Ärzte Zeitung online, 08.07.2010
 

Experten fordern mehr Klarheit für Gentests an Embryonen

MÜNSTER (dpa). Nach dem Bundesgerichtshof-Urteil, das Ärzten künftig erlaubt, künstlich gezeugte Embryonen auf schwere Gen-Schäden zu untersuchen, haben Mediziner und Biologen klare Vorgaben gefordert.

"Um hier mehr Sicherheit zu bekommen, muss der Staat jetzt definieren, welche Gen-Krankheiten damit genau gemeint sind", sagte der Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA), Professor Stefan Schlatt, am Mittwoch in Münster. "Noch gibt es Unklarheiten, was darunter fällt." Unklar sei zudem, ob künftig bei jeder künstlichen Befruchtung eine Untersuchung rechtlich abgesichert ist. "Dieser Punkt muss noch eindeutig geklärt werden", forderte Frank Tüttelmann, Humangenetiker an der Universität Münster.

Kriterien dafür, welche befruchteten Eizellen nach der sogenannten Präimplantationsdiagnostik (PID) vernichtet werden dürfen, seien bereits vorhanden, sagte Schlatt. "Es gibt schwerwiegende Indikationen, bei denen der Arzt zu einem Schwangerschaftsabbruch rät. Daran kann man sich orientieren."

Grauzonen könnten dabei jedoch nicht ausgeschlossen werden. "Es gibt klare und weniger klare Fälle." Bei der unheilbaren Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose etwa, die zu einer verschleimten Lunge führt, sei der Fall eindeutig. "Hier würde der Arzt der Mutter wohl raten, die geschädigte Eizelle nicht zu nehmen." Schwieriger sei es dagegen beim Down-Syndrom. "Da gibt es schwere und leichte Formen. Wie sich das Kind entwickelt, weiß man aber nicht vor der Geburt."

Die Möglichkeit einer PID wird nach Ansicht von Schlatt dazu führen, dass sich mehr Eltern gegen ein Kind mit einem Down-Syndrom entscheiden werden. "Es ist einfacher, sich gegen das Einsetzen einer Eizelle mit Genschäden zu entscheiden, als für eine Abtreibung." Die Gefahr, dass die PID als Methode zur Erzeugung von "Designer-Babys" missbraucht wird, schließt Schlatt aus. "Der BGH hat eindeutig klargestellt, dass es nur bei schwerwiegenden Krankheiten angewandt werden darf. Verhalten und Haarfarbe eines Kindes spielen keine Rolle."

Lesen Sie dazu auch:
Gentests an Embryonen: Rechtlich geklärt, aber ethisch weiter umstritten
BGH: Gentests an Embryonen nicht strafbar
Bundesärztekammer: Kein Freibrief für Designer-Babys

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Inhalatives Steroid bei Kindern – Keine falsche Zurückhaltung!

Die Angst vor Frakturen sollte bei asthmakranken Kindern kein Grund gegen die Kortisoninhalation sein. Zurückhaltung könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben. mehr »

Ibuprofen plus Paracetamol so effektiv wie Opioide

Es müssen keine Opioide sein: OTC-Analgetika wirken bei Schmerzen in den Gliedmaßen ähnlich gut wie Opioide, so eine US-Studie. mehr »

Steigender Drogenkonsum bereitet Sorgen

Der Cannabiskonsum wird unter Jugendlichen langsam aber stetig populärer. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung fordert einen massiven Ausbau der Präventionsangebote. mehr »