Ärzte Zeitung, 30.05.2008

HINTERGRUND

Ob Systemausstieg oder Schwester Agnes - in 125 Jahren AOK ist das alles schon da gewesen

Von Eva Richter

Aufruf der Kassen im Jahr 1929: Versicherte sollen sich kostenbewusst verhalten. Quelle: AOK

Geschichte wiederholt sich: Ärztemangel und Ärztestreik, Einzel- und Kollektivverträge, Polikliniken und Gemeindeschwestern - alles ist schon da gewesen, wie ein Blick in die bewegte Historie der AOK zeigt, die in diesem Jahr 125 Jahre alt wird. 125 Jahre Krankenversicherung: Eine Ausstellung, die zu diesem Jubiläum im Bonner Haus des AOK-Bundesverbandes zu sehen ist, zeigt ein sich immer wieder häutendes System und das spannende Wechselspiel zwischen medizinischem Fortschritt, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen und dem Gedanken der Solidarität.

Der Sozialdemokratie sollte der Nährboden entzogen werden

Solidarität war für Kanzler Otto von Bismarck, der 1883 die Krankenversicherung für Arbeiter durch den Reichstag brachte, sicher kein leitendes Motiv. Mit dem neuen Gesetz, das den gebeutelten Arbeitern Krankengeld und eine bescheidene medizinische Versorgung zuerkannte, wollte Bismarck vor allem der erstarkenden Sozialdemokratie den politischen Nährboden entziehen. Dass dabei Sozialsystem und Erwerbstätigkeit fest aneinandergeschmiedet wurden, erweist sich heute zunehmend als Problem.

Damals trugen die Versicherten zwei Drittel der Beitragskosten, die Arbeitgeber ein Drittel - die Beiträge lagen bei durchschnittlich 1,8 Prozent. Die Behandlung erfolgte durch von der Kasse ausgewählte Ärzte. Krankenkassen gab es zu jener Zeit jede Menge: Knapp 3000 Gesellenkassen und rund 2000 Fabrikarbeiterkassen mit teilweise nur wenigen Dutzend Versicherten. Die erste Kassenfusionswelle rollte, der noch viele folgen sollten. Gab es 1885 insgesamt 3700 Ortskrankenkassen, waren es 1983 noch 270, seit 2007 sind es 15.

Den heute wieder beklagten Ärztemangel gab es schon damals: Viele Gemeinden hatten keinen Arzt, dafür aber eine AOK, deren Mitarbeiter in Notfällen auch schon mal einen Zahn zogen. In der DDR kamen dann die Gemeindeschwestern, die unter anderem Diabetikerbetreuung und Prävention übernahmen. Das Original-Fahrrad von Schwester Agnes hat übrigens einen Ehrenplatz in der Ausstellung - was angesichts der aktuellen Diskussion um den Einsatz von Tele-Schwestern nicht nur nostalgische Gründe haben dürfte.

Der erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise brachten die Sozialversicherung in starke Turbulenzen. Arbeiter ließen sich krankschreiben, um ihre Arbeitgeber zu entlasten und arbeiteten schwarz. In den Schalterhallen der AOK bildeten sich Warteschlangen von Versicherten, die einen Krankenschein oder Krankengeld haben wollten. Die AOK-Mitarbeiter mutierten zu Kontrolleuren, die ausschwärmten, um nach "falschen" Kranken zu fahnden. Die Inflation brachte auch Ärzte, die damals vom Hartmannbund vertreten wurden, in Schwierigkeiten, da das Geld täglich an Wert verlor.

Der Systemausstieg fand am 1. Dezember 1923 statt

Den Ausstieg aus dem GKV-System - derzeit wieder heiß diskutiertes Thema - probten die Ärzte erstmals am 1. Dezember 1923: Damals kündigten die niedergelassenen Ärzte ihre Verträge mit den Kassen und behandelten Kassenpatienten nur noch, wenn diese bar bezahlten.

Auch hier lässt sich aus der Geschichte lernen: Die Kassen reagierten mit der Gründung so genannter Ambulatorien, in denen angestellte Ärzte arbeiteten. Daraufhin entbrannte eine Diskussion um den Arzt als Freiberufler. Dem Aufruhr folgten 1931/32 Notverordnungen: Sie sahen unter anderem die Gründung der Kassenärztlichen Vereinigungen als alleinige Vertragspartner der Krankenkassen vor. Die Zeit der Einzelverträge zwischen Ärzten und Kassen war vorbei.

Paradiesische Zustände herrschten in den Wirtschaftswunderjahren: 1957 gab es Vollbeschäftigung und die Beiträge in der Krankenversicherung betrugen nur acht Prozent. Der Leistungskatalog und der Kreis der Leistungsbezieher wurden kräftig erweitert: 1956 kamen die Rentner als Vollversicherte in die GKV, 1975 Behinderte und Studenten. Die Kassen wandelten sich von der Vollzugsbehörde zum Dienstleister, die Versicherten vom Bittsteller zum Kunden. Doch mit der Vollbeschäftigung war es nach der Ölkrise Anfang der 70er vorbei, die Sozialkosten dagegen stiegen stetig.

Die AOK erfindet sich stetig neu

Seitdem jagt ein Kostendämpfungsgesetz das nächste. Mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1992 wurde der Wettbewerb in der GKV eingeläutet. Mit den Reformen seit 2003 soll sukzessive die Macht der KVen gebrochen werden.

Von der Kranken- zur Gesundheitskasse, vom behördenähnlichen Gebilde zum Dienstleister - die AOK erfindet sich immer wieder neu und sicher nicht im Sinne der Ärzte. Ein Blick in die Historie kann da nicht schaden.

FAZIT

Der Blick in die bewegte Geschichte der Krankenversicherung zeigt sich wiederholende Verhaltensmuster: So reagierten die Kassen auf den Ärztestreik vor rund 80 Jahren mit der Gründung von Ambulatorien. Und auch Zeiten, in denen Einzelverträge dominierten, hat es bereits gegeben.

Zum 125-jährigen Jubiläum zeigt die AOK ihre Geschichte in einer Ausstellung bis Ende Juli 2008 im Gebäude des AOK-Bundesverbandes, Kortrijker Straße 1 in Bonn. Auch eine Festschrift "125 Jahre AOK" wurde aufgelegt: ISBN 978-3-9809562-8-4,

Internet: www.aok-zeitreise.de

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