Wählen Sie demokratisch!", appelliert die Kandidatin zum Schluss an die VdK-Besucher im Saal und eilt zum nächsten Termin. "Die gesundheitspolitische Arbeit macht mir Spaß", sagt sie, "es gibt noch viel zu tun. Ich setze darauf, dass ich meine Arbeit in der kommenden Legislaturperiode fortsetzen kann."

Weitere Beiträge zur Serie:
"Bundestagskandidaten im Portrait"

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