Ärzte Zeitung online, 21.04.2018

Mobilität

Pendler in der Stressfalle?

Lange Wege zur Arbeit gehören heute für viele Menschen zum Alltag. Ob und wie stark sich Belastungen dadurch auf die Gesundheit auswirken, lässt sich jedoch beeinflussen.

Von Taina Ebert-Rall

Pendler in der Stressfalle?

Kopfschmerzen, Erschöpfung ... – Berufspendeln schlaucht. Besonders gefährdet für dauerhafte negative gesundheitliche Folgen sind nach einer Studie Pendler, die täglich mehr als 45 Minuten pro Strecke unterwegs sind.

© Paolese - stock.adobe.com

BERLIN. "Wie stark sich Menschen durch Mobilität beeinträchtigt fühlen, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab", sagt Diplom-Psychologe Sören Brodersen vom Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) . "Habe ich mich bewusst dafür entschieden oder fühle ich mich gezwungen? Ist auf mein Verkehrsmittel Verlass?" Antworten auf solche und ähnliche Fragen tragen nach seiner Erfahrung ganz entscheidend dazu bei, ob die Mobilität eher als Stressfaktor oder eventuell sogar als positives Element im Berufsleben wahrgenommen wird.

Brodersen weiß, wovon er spricht: Als Mitarbeiter des BGF-Instituts berät er Unternehmen im Rheinland rund um das Thema Mitarbeitergesundheit. Für seinen Job legt er oft weite Strecken zwischen seinem Arbeitsplatz in Köln und den Firmen, die er beispielsweise bei der Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements begleitet, zurück.

Belastung nimmt mit dem Alter zu

Generell lasse sich sagen, dass jüngere Berufstätige bis zu einem Alter von 34 Jahren wesentlich häufiger mobil sind als Arbeitnehmer im Alter zwischen 45 und 54 Jahren. "Das liegt schlicht daran, dass sich das private Umfeld mit zunehmendem Alter festigt und die Familie, eventuell auch Wohneigentum, einen größeren Raum einnimmt", so Brodersen. "Entsprechend fallen auch mögliche Lösungen für Pendler eher individuell und auf die jeweilige Lebensphase abgestimmt aus."

Brodersen: "Ich empfehle immer erst einmal eine kognitive Betrachtung. Oft ist es hilfreich, das Für und Wider einmal aufzuschreiben und zu schauen, ob Job und Wege noch zum jeweiligen Lebensabschnitt passen. Manchmal muss man die Belastung durch lange Anfahrtswege beim Partner oder bei Freunden auch einfach mal thematisieren, sich die Wertschätzung dafür quasi selbst holen." So könne auch zusammen mit der Familie, mit dem Partner oder mit den Freunden geklärt werden, ob die Vorzüge beispielsweise des privaten Lebens am Wohnort den Nachteil des Pendelns noch wettmachen.

Häufig können schon kleinere Veränderungen ein deutlich verbessertes Lebensgefühl bewirken, sagt der Psychologe. "Monotonie zu durchbrechen, beispielsweise ab und zu mal vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen oder an einem Tag in der Woche eine Fahrgemeinschaft nutzen, kann für Entspannung sorgen. Bei gutem Wetter bieten sich auch E-Bikes an, um zügig von A nach B zu kommen."

Staus und Umstiege stressen

Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Fernpendeln von vielen Menschen als anstrengend empfunden wird. Der "iga.Report 25" kommt zu dem Schluss, dass ab einer Dauer von 45 Minuten pro Wegstrecke die negativen Auswirkungen stark ansteigen. So fühlten sich zum Beispiel Autofahrer, die regelmäßig und lange auf stauträchtigen Strecken unterwegs sind, oft fremdbestimmt, heißt es im Bericht "Arbeitsbedingte räumliche Mobilität und Gesundheit" der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga). Auch der Zeitverlust beispielsweise durch Unwägbarkeiten im Verkehr werde als stark belastend eingestuft. Ähnliche Erfahrungen machten auch Bahnfahrer, die auf ihrem Weg mehrmals umsteigen müssen, geht aus dem Bericht hervor, zu dessen Autoren Brodersen gehört.

