Ärzte Zeitung online, 04.01.2018

Geriatrie-Projekt in Bayern

Pfadfinder sollen Drehtüreffekt verhindern

Weniger stationäre Neuaufnahmen, bessere Genesung – in einem Projekt des Innovationsfonds in Bayern wird getestet, ob eine längerfristige Übergangsbegleitung alten Patienten Orientierung bieten kann.

Von Christina Bauer

Pfadfinder sollen Drehtüreffekt verhindern

Bedürfnisse von Geriatriepatienten im Blick: Mit einem Entlassgespräch allein ist es oft nicht getan. Genau hier soll das Projekt TIGER künftig ansetzen.

© Mathias Ernert, Agaplesion Bethanien Krankenhaus, Heidelberg (Symbolbild)

REGENSBURG. Einmal stationär reicht, so die Initiatoren des "Transsektoralen Interventionsprogramms zur Verbesserung der Geriatrischen Versorgung in Regensburg (TIGER)". Daher möchten sie ältere Patienten nach Klinik-Entlassungen besser betreuen. Das soll vor allem vermeiden helfen, dass etwa ein Sturz oder mangelnde Ernährung diese gleich wieder ins Krankenhaus führen. Derzeit würden Patienten nach Klinikaufenthalten oft zu schnell sich selbst überlassen, sagt Dr. Ellen Freiberger. "Es kommt vor, dass Patienten am Sonntag entlassen werden, ohne dass gefragt wird, ob jemand zu Hause ist, oder ob etwas im Kühlschrank ist", so die Koordinatorin des Innovationsfondsprojektes. Ob die Patienten wie besprochen zeitnah ihren Hausarzt aufsuchen, gerate manchmal ebenfalls aus dem Blick.

Das soll TIGER ändern. Im Projekt kooperieren das Institut für Biomedizin des Alterns (IBA) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), das Institut für Pflegewissenschaft (IPW) der Universität Bielefeld, die AOK Bayern, der Bundesverband für Geriatrie (BVG), das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg und das dortige Ärztenetz. Das Vorhaben setzt sogenannte "Pfadfinder" als Koordinatoren ein. Vier Frauen und ein Mann mit Gesundheitsberufen wurden dafür ausgewählt, darunter eine geriatrisch ausgebildete Krankenschwester, eine Ergotherapeutin und eine stationäre Pflegeleitung. Sie bekommen eine projekteigene Schulung. Ihr Einsatzort ist das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg. Die ersten Patienten betreuen sie voraussichtlich ab März 2018.

Mit ihnen sollen sie schon vor der Entlassung einen Plan für die Folgezeit erarbeiten. Dabei sollen sie Ärzte, Pflegedienste, Therapeuten und Angehörige gleichermaßen einbeziehen. Sobald die Patienten zu Hause sind, sollen die "Pfadfinder" im Blick behalten, ob alles klappt. Bei Bedarf sollen sie zeitnah weitere Maßnahmen organisieren, etwa Ernährungstherapie oder Physiotherapie. Insbesondere anfangs sollen sie auch Hausbesuche machen, zudem telefonisch nachfragen. "Die ersten 30 Tage sind am wichtigsten", so Freiberger. Insgesamt soll die Betreuung über ein Jahr laufen.

Für die begleitende Evaluation werden jeweils 200 Patienten mit der zusätzlichen Betreuung und eine Kontrollgruppe ohne die Pfadfinder-Unterstützung beobachtet. Verglichen werden die Zahl der stationären Neuaufnahmen sowie Wundheilung, Ernährungsstatus und funktionelle Aspekte. Mit ersten Ergebnissen wird im Jahr 2020 oder 2021 gerechnet. Das Projekt wird mit 3,7 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert. Vorbild war das Transitional Care Modell (TCM) der US-Forscherin Dr. Mary Naylor, mit der die Initiatoren von TIGER auch im Austausch sind. In anderen Ländern ist eine längerfristige Betreuung nach Klinikaufenthalten für Senioren schon heute üblich.

Das Projekt TIGER

» Pfadfinder sollen bei geriatrischen Patienten den Übergang vom Krankenhaus zur ambulanten Versorgung verbessern.

» Sie beraten Patienten und Angehörige und bereiten schon während des Krankenhausaufenthaltes die Zeit nach der Entlassung vor.

» Innovationsfonds unterstützt das Projekt mit 3,7 Millionen Euro.

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