Ärzte Zeitung online, 20.12.2017

Praxisfinanzierung

Niederlassung gerne ohne Eigenkapital

Ärztliche Niederlassungen sind eine sichere Bank. Die meisten Praxen rentieren sich. Viele Existenzgründer können sich daher parallel einen zweiten großen Wunsch verwirklichen: Die eigenen vier Wände.

Von Christoph Winnat

DÜSSELDORF. Vor einigen Jahren konstatierte die apoBank nach einer Umfrage unter Existenzgründern: "Am stärksten überschätzt wurde die Herausforderung der Finanzierung". Im Nachhinein hätten die Befragten diesen Aspekt der Niederlassung als erheblich weniger herrausfordernd eingestuft. An dieser asymetrischen Risikowahrnehmung habe sich bis heute nicht viel geändert, eher habe sie sich noch verschärft, berichtet Hartmut Paland, Leiter Marktgebiet Süd der apoBank im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Nach wie vor gelte, dass das wirtschaftliche Risiko der Niederlassung für Humanmediziner "ausgesprochen gering ist". Die Mindestumsatzkalkulation, die das Düsseldorfer Bankhaus zu jeder geplanten Praxisübernahme anbietet, gehe "extrem häufig auf", betont Paland. Nur in den wenigsten Fällen rate man von einem Praxiskauf ab, weil die Standortfaktoren des lokalen Marktes gegen einen von Anfang an auskömmlichen Start in die Selbstständigkeit sprächen.

Standortanalysen, die etwa über die Dichte konkurrierender Praxen, die Bevölkerungsstruktur oder die regionale Kaufkraft Auskunft geben, könne die apoBank "für jede Praxis bundesweit durchführen".

Und wem das noch nicht Fallnetz genug ist, für den gebe es den erstmals vor zehn Jahren eingeführten "Existenzgründer-Kredit mit Airbag": Danach verzichtet die Bank auf die Anmeldung ihrer Rückzahlungsforderungen bei einem eventuellen Insolvenzverfahren in den ersten drei Jahren. Die Konditionen für den "Airbag", so Paland, würden individuell vereinbart. Für die Übernahme einer hausärztlichen Einzelpraxis – dem immer noch häufigsten Weg in die ärztliche Selbstständigkeit – wurden im jüngsten Erhebungszeitraum (2015/2016) rund 90.000 Euro fällig. Hinzu kamen durchschnittlich noch einmal knapp 44.000 Euro, die in Praxis-Modernisierung und Geräteausstattung investiert wurden.

Die Gesamtsumme von 134.000 Euro ist jedoch nur bedingt aussagekräftig. Denn je nach Lage schwanken die Preise ganz erheblich. Am günstigsten kam die Übernahme einer Hausarztpraxis in Sachsen-Anhalt mit Gesamtausgaben von im Schnitt 78.600 Euro, am teuersten in Nordrhein mit 160.000 Euro. Im bundesweiten Mittel war die Einzelpraxisübernahme zuletzt die teuerste Niederlassungsvariante: Für den Einstieg in eine BAG wurden als zusätzlicher Partner einschließlich Investitionen im Schnitt 119.000 Euro fällig, für den BAG-Einstieg anstelle eines ausscheidenden Partners 128.000 Euro und für die BAG-Übernahme knapp 129.000 Euro. Diese Werte stellen jedoch nur eine Momentaufnahme dar. Einen Trend repräsentieren sie nicht. In früheren Jahren (beispielsweise 2013/1014) war etwa der BAG-Einstieg als zusätzlicher Partner auch schon deutlich kostspieliger als die Übernahme einer Einzelpraxis.

In den zurückliegenden zehn Jahren variierte der Anteil kooperativer Formen der Existenzgründung zwischen 42 und 50 Prozent, erläutert Daniel Zehnich, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik der apoBank. Gründungen in Einzelpraxis nähmen seit 2013 wieder erkennbar zu. Zehnich: "Aus Erfahrung wissen wir aber, dass viele Existenzgründer zwar zunächst alleine gründen, damit die geringere Komplexität wählen, jedoch nach ein paar Jahren in der Einzelpraxis dann Kooperationen eingehen".

Zusätzlich zum Praxiskredit nähmen hausärztliche Gründer in Einzelpraxen durchschnittlich 36.000 Euro Betriebsmittelkredit auf, um laufende Verpflichtungen zu begleichen. "Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis der Existenzgründer die monatliche Abschlagzahlung sicher planen kann", weiß Regionalleiter Paland. Eine wirtschaftlich gesunde Praxis amortisiere sich bereits nach sieben bis zehn Jahren, in einigen Fällen auch erst nach 15 Jahren. Über 90 Prozent aller Niederlassungen würden komplett fremdfinanziert, so der apoBank-Manager. Das habe zwei einfache Gründe. Einerseits machten sich viele Ärzte zu einer Zeit selbstständig, in der sie – nicht zuletzt der Familienplanung wegen – noch über kein allzu dickes Finanzpolster verfügten.

Andererseits hätten "über 90 Prozent der Gründer ein weiteres großes Lebensziel: Wohnen in den eigenen vier Wänden". Und da sich die Zinsen für einen Praxiskredit vom zu versteuernden Einkommen abziehen lassen, ein Hypothekendarlehen zum Erwerb privaten Wohneigentums dagegen nicht, sei es durchaus sinnvoll, eventuell vorhandenes Eigenkapital für den Haus- oder Wohnungskauf einzusetzen.

Ebenso sinnvoll ließen sich Tilgungsraten für den Praxiskredit ansparen, und auf den Immobilienerwerb verwenden. "Von denen, die ihre Niederlassung vollständig fremdfinanzieren", wählt laut Paland "etwa die Hälfte dieses Modell"; die andere Hälfte sei eher an schneller Tilgung interessiert. Kredite zum Praxiserwerb seien "in der Regel zeitlich unbefristet steuerlich absetzbar". Manche Darlehen würden daher auch erst mit dem Renteneintritt abgelöst.

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