Ärzte Zeitung, 22.08.2016

Diagnose ADHS

Online-Trainer soll Eltern unterstützen

Wie geht man mit kindlichen Wutanfällen um? Wie können Eltern ihr ADHS-Kind im Alltag am besten unterstützen? Was können Eltern für sich selbst tun? Antworten auf solche Fragen gibt seit Anfang dieser Woche ein Elterntrainer, der online genutzt werden kann.

Von Taina Ebert-Rall

BERLIN. Der "ADHS-Elterntrainer" ist ein wissenschaftlich fundiertes Online-Programm und bietet umfassende und kostenlose Unterstützung für Mütter und Väter, die durch Verhaltensprobleme ihrer Kinder besonders belastet sind.

Anhand von 44 Filmsequenzen zu typischen Situationen aus dem Familienalltag vermittelt das Trainingsprogramm einfache verhaltenstherapeutische Methoden, die Eltern bei Problemen infolge einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ihres Kindes schnell und unkompliziert anwenden können.

Das Angebot der AOK wurde in Kooperation mit dem ADHS-Experten Professor Manfred Döpfner vom Uniklinikum Köln entwickelt und ist unter www.adhs-elterntrainer.de für alle Interessierten frei zugänglich.

Für jedes Problemthema können Eltern nach den Erfahrungen des Kölner ADHS-Expertenteams um den Psychologen Döpfner in sieben Schritten eine deutliche Verbesserung erreichen.

Das Spektrum der beschriebenen Probleme reicht vom Wutanfall über Probleme mit den Hausaufgaben, Chaos im Kinderzimmer, ständiges Unterbrechen, und Medienkonsum bis hin zu Geschwisterstreit und Unruhe beim Essen. Auch Tipps, was getan werden kann, wenn es mit dem Programm nicht klappt, hat das Expertenteam für Eltern parat.

Auch für sich selbst Kraft tanken

Zu den Zielen des Programms gehört es ferner, dass Eltern in schwierigen Phasen auch ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und für sich Kraft tanken. Der Elterntrainer vermittelt darüber hinaus Wissen zum Krankheitsbild.

"Das Programm kann von Eltern selbstständig genutzt, aber auch als Ergänzung zu ärztlicher oder therapeutischer Behandlung eingesetzt werden", betont Prof. Manfred Döpfner, Leitender Psychologe der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Uniklinikum Köln und Autor der deutschen Behandlungsleitlinie zu ADHS.

Seine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und seine wissenschaftliche Expertise sind in das Programm eingeflossen.

Das Programm kann seit Mitte August kostenfrei und ohne Registrierung von allen Interessenten durchlaufen werden.

Auf Wunsch können sich die Nutzer zusätzlich mit einer E-Mail-Adresse und einem selbst gewählten Passwort beim "ADHS-Elterntrainer" anmelden. Dann werden ihre Eingaben gespeichert, sodass sie beim nächsten Einloggen kontinuierlich im Programm weiterarbeiten können.

Zusätzliche Unterstützung

Für AOK-Versicherte gibt es ein exklusives Zusatzangebot: Sie können sich von Experten aus dem Team von Prof. Döpfner beraten lassen, wenn sie Fragen zur Anwendung der Methoden haben, die im Elterntrainer vermittelt werden.

Döpfner: "Wir haben schon in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen mit der angeleiteten telefonischen Unterstützung gemacht. Im Telefonat lassen wir uns genau beschreiben, welche Probleme es gibt. Dann können wir einfache Tipps geben oder ganz gezielt auf Fachleute verweisen, die den Eltern weiterhelfen können."

"Mütter und Väter von Kindern mit der Diagnose ADHS sind oft erschöpft und nicht selten der Verzweiflung nah", sagt der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch. "Sie können in besonderem Maß von unserem Angebot profitieren."

Nach einer aktuellen Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) erhielten 4,4 Prozent der AOK-versicherten Kinder und Jugendlichen von drei bis 17 Jahren im Jahr 2014 die Diagnose ADHS.

Damit ist die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung die häufigste psychische Diagnose im Kindesalter. Bei etwa 6,4 Prozent der Jungen wurde ADHS in der Abrechnung der Ärzte dokumentiert; sie sind damit wesentlich häufiger betroffen als Mädchen mit 2,2 Prozent.

Interview: Lernen anhand alltäglicher Erlebnisse

Den Elterntrainer können alle Eltern nutzen, die vor schwierigen Verhaltensproblemen ihrer Kinder stehen, sagt ADHS-Experte Prof. Manfred Döpfner.

Ärzte Zeitung: Was zeichnet den ADHS-Elterntrainer aus?

Professor Manfred Döpfner: Der Elterntrainer beruht wesentlich auf unseren Selbsthilfeverfahren, die wir in den vergangenen 20 Jahren entwickelt und evaluiert haben. Das Ergebnis ist ein umfassendes, verhaltenstherapeutisch basiertes und methodisch fundiertes Trainingskonzept.

Die einzelnen Lernschritte werden in Filmen veranschaulicht, die alltägliche Erlebnisse zeigen zum Beispiel den Wutanfall eines Kindes in der Öffentlichkeit. Durch diese Art der Darstellung können gestresste Mütter und Väter die Informationen besonders gut aufnehmen und für sich umsetzen.

Wie gehen Eltern am besten vor?

Döpfner: Am besten konzentrieren sich die Nutzer zunächst auf einen Trainingsbereich, zum Beispiel Verhaltensprobleme lösen. Ungünstig ist es, parallel an allen Baustellen arbeiten zu wollen. Generell empfehlen wir, den ADHS-Elterntrainer lieber mehrmals pro Woche zu nutzen, als alles am Stück zu bearbeiten. Optimal wäre ein Kapitel pro Tag.

Es ist auch Geduld nötig, weil eine Verhaltensumstellung Zeit braucht. Nach etwa zehn Wochen sollten sich aber Verbesserungen einstellen. Ist dies nicht der Fall, stellen wir den Nutzern noch eine Methode für besonders starkes Problemverhalten vor. Schließlich bieten wir auch noch eine Hilfe für den Fall an, wenn es nicht gut klappt.

Ersetzt der Elterntrainer andere Therapieformen bei ADHS?

Döpfner: Das Onlineprogramm ersetzt keine Behandlung oder eine Psycho- oder Pharmakotherapie, falls diese nötig ist. Aber es kann sie sehr gut ergänzen, das ist der Vorteil von Selbsthilfestrategien. Wir haben versucht, stark motivierende Elemente in das Programm einzubauen, aber manches lässt sich nur im persönlichen Gespräch herausarbeiten.

Deshalb hoffen wir auf die Unterstützung ärztlicher Kollegen, die sich das Programm selbst anschauen und Eltern, die davon profitieren könnten, dazu anregen, es als Selbsthilfe-Instrument zu nutzen. (Ebert-Rall)

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