Ärzte Zeitung, 22.12.2009

Die tägliche Mühsal mit Formularen

Formulare gehören zum Alltag der Arztpraxen. Mit vielen haben die Ärzte einen Modus vivendi gefunden. Aber nicht mit allen.

Von Antonia von Alten

Eine Frage der Organisation ist für Praxisberater Werner M. Lamers der Umgang mit den vielen Formularen in der Arztpraxis. Das Stöhnen der Ärzte über den Formularwust habe in den letzten Jahren nachgelassen, berichtet er. "Was eben geht, wird sofort am PC ausgefüllt." Selbst die Daten der DMP-Patienten können direkt in den Computer eingegeben werden.

Das eigentliche Problem sind für Praxisberater Lamers nicht die Vordrucke, die zu Hunderten in den Praxisschränken auf Lager gehalten werden. Aber: "Das, was darauf ausgefüllt werden muss, könnte vereinfacht werden."

Zustimmung erhält Lamers von Vertragsärzten, die seit Jahren Praxen betreiben. Zum Beispiel Vordrucke für die Vorsorge: "Es gibt eines für Männer, eines für Frauen, eines für Hautkrebsvorsorge und dann noch eines für Gesundheitsvorsorge," stöhnt Dr. Dr. Peter Schlüter. "Ein Formular würde völlig reichen, wenn unterschiedliche Punkte angekreuzt werden könnten." In seiner Allgemeinarztpraxis in Hemsbach an der Bergstraße mit etwa 1300 Scheinen wird täglich viel Papier beschrieben: 80 bis 100 Rezepte, 10 bis 15 AU-Bescheinigungen, 40 Überweisungen. "Es läppert sich zusammen", berichtet Schlüter. "Wenn ich 60 Patienten am Tag behandle und nur eine Minute pro Patient an Verwaltung habe, dann ist das schon eine Stunde."

Überhaupt kein Verständnis haben die Praktiker, wenn dazu noch Formulare ausgefüllt werden, um Formulare zu bekommen, beispielsweise bei der Beantragung einer Kur.

Am Rande der Legalität bewegen sich Ärzte, wenn sie blanko unterschriebene Rezepte und Überweisungsformulare am Empfang deponieren, die vom Praxisteam ausgefüllt werden. Eigentlich müssten die Ärzte jedes einzelne Papier noch einmal sehen. Aber das ist in den allermeisten Fällen gar nicht nötig, so Schlüter. "Wenn ein Hypertoniker zu mir in die Praxis kommt, der regelmäßig zum Check-Up kommt und jetzt nur ein Medikament braucht, dann muss er nicht zu mir in die Sprechstunde." Das gleiche gilt auch für die Frauen, die Überweisungen zum Gynäkologen brauchen und für Brillenträger, die zum Augenarzt wollen. "Das muss ich doch nicht prüfen."

Teilweise sind es auch die Patienten, die Verwaltungsarbeit auf ihre Hausärzte abwälzen. Beispielsweise bei Kuren oder Schwerbehindertenanträgen. "Das soll der Doktor ausfüllen," sagen manche Patienten und füllen nicht einmal ihren Namen und ihre Adresse aus. Schlüters Reaktion: "Wir geben ihnen die Anträge rigoros zurück."

Die Computer nehmen den Ärzten viel Schreibarbeit ab. Die zunehmende Automatisierung treibt aber auch ganz eigene Bürokratieblüten. Hausarzt Dr. Dieter Conrad berichtet: "Wir bekommen manchmal drei bis vier Anfragen pro Tag, die von einem Computer generiert wurden." Beispiel: Ein Rollstuhl wurde verschrieben. Dann fragt die Kasse nach der Diagnose und warum und wie lange der Patient den Rollstuhl braucht. "Das ist eine Schikane", schimpft Conrad. "Bürokratie pur. So etwas können die Kassen über den Medizinischen Dienst überprüfen lassen. Aber doch nicht die Arztpraxen die Verwaltungsarbeit der Kassen machen lassen."

Der Ärger über diese Anfragen ist bei den Hausärzten nicht neu. Vor zwei Jahren schon hat der Hausärzteverband eine Aktion "Überflüssige Anfrage" ins Leben gerufen. "Die Anfragen wird als unsinnig zurückgewiesen, da sich die Art und Dauer der Behandlung aus dem medizinischen Sachverhalt der entsprechenden Diagnose ergibt", heißt es beispielsweise auf einem Aufkleber. Die Aktion sei jedoch nur ein halbes Jahr wirksam gewesen. Dann hätten die Kassenanfragen wieder zugenommen, sagt Conrad verärgert.

Inhalt Jahresendausgabe 2009
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Versorgung psychisch kranker Kinder ist ein Flickenteppich

Der Trend bei den psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen ist stabil. Eine einheitliche Versorgungslandschaft besteht in Deutschland aber nach wie vor nicht. mehr »

„Mütter sind die zentralen Ansprechpartner“

In dieser Woche werben Urologen für die HPV-Impfung. Vor allem bei Jungen besteht Nachholbedarf. Wie können sie für eine Impfung gewonnen werden? mehr »

Mama leckt den Schnuller ab – kein Tabu

Botschaft einer neuen US-Studie: Das Ablutschen kann Vorteile fürs Immunsystem der Kinder haben. mehr »