Ärzte Zeitung online, 06.07.2018

AOK-Familienstudie

Kinder, wie geht´s Euch gesundheitlich?

Seit Kurzem liegt die mittlerweile vierte AOK-Familienstudie vor. Sie liefert wichtige Hinweise, wie es um den Gesundheitszustand von Eltern und ihren Kindern bestellt ist. Ein Ergebnis lässt besonders aufhorchen.

Von Thomas Hommel

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Toben auf dem Spielplatz – nicht einmal die Hälfte deutscher Eltern ist dazu bereit.

© AOK-Mediendienst

BERLIN. Kinder, wie geht´s Euch gesundheitlich? Antworten auf diese Frage dürften neben Statistikern und Gesundheitspolitikern vor allem Haus- und Kinderärzte interessieren.

Denn die kranken Kinder von heute sind nicht selten die ungesunden Erwachsenen von morgen. Wichtige Hinweise zum Stand der Kindergesundheit in Deutschland liefert die kürzlich vorgelegte AOK-Familienstudie 2018.

Für die Untersuchung gaben im Frühjahr 2018 knapp 5000 Mütter oder Väter mit mindestens einem Kind zwischen vier und 14 Jahren Auskunft über Gesundheit, Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten ihrer Familie. Die befragte Stichprobe ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung – auch hinsichtlich der soziodemografischen Anteile.

Spiegelbild der Gesellschaft

Die Eltern wurden im Rahmen der AOK-Familienstudie nicht nur nach ihrer eigenen Gesundheit befragt, sondern auch nach der ihrer Kinder. Rund 55 Prozent der Eltern bewerten den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer Kinder als sehr gut, weitere 33 Prozent als gut.

Die Einschätzung der Eltern zum Gesundheitszustand ihres Kindes unterscheidet sich dabei nach dem Alter der Kinder: In der Altersgruppe der Vier- bis Sechsjährigen berichten rund 59 Prozent der Eltern von einem sehr guten Gesundheitszustand – bei den Eltern der elf- bis 14-jährigen Kindern liegt dieser Anteil bei rund 47 Prozent.

Auffällig: Eltern mit Hauptschulabschluss bewerten den Gesundheitszustand des Kindes etwas schlechter als Eltern, die über Abitur oder Hochschulabschluss verfügen.

Den Angaben der Eltern zufolge hatte knapp ein Drittel der Kinder in der letzten Woche vor der Befragung eine akute Erkrankung – beispielsweise eine Erkältung oder einen Infekt.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Befragungszeitraum der Studie zwischen Januar und März lag und damit hauptsächlich in den Wintermonaten, in denen Erkältungen weiter verbreitet sind als in den Sommermonaten.

Von den akuten Erkrankungen sind insbesondere jüngere Kinder betroffen: Rund 42 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen waren akut erkrankt – bei den Elf- bis 14-Jährigen waren es 26 Prozent. Rund sieben Prozent der Kinder leiden laut Angaben der Eltern an einer chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Asthma und rund zwei Prozent an einer Behinderung.

Häufige Symptome

Familien im Fokus

- Mit der Familienstudie 2018 liefert die AOK eine detaillierte Bestandsaufnahme der Familiengesundheit in Deutschland. Die Studie knüpft an ältere Untersuchungen der AOK an.

- 2007 lieferte die erste AOK-Familienstudie stichhaltige Belege dafür, dass geregelte Abläufe, Routinen und Rituale im Familienalltag sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden von Kindern auswirken.

- Zehn gesundheitsfördernde Empfehlungen entwickelte die AOK damals zur Gestaltung des Familienlebens und überprüfte 2010 in der zweiten AOK-Familienstudie, inwieweit die Empfehlungen in den Alltag Eingang gefunden haben.

Weitere Infos unter: www.aok-bv.de (> Presse > AOK-Familienstudie 2018)

Die Eltern wurden gefragt, wie oft Rücken-, Bauch- oder Kopfschmerzen und psychische Probleme wie Einschlafschwierigkeiten und Gereiztheit in den letzten sechs Monaten vor der Umfrage bei ihrem Kind auftraten. Erfreulich: Das Gros der Kinder klagte selten oder nie über körperliche Beschwerden.

