Ärzte Zeitung, 08.09.2015

Flüchtlinge

Pädiater fordern Jugendvorsorge

Der Strom der in München ankommenden Flüchtlinge reißt nicht ab. Die Frage nach der korrekten medizinischen Erstversorgung der Migranten - und insbesondere ihrer Kinder - wird damit immer dringender.

Von Raimund Schmid und Jana Kötter

Pädiater fordern Jugendvorsorge

Wie dringend das Problem einer flächendeckenden Versorgung der neuankommenden Flüchtlinge ist, zeigt auch ein Blick in die Erstaufnahmeeinrichtung in einer Münchener Messehalle.

© Angelika Warmuth / dpa

MÜNCHEN. Kein Thema hat den diesjährigen Pädiater-Kongress in München so geprägt wie die Flüchtlingsströme, die während der viertägigen Konferenz in der Landeshauptstadt ankamen.

Und auch nach dem Ende der Veranstaltung reißen diese nicht ab: Allein am Wochenende waren es 20.000 - eine Flüchtlingsaufnahme von bisher nicht gekanntem Ausmaß.

Zu Wochenbeginn wurde München zwar deutlich entlastet - 4400 Flüchtlinge waren es laut der Regierung von Bayern am Montag -, weil unter anderem drei Sonderzüge von Salzburg aus an München vorbei in andere Städte und Bundesländer fuhren. Es sei weiterhin das Ziel, die Flüchtlinge so schnell wie möglich weiterzuleiten.

Unabhängig vom Unterbringungsort rückt die medizinische Versorgung insbesondere von minderjährigen Flüchtlingen zunehmend in den Fokus.

Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Nowotny forderte beim Kinder- und Jugendärztekongress der vier großen pädiatrischen Fachgesellschaften dazu die Einführung einer Jugendvorsorge für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (J-umF).

Nur auf diese Weise könnte deren Entwicklungsstand und der medizinische sowie psychologische Hilfebedarf rasch ermittelt werden.

J1 und J2 als Basis?

Als Basis könnten die Jugendgesundheitsuntersuchungen J1 und J2 dienen, die aber stark modifiziert werden müssten. So sollten zum einen die Altersgrenzen aufgehoben werden, zudem sei es erforderlich, die Untersuchungen inhaltlich zu erweitern, forderte Nowotny, der auch im Rosenheimer Erstaufnahmelager tätig ist.

Neben der Erhebung des Impfstatus sowie der Anamnese von Infektionskrankheiten und einer Vitamin-D-Prophylaxe fordert Nowotny, den Fokus auch auf mögliche psychische Probleme zu legen.

Der Einsatz eines bereits entwickelten und auf die speziellen Bedarfe der Flüchtlingskinder ausgerichteten Fragebogens soll helfen, seelische Verletzungen und traumatische Erlebnisse zu ermitteln.

Dabei sollte unter anderem nach den Ereignissen auf der Flucht, den Ängsten und Albträumen und verbreiteten Folgewirkungen sowie nach Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) gefragt werden.

Laut einer Studie, an der 100 Flüchtlingskinder aus Syrien teilnahmen, leiden 22 Prozent unter einer PTBS; 16 Prozent unter einer Anpassungsstörung.

"Kultursensibilität" ist wichtig

Bei der Untersuchung müsste laut Nowotny jedoch bedacht werden, dass viele junge Flüchtlinge erstmals eine Ganzkörperuntersuchung erleben. Deshalb müssten Ärzte bei der J-umF - ebenso wie bei anderen Untersuchungen - "kultursensibel" vorgehen.

Diskutiert wurde während des Pädiater-Kongresses in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Muttersprache.

Nach den Ergebnissen neuer Studien aus Wien lernen zweisprachig aufwachsende Vorschulkinder mittürkischen Migrationshintergrund leichter Deutsch, wenn sie auch ihre Muttersprache weiterhin gut beherrschen. Gezeigt wurde dies in einer Studie mit 52 türkischen Kindern insbesondere im Rahmen eines Vorlesetests.

Überraschend: Kindern, denen mehrmals pro Woche auf türkisch vorgelesen wird, wiesen auch signifikant bessere Sprachwerte in Deutsch auf. Nach Angaben der Studienautorin Brigitte Eisenwort sprechen sie auch flüssiger Deutsch, finden einen besseren Zugang zur Grammatik und können sich besser artikulieren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Herausforderung für Ärzte

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