Ärzte Zeitung, 28.05.2008

HINTERGRUND

Der Gesundheitsfonds kann den Sparfüchsen das Geschäft auch verderben

Von Helmut Laschet

Der Gesundheitsfonds: Das bedeutet Einheitsbeitrag und einheitlicher Leistungsbrei. Aus Furcht, Zusatzbeiträge erheben zu müssen, werden Krankenkassen sparen müssen, bis es quietscht. Dieses Schreckgespenst von einer Gesundheitsreform, die auf Leistungsminderung und Einheitsversorgung zielt, haben Funktionäre von Krankenkassen in den letzten eineinhalb Jahren gut genährt, Publikumsmedien unters Volk gebracht und Ärztefunktionäre ihrer Klientel glaubhaft gemacht.

Qualität, Leistung und Service mindern für eine Kasse das Risiko, Versicherte wegen einer Zusatzprämie zu verlieren.

Kassenmenschen zwischen Scylla und Charybdis

Doch die Wirklichkeit sieht differenzierter aus. Gewiss: Wenn Krankenkassen einen Zusatzbeitrag erheben müssen, würden viele Versicherte zu einer günstigeren Kasse wechseln. Aber mit rigoroser Sparsamkeit auf Kosten von Qualität und Leistung würden Krankenkassen ebenfalls Gefahr laufen, Mitglieder zu verlieren. Die Manager der Krankenkassen - das wissen sie seit dem Sommer 2006 und deshalb schimpfen sie wie die Rohrspatzen auf den Gesundheitsfonds - haben eine Position zwischen Scylla und Charybdis: nicht eben bequem und vor allem voller ungewisser Risiken.

Die heikle Situation, vor der die Kassen mit dem Start des Gesundheitsfonds stehen, zeigt eine Repräsentativ-Umfrage des BKK-Bundesverbandes unter 1179 GKV-Versicherten aller Kassenarten, die im Februar und März dieses Jahres stattgefunden hat.

Die Versicherten wollen keine Discount-Krankenkassen

Grundsätzlich wird die Einführung eines einheitlichen Beitragssatzes für alle Kassen von 58 Prozent der befragten positiv aufgenommen. Es gibt allerdings eine deutliche Differenzierung je nach Kassenmitgliedschaft. Versicherte der AOK, Barmer und DAK, solcher Kassen also, die eher überdurchschnittlich hohe Beiträge haben, begrüßen zu mehr als zwei Dritteln den Einheits-Beitragssatz - bei Kassen mit eher unterdurchschnittlichen Beiträgen wie BKK, IKK und Techniker Krankenkassen sind es nur gut die Hälfte.

Was werden nach Auffassung der Versicherten die Konsequenzen des Gesundheitsfonds sein?

  • Sparsames Wirtschaften, das glauben 58 Prozent der Befragten, 42 Prozent halten dies für nicht oder weniger zutreffend.
  • Gerechtere Versorgung: das erhoffen sich 43 Prozent - 57 Prozent möchten das jedoch nicht glauben.
  • Der Gesundheitsfonds läuft ausschließlich auf eine Grundversorgung hinaus: davon zeigen sich 67 Prozent überzeugt, nur 33 Prozent halten diese Entwicklung für eher oder ganz unwahrscheinlich.

Tatsächlich bedeutet der Gesundheitsfonds nicht unbedingt gleiche Beiträge: Kassen, die Überschüsse erzielen, können Prämien an ihre Versicherten ausschütten oder das Geld für bessere Leistung ausgeben. Kassen, deren Einnahmen aus dem Fonds nicht ausreichen, müssen einen Zusatzbeitrag erheben. Welche Präferenzen haben die Versicherten, mit welcher Politik können die Kassen-Manager am besten reagieren?

Was tun mit einem Überschuss? Das Votum der Versicherten ist eindeutig und im Prinzip auch eine gute Nachricht für Ärzte: Denn 64 Prozent der Befragten erhoffen sich eine Ausweitung des Leistungsangebots ihrer Kasse; nur 36 Prozent wollen eine Auszahlung der Prämien. Das gilt für Versicherte aller Kassen.

Schwieriger für die Kassen ist die Situation, wenn sie einen Zusatzbeitrag erheben müssen. Generell ist das mit dem Risiko verbunden, Mitglieder zu verlieren: immerhin 35 Prozent aller Befragten gaben an, dies mit Sicherheit oder wahrscheinlich zu tun.

Aber: Für jede einzelne Kasse ist dieses Risiko unterschiedlich ausgeprägt und kann durch geschickte Leistungs- und Qualitätspolitik beeinflusst werden.

Grundsätzlich haben Kassen, die in der Vergangenheit vom Versichertenwechsel profitiert haben, das höchste Risiko, auch wieder Mitglieder zu verlieren. Die Wechselbereitschaft ist etwa unter den BKK-Mitgliedern - drei Viertel von ihnen haben mindestens einmal die Kasse gewechselt - mit 47 Prozent am höchsten. Je kürzer die Mitgliedschaft, desto geringer die Treue.

Die Treue zu einer Kasse lässt sich aber von einem guten Management beeinflussen. Zwei Aspekte spielen dabei eine Rolle: das Leistungsangebot und der Service der Kasse. Zufriedene Versicherte bleiben ihrer Kassen viel eher treu, auch wenn sie einen Zusatzbeitrag leisten müssen.

FAZIT

Der Gesundheitsfonds führt nicht zu einer vulgären Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Eine nackte Sparkassen-Politik zahlt sich für die Krankenkassen wahrscheinlich nicht aus. Wichtiger als finanzielle Anreize (beispielsweise Prämienrückzahlung) ist aus der Sicht der Versicherten ein besseres Leistungsangebot. Die Kassen werden gezwungen, Vertrauen in Qualität und Leistung aufzubauen. Sie werden dafür auch Partner im Gesundheitsmarkt brauchen - an erster Stelle wohl die Ärzte und ihre Vertrauensposition bei Patienten.

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