Rund 42 Prozent hatten einmal im Monat oder öfter Bauchschmerzen. Benommenheit und Schwindel sowie Rückenschmerzen kamen nur selten vor.

Bedenklich: Rund 15 Prozent der Eltern geben an, dass ihr Kind mehrmals wöchentlich oder fast täglich über einen Zeitraum von sechs Monaten gereizt oder schlecht gelaunt war.

25 Prozent berichten von diesen Beschwerden fast jede Woche. Jedes fünfte Kind hat fast wöchentlich oder öfter Probleme beim Einschlafen.

Die Eltern wurden auch nach Größe und Gewicht ihres Kindes gefragt. Auf dieser Grundlage wurde der Body-Mass-Index des Kindes berechnet.

Aufgrund wachstumsbedingter Veränderungen des Verhältnisses von Körpergröße und Körpergewicht im Kindes- und Jugendalter gibt es – im Gegensatz zu Erwachsenen – keinen für alle Altersgruppen einheitlichen Grenzwert, ab dem ein Kind oder Jugendlicher als übergewichtig oder adipös einzustufen ist.

Für diese Einteilung wurden im Rahmen der Studie daher alters- und geschlechtsdifferenzierte Perzentilkurven verwendet. Danach sind rund 16 Prozent der Kinder übergewichtig (neun Prozent) oder adipös (sieben Prozent). Jungen sind in allen Altersgruppen etwas übergewichtiger als Mädchen.

Laut Studie gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gewicht des Kindes und dem Gewicht seiner Eltern: So liegt der Anteil der Kinder mit Übergewicht oder Adipositas bei Eltern mit Normalgewicht bei rund elf Prozent, bei Eltern mit Adipositas ist dieser Anteil mit rund 22 Prozent dagegen doppelt so hoch.

Dabei variiert das Gewicht der Eltern mit ihrem Bildungsstand. Dies zeigt sich auch beim Gewicht der Kinder: Rund 21 Prozent der Eltern mit Hauptschulabschluss haben übergewichtige oder adipöse Kinder. Bei Eltern mit Abitur oder Hochschulabschluss sind es rund 13 Prozent.

"Wir haben ein ‚dickes‘ Problem"

"Die AOK-Familienstudie 2018 verdeutlicht einmal mehr, dass wir ein ‚dickes‘ oder zumindest ‚pummeliges‘ Problem haben", so Jens Martin Hoyer, Vorstandsvize des AOK-Bundesverbandes. Gründe für das zu Viel auf der Waage gebe es viele.

Mit an erster Stelle stehe ein Mangel an körperlicher Bewegung, sagt Hoyer – und verweist auf weitere Ergebnisse der Studie. Danach bewegen sich zwar 45 Prozent der befragten Eltern täglich mit ihren Kindern. Für jede dritte Familie spielt körperliche Aktivität in der Freizeit aber überhaupt keine Rolle.

Auch Professor Dr. Jutta Mata, Inhaberin des Lehrstuhls für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim (siehe auch Interview), die die Studie wissenschaftlich begleitet hat, zeigt sich alarmiert: "Nur zehn Prozent der Kinder in Deutschland sind so aktiv wie von der WHO empfohlen."

AOK-Vorstand Hoyer bekräftigt auch angesichts dieser Ergebnisse das Engagement der Kasse im Bereich der Prävention.

Einen wichtigen Verbündeten sieht er in den Städten und Gemeinden: "Dass zur Bewegungsförderung eine ansprechende Gestaltung des öffentlichen Raumes zentral sein kann, darin sind wir uns mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund einig. Damit setzen wir auch ein Zeichen im Sinne des Präventionsgesetzes, das ganz klar eine Zusammenarbeit von Krankenkassen und Kommunen vorsieht."

Auch die Mehrzahl der Eltern wünscht sich von den Kommunen mehr Angebote, um ihr Wohnumfeld bewegungsfreundlicher zu gestalten. 84 Prozent meinen, dass geeignete Spielplätze und Parks dazu gehören, jeweils 81 Prozent wünschen sich gut erreichbare Sportplätze und Turnhallen.

Lesen Sie dazu auch:
Problemfall übergewichtige Kinder: "Mehr Bolzplatz – weniger Playstation"

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