Ärzte Zeitung online, 09.11.2018

Depression

Therapiebegleiter aus dem Netz zeigt Wirkung

Eine Studie belegt nun: Depressive Patienten, die zusätzlich zur hausärztlichen Behandlung das Selbsthilfeprogramm moodgym nutzen, weisen weniger Symptome auf.

Von Taina Ebert-Rall

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Verhaltenstherapie via Internet? Bei moodgym führen verschiedene Charaktere die Patienten durch die fünf Programm-Module „Gefühle“, „Gedanken“, „Veränderung“, „Weg mit dem Stress“ und „Beziehungen“.

© Daniel Myjones / stock.adobe.

BERLIN. Setzen Hausärzte bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen zusätzlich zur regulären Behandlung auf Hilfe aus dem Internet, kann das den Behandlungserfolg deutlich verbessern.

In einer jüngst veröffentlichten Studie wiesen Wissenschaftler der Universität Leipzig unter Leitung von Professor Steffi Riedel-Heller nach, dass depressive Symptome bei Patienten, die zusätzlich zur hausärztlichen Behandlung das Online-Selbsthilfeprogramm moodgym nutzten, signifikant stärker zurückgingen als in einer Kontrollgruppe.

Dieser Effekt zeigte sich sowohl sechs Wochen als auch sechs Monate nach der Anwendung.

Das Programm moodgym basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie und ist von australischen Wissenschaftlern speziell zur Vorbeugung und Linderung depressiver Symptome entwickelt worden.

„Die kognitive Verhaltenstherapie ist gut untersucht und wird bei Depressionen erfolgreich angewendet“, erläutert Dr. Astrid Maroß, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im AOK-Bundesverband.

Knapp 30.000 Nutzer

Die AOK hat die deutsche Fassung des international eingesetzten Programms und die Evaluation in deutschen Hausarztpraxen durch das Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig unterstützt.

„Seit 2016 nutzen schon fast 30.000 Betroffene das Programm, derzeit kommen monatlich weitere 2000 Nutzer dazu“, so Maroß weiter.

Moodgym kann von allen Interessierten anonym und kostenlos genutzt werden. Um speziell Angehörige depressiver Patienten zu unterstützen, bietet die AOK daneben den „Familiencoach Depression“ im Netz an. Eine AOK-Mitgliedschaft ist für diese Angebote nicht notwendig.

Aufgrund der positiven Studienergebnisse sieht die Leiterin des Leipziger Instituts, Riedel-Heller, „weiteres enormes Potenzial für die zusätzliche Nutzung in verschiedenen Zusammenhängen“.

„Wir haben da viele Ideen. Zum Beispiel könnte moodgym bei Depressionen bei Muskel- und Skeletterkrankungen oder bei Adipositas eingesetzt werden. Wir wissen, dass viele chronische körperliche Erkrankungen mit einer erhöhten Depressivität einhergehen.“ Ferner könne es zusätzlich zur fachspezifischen Versorgung durch Psychiater, Psychotherapeuten und in Kliniken genutzt werden.

Hausarzt erster Ansprechpartner

An der randomisierten, kontrollierten Studie zu moodgym nahmen 647 Patienten aus 112 Hausarztpraxen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt teil. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Teilnehmer waren weiblich, das Durchschnittsalter lag bei 43,9 Jahren.

Je zur Hälfte wurden die Ergebnisse von Verheirateten und Unverheirateten untersucht, die Mehrheit der Teilnehmer lebte mit einem Partner zusammen. Sie waren vollzeitbeschäftigt, verfügten über ein mittleres Bildungsniveau und hatten eine abgeschlossene Lehre.

Zwei von drei Teilnehmern gaben an, bereits in der Vergangenheit wegen psychischer Probleme behandelt worden zu sein. Bei 71 Prozent war bereits in der Vergangenheit eine Depression diagnostiziert worden.

„Das Umfeld Hausarztpraxis hat sich angeboten, da die Mehrheit der Patienten mit leichten Depressionen in Hausarztpraxen behandelt wird“, so Riedel-Heller.

Das Online-Programm zeigte in der Studie weitere positive Effekte: So lag die Remissionsrate bei moodgym-Teilnehmern mit 39 Prozent nach sechs Monaten deutlich höher als in der Kontrollgruppe mit 23 Prozent. Auch die Lebensqualität und die Fähigkeit zur Bewältigung der Krankheit verbesserten sich nach einem halben Jahr.

