Ärzte Zeitung, 23.11.2015
 

Berlin

Religiöse Gemeinden als Kooperationspartner

Glaubensgemeinschaften sind in der Not oft erste Anlaufstelle. In Berlin sind sie daher Partner für ein neues Beratungsangebot.

Von Angela Misslbeck

BERLIN. Niedergelassene Psychiater in Berlin kooperieren ab sofort enger mit religiösen Gemeinden. In drei muslimischen Gemeinden der Hauptstadt bietet der Verein für Psychiatrie und seelische Gesundheit (VPSG) e.V. wöchentliche Beratungsstunden an.

"Mit diesem Beratungsangebot soll Mitgliedern religiöser Gemeinden und Glaubensgemeinschaften die Möglichkeit gegeben werden, sich über Hilfe- und Behandlungsmöglichkeiten bei psychischer Erkrankung zu informieren", so der Vereinsvorsitzende Dr. Norbert Mönter.

Ermöglicht wird das Projekt durch eine dreijährige Förderung der Lottostiftung Berlin. Hervorgegangen ist es aus dem interreligiösen Arbeitskreis des VPSG. Dieser beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhältnis zwischen Religion und Psychiatrie und hat bereits 2013 und 2014 eine Informationsreihe "Psychiatrie-Info in der Moschee" durchgeführt.

Türkische Ärztinnen übersetzen

Dabei referierten Psychiater und Psychotherapeuten des Vereins in der Neuköllner Shehitlik-Moschee zu wichtigen psychiatrischen Erkrankungen wie Depression, Angst, Schizophrenie, Demenz oder Sucht. Die Vorträge wurden live von türkischen Ärztinnen übersetzt. Die Nachfrage war groß.

"Wie auch Erhebungen von Krankenkassen belegen, ist die psychiatrische Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund trotz hoher psychiatrischer Morbidität unzureichend", so Mönter. Zudem sei das Verständnis psychischer Erkrankungen, ihrer Ursachen und der Therapien häufig von religiös begründeten Vorurteilen geprägt.

Der Psychiater verweist beispielhaft auf die verbreitete Annahme, dass psychische Erkrankungen eine Strafe Gottes seien und darauf, dass Halluzinationen, die bei einer schizophrenen Erkrankung auftreten können, als Einfluss von Geistern gedeutet werden.

Eine besondere Bedeutung erhält das Projekt mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation. Gerade Flüchtlinge suchen oft Zuflucht in religiösen Gemeinschaften. Sie würden angesichts des Verlustes von Heimat und biografisch Vertrautem einen besonderen Ort der Geborgenheit darstellen, so Mönter.

Große Bedeutung für Therapie psychischer Störungen

"Religiöse Gemeinschaften haben für die gesunde seelische Verfasstheit, aber auch für Hilfebedarf und Hilfesuche bei psychischer Verstörtheit, Störung, Erkrankung eine hohe Bedeutung. So kann der soziale Kontext religiöser Gemeinschaften einen tragfähig-konstruktiven Hintergrund von der Diagnose-Stellung bis zur differentiellen Therapie bei psychischen Störungen und Erkrankungen bieten", zeigt sich der Berliner Psychiater überzeugt.

Am Projekt wirken auch muttersprachlich türkische und arabische Psychiater, Kinderpsychiater und Psychotherapeuten mit. In größeren Intervallen bietet der VPSG im Rahmen der Lottomittel-Förderung auch Beratung in den von christlichen Kirchen unterstützten Einrichtungen der "Offenen Tür" und der "Lebensberatung im Berliner Dom".

Zum Verein zählen rund 250 Mitglieder aus verschiedenen Berufen der psychiatrischen Versorgung.

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