Ärzte Zeitung online, 25.01.2018

Telemedizin

Wie ViDiKi Kindern mit Diabetes hilft

Therapie abstimmen, Blutzuckerwerte kontrollieren: Ein telemedizinisches Projekt in Schleswig-Holstein erspart diabeteskranken Kindern und ihren Eltern viel Aufwand und zeigt: Telemedizin kann Kontaktmedizin sinnvoll ergänzen.

Von Thomas Hommel

Wie ViDiKi Kindern mit Diabetes hilft

Per Video-Sprechstunde erläutert Dr. Simone von Sengbusch einer Mutter die ausgewerteten Diabetes-Daten ihres Kindes. Die Ärztin hat gemeinsam mit ihren Kollegen am UKSH das Telemedizin-Projekt ViDiKi aus der Taufe gehoben.

© di

KIEL/LÜBECK. Zu unpersönlich, zu unsicher: Nicht jeder Arzt findet Gefallen an der Idee, seinen Patienten via Telemedizin – also über räumliche Distanz und mittels digitaler Kommunikationsdrähte – zu behandeln. Dafür brauche der Mediziner eben alle seine fünf Sinne – und die ließen sich virtuell nicht einsetzen, heißt es.

Dr. Simone von Sengbusch, Diabetologin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, sieht die Sache mit der Telemedizin etwas differenzierter. "Wir werden immer Kontaktmedizin brauchen", betont auch sie. Denn der direkte Kontakt von Arzt und Patient sei nun einmal "Basis jeder ärztlichen Tätigkeit, da wir Ärzte den Patienten persönlich sehen, betrachten und untersuchen müssen. Aber da, wo es primär um eine erste Einschätzung geht oder Befunde zu besprechen sind, bietet sich eine ergänzende Beratung mit Telefon oder Arzt-Video-Portal an", ist die Diabetologin überzeugt.

Beratungs-Portal

Gemeinsam mit ihren Kollegen aus der Kinderdiabetologie des UKSH, Campus Lübeck und Kiel, hat von Sengbusch deshalb ein landesweites Telemedizin-Projekt mit dem Namen "Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche" (ViDiKi) aus der Taufe gehoben (wir berichteten). Dabei handelt es sich um ein internetbasiertes Online-Beratungs-Portal, in welchem Familien einmal im Monat einen zusätzlichen Termin mit einem Kinderdiabetologen haben. Neben dem UKSH ist das Städtische Krankenhaus Kiel in das Projekt eingebunden. Die AOK NORDWEST ist als Konsortialpartner an Bord. Das Kieler Gesundheitsministerium unterstützt das Angebot – Ressortchef Dr. Heiner Garg spricht von einem für die Telemedizin "beispielhaften" Modell. Gemeinsames Ziel ist es, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes Typ 1 im nördlichsten Bundesland weiter zu verbessern.

Kontinuierliche Glukosemessung

"Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter", erläutert von Sengbusch. Die notwendige Insulintherapie greife "tief in das Leben der Kinder und ihrer Familien ein" und erfordere engmaschige Beratungskontakte zum Arzt. Bei Kindern mit Typ-1-Diabetes seien häufige Kontakte wichtig, weil das Kind kontinuierlich wachse, Infekte erleide, sein Bewegungsverhalten sich ändere und damit auch wiederum meist im vierwöchigen Abstand Insulinanpassungen nötig seien. "Fast jedes Kind nutzt inzwischen ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung, das vor Über- und Unterzuckerungen warnt. Allerdings können diese Geräte ihr Potenzial zur Verbesserung der Stoffwechsellage nur entfalten, wenn Kinder und Eltern intensiv und kontinuierlich beraten werden."

Die Kinder und ihre Eltern haben mit der Teilnahme am Projekt die Möglichkeit, mit dem Facharzt die Insulin- und weitere Therapiedaten zu besprechen und gegebenenfalls Veränderungen an der Therapie vorzunehmen. Die Termine können von zu Hause aus, auch abends und am Wochenende, wahrgenommen werden. Das Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck evaluiert den Einfluss der neuen Versorgungsform auf die Stoffwechsellage der Kinder, ihre Lebensqualität und die Zufriedenheit der Eltern und Jugendlichen wie auch gesundheitsökonomische Aspekte. Dabei werden die behandelten Kinder mit Kindern verglichen, die erst später an der neuen Versorgungsform teilnehmen. Das Projekt wird für drei Jahre mit rund 1,7 Millionen Euro über den Innovationsfonds gefördert.

Blaupause für andere

Potenzielle Nutznießer des Projektes gibt es viele: Mehr als 1200 Kinder und Jugendliche in Schleswig-Holstein – so die aktuelle Statistik– leiden an der Stoffwechselkrankheit Diabetes Typ 1. Bundesweit sind es an die 30.000. "Im Erfolgsfall", ist von Sengbusch überzeugt, "ist ViDiKi als Versorgungsform prinzipiell auf jede Region in Deutschland übertragbar. Insbesondere aber dort, wo weite Anfahrtswege zum Zentrum oder Personalmangel eine Versorgung der Patienten erschweren."

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