Ärzte Zeitung online, 17.05.2018

Interview mit WIdO-Chef

Wettbewerb lohnt sich

Wie verändern Rabattverträge den Pharmamarkt und die Arzneimittelversorgung? Ein Interview mit dem stellvertretenden WIdO-Chef Helmut Schröder.

Zeigen sich Lieferengpässe im Arzneimittelmarkt?

Helmut Schröder:Nur wenige Arzneimittel waren im vorigen Jahr in der ambulanten Versorgung nicht lieferfähig. Das zeigt eine Übersicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Von den insgesamt mehr als 65.000 verschiedenen Arzneimitteln, die mindestens einmal verordnet wurden, waren 194 Produkte zwischen dem 1. Mai 2017 und dem 18. April 2018 einmal nicht verfügbar. Dies entspricht 0,3 Prozent aller Produkte, bei den Rabattarzneimitteln nur 0,2 Prozent. Wir würden uns freuen, wenn wir die von der Industrie behaupteten Versorgungsengpässe endlich empirisch überprüfen könnten – dazu müsste die freiwillige Meldeverpflichtung der pharmazeutischen Hersteller vom Gesetzgeber als verpflichtend erklärt werden.

Verstärken die Rabattverträge langfristig nicht die Monopol- Bildung im Pharmamarkt?

Würde allein die Anzahl der Hersteller im Markt betrachtet, könnte dieser Eindruck in einer globalisierten Welt ggf. entstehen. Jedoch ist dies kein geeignetes Mittel zur Beurteilung der Marktkonzentration. Auch muss berücksichtigt werden, welche Hersteller wie viel umsetzen. Wir haben untersucht, wie sich Umsätze im generikafähigen Markt auf die verschiedenen Hersteller 2006 verteilt haben und diese Zahl der aktuellen Umsatzkonzentration 2017 gegenübergestellt. Das zeigt: Die niedrige Marktkonzentration ist mit der Einführung der Rabattverträge weiter gesunken. Der Vertragswettbewerb hat sich also auch mit Blick auf die Vielfalt der am Markt teilnehmenden Generika-Hersteller gelohnt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Für den Wirkstoff Pantoprazol sind über 380 verschiedene Arzneimittel von 35 verschiedenen Herstellern verfügbar. Würde ein Hersteller nahezu die gesamten 575 Millionen Euro Bruttoumsatz des Jahres 2017 auf sich vereinigen, läge eine sehr hohe Marktkonzentration vor, unabhängig davon, ob 35 oder ein paar weniger Hersteller im Markt agieren. Durch die Rabattverträge haben große Anbieter hier Marktanteile verloren. Kleine und mittelständische Anbieter beteiligen sich an den Ausschreibungen, um Anteile an einem Markt zu erlangen.

Sollte bei den Rabattverträgen alles so bleiben, wie es ist oder sehen Sie einen Reformbedarf?

Unsere Bilanz der Arzneimittelrabattverträge fällt überaus positiv aus. Patienten müssen keine unnötigen Medikamentenwechsel hinnehmen. Auch hat sich die Anbietervielfalt im generikafähigen Markt erhöht und außerdem konnten über die Verträge die Listenpreise für Arzneimittel 2017 um mehr als vier Milliarden Euro reduziert werden. (wer)

Topics
Schlagworte
AOK Pro Dialog (560)
Wirkstoffe
Pantoprazol (149)
Personen
Helmut Schröder (36)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Was Patienten ihrem Arzt verschweigen

Als Arzt muss man damit rechnen, dass Patienten nicht alle gesundheitsrelevanten Infos offenlegen. Wann und warum sie diese verheimlichen, haben Psychologen analysiert. mehr »

Möglicher Prognosemarker entdeckt

Forscher haben einen Biomarker entdeckt, der bei Prostatakrebs-Patienten früh auf einen aggressiven Verlauf hinweisen könnte – und ein Computermodell entwickelt, das bei der Vorhersage hilft, wie sich der Tumor entwickelt. mehr »

Gewichtheben enttarnt Koronaranomalie

Krafttraining zur KHK-Prävention: Das funktionierte bei einem jungen Gewichtheber – allerdings auf unvorhergesehene Weise. mehr »