Sonderdruck, 09.11.2009

Unverhofftes Aufwachen in der Freiheit

Unverhofftes Aufwachen in der Freiheit

Ob in den Dienstbesprechungen oder bei Sprechstunden mit Patienten, die Diskussionen wurden immer lauter, erinnert sich die letzte Volkskammerpräsidentin.

Von Sabine Bergmann-Pohl

Die politische Brisanz des Herbstes 1989 ist mir gerade rund um den letzten Nationalfeiertag der DDR bewusst geworden. Auf einer Dienstberatung beim Bezirksarzt in Berlin Ende September wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir Ärzte erst einmal keinen Urlaub nehmen dürfen. Es war die Zeit der Demonstrationen in Leipzig und anderswo, man rechnete wohl mit gewalttätigen Auseinandersetzungen in größerem Ausmaß.

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Im Mai 1990 besucht Dr. Sabine Bergmann-Pohl eine Säuglingsstation in einem Krankenhaus in Nicaragua, das von der DDR unterstützt wurde.

Foto: privat

Doch die Stimmung war schon längere Zeit angespannt: Zwar gab es überall Diskussionen, doch gerade in den Sprechstunden haben Patienten ihre Meinung viel offener geäußert, die Diskussion über Politik spielte eine immer größere Rolle. Das hatte mich damals sehr verwundert.

Mangel im Gesundheitswesen war plötzlich ein Thema

Ich war zwei Mal in der Woche in meiner alten Poliklinik in der Koppenstraße in Friedrichshain als Lungenfachärztin tätig. Ich wollte die Bindung zu den Patienten nicht verlieren - als ärztliche Direktorin für Lungenkrankheiten hatte ich sonst mit Gutachten, Reihenuntersuchungen und wissenschaftlichen Arbeiten zu tun. Auch in den regelmäßigen Dienstbesprechungen mit den ambulant tätigen Lungenfachärzten, die ich geleitet habe, gab es immer mehr Diskussionen.

Die Mangelzustände im Gesundheitswesen - viele unserer Patienten bekamen von den Apotheken teilweise nicht einmal mehr verordnete Medikamente aus DDR-Produktion - waren immer öfter ein Thema.

Unser damaliger Bezirksarzt hat sehr offen über Versorgungsprobleme diskutiert, dass es zum Beispiel zu wenige Dialyseplätze in der DDR gab. Diese Offenheit gerade von Vorgesetzten war neu für uns.

Gleichzeitig wurden wir stärker überwacht und kontrolliert. Bereits 1988 wollte ich eine Mitarbeiterberatung über Glasnost und Perestroika, die Reformen in der Sowjetunion, veranstalten. Dies hat mich natürlich suspekt gemacht. Als mir eine fremde Person des Gewerkschaftsbundes (FDGB) als Teilnehmer der Veranstaltung angekündigt wurde, war mir klar, warum. Ich habe mich dagegen gewehrt. Die Veranstaltung fand ohne Bespitzelung statt.

Am 9. November selbst war ich am Vormittag an meinem Schreibtisch in der Bezirksstelle, am Nachmittag standen eine Veranstaltung und eine Sitzung auf dem Plan. Ich weiß aber nicht mehr, worum es bei beiden ging. Erst spät abends bin ich nach Hause gekommen. Mein Mann und ich haben die Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen. Wir waren uns beide einig: Wunderbar, wir werden Weihnachten bei meiner Schwester in Nordrhein-Westfalen verbringen. Bisher konnten mein Mann und die Kinder nicht zu Besuchen mitfahren. Ich selbst bin dann ins Bett, mein Mann hat noch Fernsehen, ich glaube Fußball geschaut. Ich hab ihn einige Stunden später schlafend vor dem Fernseher gefunden. Auf dem Bildschirm habe ich einen fürchterlichen Trubel gesehen, aber habe im Halbschlaf nicht realisiert, was dort los war.