Fehltage steigen mit der Distanz

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Auswertung der Fehlzeiten von 13,2 Millionen AOK-versicherten Beschäftigten durch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Demnach haben Arbeitnehmer, die über eine Distanz von mindestens 500 Kilometer zum Arbeitsplatz pendeln – also insbesondere die Wochenendpendler –, 15 Prozent mehr Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen als Beschäftigte, die nicht mehr als 20 Kilometer zurücklegen. "Wird die Distanz zum Arbeitsort durch einen Wohnortwechsel verkürzt, sinkt die Zahl der psychisch bedingten Fehlzeiten unter den allgemeinen Durchschnitt. Verlängert sich der Weg zum Job, erhöht sie sich überdurchschnittlich", erläutert Helmut Schröder, Stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. Die WIdO-Experten hatten die Fehltage von knapp fünf Millionen kontinuierlich AOK-versicherten Beschäftigten in einem Fünfjahreszeitraum dahingehend analysiert, ob sich ein Wohnortwechsel mit einer Veränderung der Entfernung zum Arbeitgeber auf die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen auswirkt.

Und eine repräsentative Forsa-Umfrage unter 505 Erwerbstätigen im Alter ab 18 Jahren im Auftrag der AOK Baden-Württemberg kommt zu dem Schluss, dass 40 Prozent der Erwerbstätigen in Baden-Württemberg ihren Arbeitsweg als Belastung empfinden. Dabei nannten 63 Prozent derjenigen Befragten, die sich durch ihren Arbeitsweg belastet fühlen, Verkehrsstaus als wichtigste Ursache für den Pendler-Stress. Den Zeitaufwand allgemein nannten 29 Prozent als Grund für die Belastung, weitere zehn Prozent fühlten sich von Verspätungen beziehungsweise von ausgefallenen oder überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln gestresst. Entlastung vom Pendler-Stress versprechen sich der Forsa-Umfrage zufolge 27 Prozent durch häufigere Arbeit von zu Hause aus. 18 Prozent würden eine Fahrgemeinschaft in Erwägung ziehen.

Arbeitgeber können unterstützen

Damit es erst gar nicht zu unerwünschten gesundheitlichen Folgen wie Erschöpfung oder chronischer Müdigkeit, zu Schlafstörungen oder Muskelverspannungen, Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden kommt, können Pendler nach Angaben Brodersens auch viel selbst tun. "Einfach mal das Auto ein paar Straßen vom eigenen Zuhause weg parken und die letzten Meter zur Fuß gehen, macht den Kopf frei und sorgt für Bewegung." Viele Tipps zur Stressreduktion finden sich auch im Internet, zum Beispiel unter www.stress-im-griff.de auf den Seiten der AOK.

Auch Arbeitgeber können dazu beitragen, dass die Beschäftigten nicht allzu stark durch Arbeitswege belastet werden und psychisch gesund bleiben. Brodersen: "In vielen Fällen reicht es schon, wenn Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit einigermaßen flexibel gehalten sind und für das Team wichtige Besprechungstermine nicht direkt am frühen Morgen oder kurz vor dem Ende des Arbeitstages stattfinden. Das nimmt viel Druck und Zeitstress raus."

Auch gut funktionierendes Arbeitsgerät erleichtert das mobile Berufsleben. Sitze von Firmenwagen, die von mehreren Mitarbeitern genutzt werden, sollten leicht auf alle Größen verstellbar sein. Und wo es machbar ist, kann auch die Möglichkeit geboten werden, zeitweise von zu Hause aus zu arbeiten. "In der Regel braucht man aber gar keinen Masterplan mit riesiger Finanzierung dahinter", so der Kölner Psychologe. "Vor allem Empathie kommt gut an. Viele Arbeitnehmer freuen sich einfach, von einer Führungskraft etwas Nettes zu hören. Zum Beispiel: Atmen Sie erst mal tief durch, die Arbeit läuft nicht weg."

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