Ärzte Zeitung online, 19.12.2017

Generationenwechsel

Diese Praxisübergabe ist ein Staffellauf

Wie harmonisch der Generationenwechsel funktionieren kann, zeigen zwei Ärztinnen in Ostfriesland. Die junge Medizinerin Franziska Fenderl kam vor einigen Jahren als Weiterbildungsassistentin in die Praxis, die sie nun übernommen hat.

Von Christian Beneker

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Barbara Jannsen (links) hat ihre Praxis im ostfriesischen Ihlow an Franziska Fenderl übergeben.

© Christian Beneker

Dies ist die Gegend, wohin die Verantwortlichen der KV Niedersachsen mit besorgten Blicken schauen: Ostfriesland. Bald dürfte hier wegen der vielen Hausärzte vor dem Pensionsalter der Ärztemangel spürbar werden. Irgendwo hier auf dem platten Land, zwischen Haxtum und Riepe südlich von Aurich, liegt in einem kleinen Weiler in der Nachbarschaft zur Kirche die Hausarztpraxis der jungen Ärztin Franziska Fenderl und ihrer Kollegin Barbara Janssen. Vor fast genau einem Jahr, am 1. Januar 2017, hat Fenderl das Ruder in der Traditions-Praxis übernommen und ihre Vorgängerin mit halber Stelle angestellt.

Ärzte Zeitung: Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie Ihr Lebenswerk aus den Händen gegeben haben?

Barbara Janssen: Tiefenentspannt.

Barbara Jannsen

Nicht nervös, wenn die Nachfolgerin alles anders macht?

Janssen: Nein. Ich kenne Franziska seit ihrer Weiterbildungszeit, die sie 2014 in dieser Praxis antrat. Und als wir im April 2015 unser 30-jähriges Bestehen feierten, waren wir uns eigentlich schon einig, dass sie am Ende ihrer Facharzt-Ausbildung hier die Praxis übernehmen würde.

Fenderl: Ich habe hier in der Hausarztpraxis gelernt, den ganzen Menschen zu sehen. Hier konnte ich meine internistischen Erfahrung erweitern. Ich habe mich intensiv psychosomatisch fortgebildet und eine Zusatzausbildung zur Chirotherapeutin angefangen. Das lief gut. Und uns wurde beiden klar: Unsere Kombination passt. Dann folgte die Frage nach sofortiger Praxisübernahme, vorübergehender Gemeinschaftspraxis oder Anstellung. Wir haben uns für die Übernahme mit Anstellung der Vorgängerin entschieden. So wurde garantiert, dass ich nicht nach einem halben Jahr die Segel streiche und verschwinde und ebenfalls eine kontinuierliche Übergangszeit mit deutlicher Erleichterung für meine Vorgängerin geschaffen wird. Eine Praxisübernahme ist schließlich ein verpflichtendes Lebensereignis.

Franziska Fenderl

Diese Praxisübergabe ist ein Staffellauf

© cben

Warum sind Sie nicht in der Klinik geblieben?

Fenderl: Die Eigenverantwortung und die Selbstständigkeit sind für mich die ganz großen Zufriedenheits-Faktoren im Leben. Das war für mich der wesentliche Grund. Außerdem ist die Praxis – auch als Landpraxis – familienkompatibel. Das war der Dienst im Krankenhaus nicht. Wenn ich hier als Niedergelassene plötzlich eines meiner Kinder aus der Schule abholen muss, finde ich mit den Patienten auch eine Lösung. Entweder kommen sie morgen wieder oder ich schicke sie zu einem Kollegen.

Werden Ihre Patienten da nicht sauer?

Fenderl: Ganz ehrlich – wir sind auf dem Land, die Patienten kennen uns und verstehen das voll und ganz.

Janssen: Ich berate im Hausärzteverband Ärztinnen nach der Kinderpause und kann allen Kolleginnen nur raten: Macht Euer Ding! Geht in euren eigenen Laden! Für mich war die Praxis die drittbeste Entscheidung meines Lebens: mein Mann, meine Kinder – mein Laden!

Aber daran, dass es so wenige tun, sind die Hausärzte nicht unschuldig.

Janssen: Wir Hausärzte haben gerne gejammert und darüber vergessen, den jungen Leuten zu sagen: Die Niederlassung ist das Beste, was euch passieren kann. Eine Anstellung in einem MVZ dagegen, womöglich noch in Trägerschaft einer Klinik, ist nichts anderes als das Abschöpfen der Gewinne aus ärztlicher Arbeit. Da arbeitet man für den Geschäftsführer.

Viele angestellte Ärzte sagen: Viel zu unsicher, viel zu teuer, so eine Praxis.

Fenderl: Da fehlt die Information und es fehlen ausreichend Praktika in Hausarztpraxen. Denn es halten sich zäh Mythen über die hausärztliche Arbeit: ständige Verfügbarkeit, dauernde Wochenenddienste, wenig Geld und abends beim Pferd des Nachbarn noch den Huf einrenken. Das sind Geschichten aus den 50er Jahren. Tatsächlich haben wir hier ein gutes Facharztnetz, funktionierende hausärztliche Zusatzverträge und Zusatzgewinne aus Kooperationen mit Pflegeheimen. Ebenfalls arbeiten die Hausärzte hier mit- und nicht gegeneinander.

