Ärzte Zeitung online, 05.10.2017
 

Innovationsfonds

Mehr psychologische Hilfe für Patienten mit Krebs

Der Schock nach einer Krebsdiagnose ist oft groß. Versorgungsforscher wollen ein flächendeckendes psychoonkologisches Betreuungskonzept entwickeln. Dafür fließen neun Millionen Euro aus dem Innovationsfonds.

Von Ilse Schlingensiepen

Mehr psychologische Hilfe für Patienten mit Krebs

Krebspatientin im Arztgespräch. Neben der medizinischen Therapie ist psychoonkologische Hilfe wichtig.

© Rido/stock.adobe.com

KÖLN. Kölner Versorgungsforscher entwickeln und erproben ein strukturiertes Programm für die psychoonkologische Versorgung von Patienten nach einer Krebsdiagnose. Das Projekt "Integrierte sektorübergreifende Psychoonkologie" (isPO) läuft inklusive Evaluation über vier Jahre und wird vom Innovationsfonds mit 9,1 Millionen Euro gefördert. Ziel ist die Erarbeitung eines flächendeckenden Konzepts für das gesamte Bundesgebiet.

"Die Ansätze und Instrumente, die wir in Deutschland bereits für die Psychoonkologie haben, muss man zusammenfassen und strukturieren", sagt Projektleiter Dr. Michael Kuschder "Ärzte Zeitung". "Wir wollen dafür die Logistik bieten." Notwendig seien unter anderem klare Absprachen zwischen den an der Versorgung Beteiligten, definierte Prozesse und ein spezifisches Qualitätssicherungs-System. Kusch leitet den Schwerpunkt Psychoonkologische Versorgungsforschung im Centrum für Integrierte Onkologie am Uniklinikum Köln.

Das isPO-Konzept ist gedacht für Patienten mit einer onkologischen Primärerkrankung. "Wir setzen zum Zeitpunkt der gesicherten Diagnose an", erläutert Kusch. Die Patienten werden dann über ein Jahr sektorübergreifend betreut. Das Versorgungskonzept umfasst drei Stufen: die Information zu den verschiedenen Angeboten in der Region und organisatorische Hilfen, die Unterstützung bei psychosozialen Problemen sowie die Beratung, Begleitung und Behandlung durch Psychotherapeuten bei Angst und Depression. Ein wichtiges Ziel der Initiatoren ist es, über das Versorgungsprogramm die Zahl der onkologischen Patienten, die an einer Angsterkrankung oder einer Depression leiden, deutlich zu senken.

Jeder Erkrankte soll genau die Leistungen erhalten, die er in seiner spezifischen Situation benötigt – von der Hilfe bei der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises bis zur Psychotherapie. "Nicht jeder braucht alles", betont er. In dem Netz gebe es ausreichend Zeit und Kapazitäten, um den individuellen Bedarf gemeinsam mit dem Patienten zu ermitteln. Dabei sollen auch Vertreter der Selbsthilfe einbezogen werden.

Kern des Programms sind ärztlich geleitete psychoonkologische Versorgungsnetzwerke aus stationären onkologischen Zentren und niedergelassenen Praxen. Sie sollen in Köln und drei weiteren Regionen in NRW entstehen. Die Uniklinik Köln arbeitet bereits gut mit niedergelassenen Onkologen zusammen, berichtet Kusch. Entscheidend für die Zusammenarbeit in den künftigen Netzwerken sei, dass die Ärzte und die psychologischen Mitarbeiter bereit sind, sich an die definierten Prozesse und Absprache zu halten.

Für die einzelnen psychoonkologischen Leistungen werden Versorgungspfade definiert. Die Leistungserbringung, die Dokumentation und die Qualitätssicherung sollen klar und nachvollziehbar geregelt werden. "Dafür brauchen wir EDV-technische Lösungen", sagt Kusch. Kooperationspartner bei der IT-technischen Unterstützung des Projekts ist die Abteilung für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund.

An isPO beteiligen sich insgesamt 15 Einrichtungen aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens, darunter die Krebsgesellschaft NRW, das Haus der Krebsselbsthilfe sowie die drei Kassen AOK Rheinland/Hamburg, Barmer und Techniker. "Das Projekt setzt die Forderung des Nationalen Krebsplans der Bundesregierung um, die ‚onkologischen Versorgungsstrukturen und die Qualitätssicherung‘ weiter zu entwickeln", heißt es in der Projektbeschreibung des Innovationsfonds. Start war der 1. Oktober 2017. Die ersten Patienten sollen in einem Jahr eingeschrieben werden. Geplant ist, dass 3300 Patienten über isPO versorgt werden.

"Idealerweise wissen wir Ende 2021, welcher Patient welche Leistung zu welchem Zeitpunkt erhalten muss, wer sie erbringt und wie sie vergütet wird", sagt Kusch. Das Konzept soll eine Blaupause für die psychoonkologische Versorgung in der Bundesrepublik werden, sei es in der Stadt oder auf dem Land. "Wenn es für die Onkologie funktioniert, wollen wir es auch auf andere Entitäten übertragen."

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