Moodgym kann weder die ärztliche Behandlung noch eine Behandlung mit Medikamenten oder eine Psychotherapie ersetzen.

Riedel-Heller: „Es eignet sich aber, um eine Behandlung sinnvoll zu ergänzen. Ärzte und Therapeuten können das Programm ihren Patienten zur Vorbeugung oder zur Linderung von depressiven Symptomen empfehlen und als Baustein ihrer Behandlung einsetzen.“

Zum Beispiel, wenn Patienten lange Wege zum Therapeuten zurücklegen müssten oder wegen langer Wartezeiten. „Charmant ist an moodgym zudem, dass es ohne Bürokratie funktioniert. Man braucht lediglich einen Internetzugang. Außerdem können Hausärzte Betroffene motivieren, kontinuierlich mit moodgym zu arbeiten“, sagt die Professorin.

Moodgym: istkostenfrei und anonym verfügbar unter: www.moodgym.de

Online-Selbsthilfe: Mit fünf Modulen aus der Depression

Das Online-Selbsthilfeprogramm moodgym unterstützt Patienten dabei, negative Gedankenmuster zu erkennen und zu ersetzen.

BERLIN. Moodgym ist ein niedrigschwelliges Programm zur Vorbeugung und Linderung depressiver Symptome. Patienten lernen darin zum Beispiel, negative Wahrnehmungen und Gedanken so umzugestalten, dass sie künftig besser mit belastenden Situationen umgehen können.

„Auf verständliche Weise veranschaulicht moodgym, wie negative Gefühle und depressive Symptome zusammenhängen und wie es gelingen kann, wenig hilfreiche Gedankenmuster zu erkennen und zu ersetzen“, erläutert Studienleiterin Professor Steffi Riedel-Heller, die auch kommissarische Leiterin der selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin an der Universität Leipzig ist.

Moodgym ist modular aufgebaut, die Teilnehmer werden mithilfe ganz unterschiedlicher Charaktere durch das Programm geführt. Eine dieser Beispielpersonen ist Viktoria. Obwohl gut aussehend und erfolgreich, ist sie immer in Sorge, dass die Leute eines Tages ihr wahres (von sich selbst als negativ wahrgenommenes) Ich erkennen könnten.

Weitere Beispielpersonen sind Nullproblemo (liebt das Leben) oder Anne (gilt als optimistisch, gerät aber leicht aus der Fassung). Schritt für Schritt begleiten sie die Nutzer durch das Angebot mit den fünf Modulen „Gefühle“, „Gedanken“, „Veränderung“, „Weg mit dem Stress“ und „Beziehungen“.

Jeder Nutzer kann sich auf www.moodgym.de einen passwortgeschützten individuellenund anonymen Zugang anlegen und über datengeschützte Technologie mit dem deutschen Server kommunizieren. Die fünf Module können nacheinander in selbst gewählter Geschwindigkeit und Intensität bearbeitet werden.

An verschiedenen Stellen werden Nutzer aufgefordert, Begebenheiten aus dem eigenen Leben in die Übungen einfließen zu lassen. Das Programm berücksichtigt aber auch etwaige Symptomverschlechterungen oder Suizidalität. Moodgym enthält dazu entsprechende Symptomabfragen und verweist auf Notfallnummern, den Hausarzt oder andere Experten für seelische Gesundheit. (Ebert-Rall)

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[09.11.2018, 07:11:20]
Gerhard Leinz 
Herrn Lauterbach und Herrn Spahn zu Gefallen..
Es geht hier eindeutig um die Verbesserung einer Depression. Waren die Therapiebegleiter berechtigt im Heilwesen tätig zu sein? Eine Verbesserung der Symptome.. Ist das bei Diabetiker das Ziel? Sollen hier psychisch Kranke mit weniger abgespeist werden als Diabetiker? Zweifelsohne profitiert die Krankenkasse davon wenn die Diagnose Depression nur verbessert wird.. Durch weitere Zuweisungen aus dem Gesundheitsfond! Ist die AOK Studie eine "Steilvorlage" für die Abschaffung des Erstzugangsrechtes für Pat zu Psychotherapeuten? Ist es das was das traumatische Duo Lauterbach und Spahn mit der gestuften und gesteuerten Versorgung psychisch Kranker anstreben?? zum Beitrag »

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