Am nächsten Morgen hat mein Sohn, er war damals 12, mich geweckt. Er erzählt, dass Oma angerufen hätte. Sie meinte, die Mauer sei offen. Ich habe mir gedacht, sie müsse spinnen. Zum ersten Mal in meinem Leben schaltete ich Frühstücksfernsehen ein - da habe ich gemerkt, dass ich den Mauerfall verschlafen habe.

An dem Morgen des 10. November hatten wir ein lang geplantes wissenschaftliches Symposium im Forschungsinstitut für Lungenkrankheiten und Tuberkulose. Viele Teilnehmer waren nicht da. Ich war auch nicht auf die Idee gekommen, an diesem Freitag nach West-Berlin zu gehen - meine beiden Kinder hatten ja Schule. Wir sind dann zusammen am Sonnabend, den 11. November, mit Rucksack und Verpflegung am Grenzübergang an der Bornholmer Straße rübergegangen und haben eine Cousine besucht. Das Rübergehen an der Grenze war wie eine Riesendemonstration von Ost nach West: Autos standen im Stau, viele haben geweint - auch ich. Der Grenzübertritt war auch später noch jedes Mal ein Erlebnis - wie auch am 20. April 1990, meinem 44. Geburtstag.

Da war ich bereits Präsidentin der Volkskammer und war mit den alten Honecker-Autos auf dem Weg zum Sender Freies Berlin für ein Interview. Der Grenzposten war noch besetzt. Ein hoher Offizier hielt die Autos an und überreichte mir Blumen zum Geburtstag. Damals habe ich mir gedacht: "In welchem Land lebst du eigentlich? Früher hätte man dich an dieser Stelle erschossen, heute überreichen sie dir Blumen."

TB-Patienten waren auf ein Mal verschwunden

Ich hatte als Lungenfachärztin nach dem Fall der Mauer sehr schnell Probleme, die Patienten zu finden, bei denen wir schon vor dem 9. November den Verdacht auf offene Tuberkulose hatten. Einige Patienten mit dieser Diagnose kamen nicht mehr zu den vereinbarten Terminen und waren auch sonst oft nicht auffindbar. Schnell mussten wir mit dem Senat der Stadt Berlin Lösungen finden, wie wir diese Menschen finden und behandeln können.

So stand das persönliche Verarbeiten erst einmal hinten an. Ich habe zusammen mit meiner Familie Weihnachten und Silvester wirklich bei meiner Schwester in Nordrhein-Westfalen verbracht. Auf der Autobahn standen wir viel im Stau zwischen den Lastwagen.

Man musste sich auch überlegen, wie es beruflich weiter geht. Es war klar, dass die bestehenden Strukturen, nicht erhalten bleiben würden. Ich hatte mir damals überlegt, mich als Ärztin niederzulassen, doch mit der Wahl zur Volkskammerpräsidentin hatte sich das dann erledigt.

In dem Jahr zwischen dem 9. November, meinem Amtsantritt als Präsidentin der Volkskammer am 5. April bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 passierte sehr viel, sodass man emotional, physisch und auch psychisch ausgebrannt war. Auf die Herausforderungen, die in der frei gewählten Volkskammer auf uns zukamen, war man natürlich nicht vorbereitet. Viele Sitzungen gingen bis in die Nacht und morgens um acht saß ich wieder an meinem Schreibtisch in meinem Büro als Volkskammerpräsidentin. Es war eine anstrengende, aber auch tolle Zeit. Und: Man ist dabei gewesen.

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Aufgezeichnet von Rebecca Beerheide

ZUR PERSON

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Dr. Sabine Bergmann-Pohl

Geboren 1946 in Eisenach, studierte zwischen 1966 und 1972 Medizin in Berlin. Von 1980 bis 1985 war sie Ärztliche Leiterin an der Poliklinik in Berlin-Friedrichshain, dann von 1985 bis 1990 Ärztliche Direktorin der Bezirksstelle für Lungenkrankheiten. In die Volkskammer wurde sie im März 1990 gewählt, am 5. April zur Präsidentin. 1990 bis 2002 war sie Bundestagsabgeordnete und zeitweise Parlamentarische Staatssekretärin im BMG. Seit 2003 ist sie Präsidentin des Berliner Roten Kreuzes.

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