An 50 von 52 Wochenenden bin ich für die Familie da und ich habe einen sehr zufriedenstellenden Verdienst. Zur Orientierung: der bundesweite durchschnittliche Jahresgewinn liegt bei den Hausärzten bei rund 140.000 Euro Gewinn vor Steuer.

Übergabe-Check

  • Einstieg: Franziska Fenderl kam 2014 als Weiterbildungsassistentin in die Hausarztpraxis von Barbara Janssen in Ihlow (Ostfriesland).
  • Erste Überlegungen: Die beiden Ärztinnen merkten schnell, dass die Chemie stimmt. Schon ein Jahr später kristallisierte sich heraus, dass Franziska Fenderl die Praxis nach ihrer Facharztprüfung übernehmen würde.
  • Suche nach dem passenden Modell: Sollte die junge Ärztin sofort übernehmen? Sollte die Praxis vorübergehend als Gemeinschaftspraxis laufen? Oder wäre eine Anstellung eine Option?
  • Schrittweiser Ausstieg: Am 1. Januar 2017 übernahm Franziska Fenderl die Praxis – und stellte ihre ehemalige Weiterbilderin an.
  • Zufrieden mit Entscheidung: Beide fühlen sich wohl mit dieser Art des Übergangs. Barbara Janssen wird deutlich entlastet, Franziska Fenderl hat zumindest in der Übergangszeit eine Ansprechpartnerin für Fragen rund um ihre neue Praxis.
  • Gut, reden wir übers Geld. Frau Fenderl, was hat die Praxis gekostet?

    Fenderl: Einen Quartalsumsatz.

    Janssen: In Niedersachsen liegt der Durchschnitt pro Hausarztsitz bei 985 Scheinen. Ab 1250 Scheinen pro Sitz wird der Gewinn abgestaffelt. Da ich meinen halben Sitz mitbringe, könnten wir zu den 1250 nochmal knapp 500 dazu verkraften, ohne abgestaffelt zu werden. Apropos Geld: Bei den Verhandlungen haben wir sofort die Bücher auf den Tisch gehabt und die Bilanzen. Diese Offenheit ist zwar nicht üblich, hat sich bei uns aber bewährt. Diese Ehrlichkeit empfehle ich jedem potenziellen Praxisabgeber gegenüber seinem Nachfolger.

    Gab es Geld von der KV Niedersachsen? Sie lobt ja 50.000 Euro pro Neuniederlassung aus.

    Fenderl: Leider nicht von der KV, aber von der Wirtschaftsförderung des Landkreises. Der KV-Zuschuss gilt nur für Niederlassungen in unterversorgten Gebieten – und das ist Aurich nicht. Man muss jedoch bedenken, dass viele Praxen in unserer Region nur noch aus gutem Willen von den Kollegen weitergeführt werden, die längst über der Pensionsgrenze sind. Würden sie in den verdienten Ruhestand gehen, sähe es hier anders aus. Andererseits kann man Frauen mit kleinen Kindern nicht zu bereits deklarierten unterversorgten Gebieten raten. In diesen Regionen warten vermutlich mehr Patienten morgens vor der Praxistür, als mit Familie zu vereinbaren wären. Aber auch hier müssen wir immer darauf gefasst sein, dass eine der umliegenden Praxen aus Altersgründen ohne Nachfolger plötzlich schließt. Und dann stehen auch bei uns neue Patienten vor der Tür.

    Starke Frauen, starkes Team

    Die Praxis der beiden Ärztinnen Barbara Janssen und Franziska Fenderl liegt in einem Klinkerbau in der ostfriesischen Gemeinde Ihlow. Janssen ist hier seit über 30 Jahren Mieterin. Gerade mal 85 Quadratmeter groß ist die Praxis, neun Stühle hat das Wartezimmer und hinter den Tresen ist Platz für eine MFA. Im Wartezimmer hängen Kinderzeichnungen und Dorfnachrichten: "Weihnachtsmarkt in Hüllenerfehn" und "Krippenspiel in Westerende". Auf der Untersuchungsliege sitzen Kuscheltiere.

    Beide Frauen haben Familie. Franziska Fenderl erwartet gerade ihr drittes Kind. Barbara Janssen hat wie ihre Kollegin drei Kinder. Früher, sagt sie, hat sie vormittags behandelt, während nebenan der Kinderwagen stand; mittags hat sie ihn nach Hause geschoben: "Das hat schon geklappt, als es das Wort Work-Life-Balance noch gar nicht gab."

    Auch sie hat die Laufbahn als Klinikärztin gekippt und wurde Hausärztin. Außerdem: Abi hat sie 1968 gemacht, sie ist eine Kämpferin. Seit 2012 ist Barbara Janssen in der VV der KV Niedersachsen. Und sie hat klare Ansichten: "Wir brauchen die paritätische Besetzung der Gremien!" (cben)

    Lesen Sie dazu auch:
    Hausärztetag: Student und AiW kämpfen für die junge Sicht
    Projekt zeigt: Landarzt-Leben geht auch zeitgemäß!
    Arbeitszeit: Familie und Beruf in der Praxis besser vereinbar

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