Ärzte Zeitung, 04.07.2016

Unikliniken

Nur jeder zehnte Top-Posten ist weiblich besetzt

Mehr als jeder zweite Studienplatz in der Medizin ist heute von Frauen besetzt - doch in den Chefetagen der Unikliniken ist es nur jeder zehnte Posten. Eine aktuelle Studie des Ärztinnenbundes zeigt, wo es besonders hapert.

Von Christiane Badenberg

BERLIN. Frauen in Führungspositionen sind in der deutschen Universitätsmedizin selten anzutreffen. Dabei gibt es jedoch Unterschiede in den Regionen und bei den medizinischen Fachrichtungen.

Das belegt eine groß angelegte Untersuchung als Basis für die Dokumentation "Medical Women on Top", die der Deutsche Ärztinnenbund mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums herausgegeben hat.

Sie zeigt etwa, dass an den Unikliniken in Hamburg und Münster immerhin 23 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt sind, in Greifswald, Homburg und Mannheim dagegen keine einzige.

Beste Voraussetzungen in Pädiatrie

Wenn Ärztinnen in Führungspositionen aufsteigen, dann besonders häufig in der Pädiatrie. Hier waren im Untersuchungszeitraum von Januar bis März dieses Jahres 29 Chefpositionen (16 Prozent) mit Frauen besetzt.

Dazu zählt die Leiterin der Untersuchung Professor Gabriele Kaczmarczyk Direktorate, Lehrstühle oder unabhängige Abteilungsleiterinnen.

Auf Platz zwei folgen - mit jeweils 13 Stellen (13 Prozent) - Positionen, die sich mit der seelischen Gesundheit befassen und die Zahnheilkunde (11 Prozent). Besonders schlecht sieht es in der Urologie mit nur einer Top-Position (drei Prozent) aus.

In der Neurochirurgie, der Neurologie und der Orthopädie haben es aber bisher auch jeweils nur zwei Frauen ganz nach oben geschafft. Drei sind es in der Chirurgie (drei Prozent) und in der Dermatologie (neun Prozent).

Insgesamt besetzen Ärztinnen nur zehn Prozent aller Führungspositionen an deutschen Unikliniken - obwohl ihr Anteil an der Gesamtzahl der Mediziner permanent steigt.

"Ein weiterhin geringer Anstieg in den Führungspositionen wird erst nach Jahrzehnten zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Männern und Frauen führen", kommentiert Kaczmarczyk die Untersuchung.

Sie hält deshalb eine Frauenquote für Führungspositionen in der Medizin für dringend erforderlich.

Mehr Frauen in mittlerer Führungsebene

Immerhin sehen die Zahlen in der mittleren Führungsebene schon deutlich besser aus.

Dazu wurden in der Studie habilitierte Wissenschaftlerinnen, die im klinischen Bereich arbeiten, Oberärztinnen und Bereichsleitungen gezählt. So sind in Dresden immerhin 43 Prozent dieser Stellen mit Frauen besetzt, gefolgt von der Unimedizin Duisburg/Essen mit 41 Prozent.

Der deutschlandweite Durchschnitt liegt bei 31 Prozent. Schlusslicht ist erneut Mannheim. Hier ist nicht nur keine Spitzenposition mit einer Frau besetzt, auch bei den mittleren Führungskräften liegt die Uniklinik mit 24 Prozent auf dem letzten Platz aller 34 medizinischen Hochschulen.

Aber auch in der mittleren Führungsebene finden sich deutliche Unterschiede zwischen den Fächern. Mit 55 Prozent sind Frauen hier in der Gynäkologie sogar in der Mehrheit, gleiches gilt mit 54 Prozent für die Dermatologie. Erheblich weniger Frauen finden sich dagegen in der Chirurgie mit 16 Prozent und in der Urologie mit 15 Prozent.

Kaczmarczyk ging es in der Untersuchung um "unabhängige Führungspositionen, in denen therapeutische Konzepte, medizinische Meinungsbildungen, Strategien in der studentischen Lehre, Personalpolitik und Außendarstellung entstehen".

Denn an diesen Stellen seien die besten Möglichkeiten gegeben, zu gestalten, zu verändern und als Vorbild den Nachwuchs zu relevanter klinischer Forschung zu ermutigen.

Kulturwandel erst, "wenn die Dinosaurier ausgestorben sind"

"Aktuell wird die klinische universitäre Medizin durch die Besetzung von 90 Prozent der Führungspositionen durch Männer fast ausschließlich von diesen geprägt und gestaltet", heißt es in der Dokumentation "Medical Women on Top".

Für die Studie wurden die Führungspositionen an allen 34 staatlichen deutschen Unikliniken berücksichtigt. Eingegangen sind Daten aus den Fächern, die an allen 34 Unikliniken vertreten und stark in die Krankenversorgung und klinische Diagnostik eingebunden sind.

Unklar bleiben für die Forscherinnen die Ursachen für den geringen Frauenanteil in den Führungspositionen, denn hochqualifizierte Nachwuchskräfte seien in großer Anzahl vorhanden. "Es sind nicht Kinder, die Karrieren aufhalten, sondern die mangelnde Förderung durch Vorgesetzte", sagt Gabriele Kaczmarczyk.

Männer förderten Männer und manchmal unterschätzten Frauen auch ihre eigenen Leistungen. Ein Kulturwandel sei aber erst zu erwarten "wenn die Dinosaurier ausgestorben sind", lautet ihre Analyse.

Für sehr wichtig hält sie die Einführung einer kompetenzbasierten Weiterbildung. Es solle zählen, was jemand gemacht hat, und nicht, wie viel Zeit er an einem Krankenhaus zugebracht hat.

"Wenn ich in ein Flugzeug steige, interessiert mich auch nicht, dass der Pilot schon 20 Jahre bei der Lufthansa arbeitet. Ich will wissen, wie viele Flugstunden er hat."

Die kommenden Jahre müssten zeigen, ob die vielen Programme wie vorgezogene Berufungen, Professorinnenprogramme, Exzellenzinitiativen und eine verbesserte Infrastruktur mit Kinderbetreuung, familienfreundlichen Arbeitszeiten und Top-Sharing-Modellen erfolgreich sind.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Milliarden Bakterien im Einsatz. So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »

Angst vor Epidemien in Lagern

Nach ihrer dramatischen Flucht aus Myanmar suchen über eine halbe Million Rohingya Schutz in Bangladesch. Die Lage in den eilig aufgeschlagenen Lagern ist desolat. mehr »