Ärzte Zeitung, 21.01.2010

Kommentar

Ein Arztreport und viele Fragen

Von Ilse Schlingensiepen

Die Zahl ist beeindruckend: Laut Arztreport 2010 der Barmer GEK gingen die Versicherten in Deutschland im Jahr 2008 durchschnittlich 18,1 Mal zum niedergelassenen Arzt. Das ist auffallend mehr als in anderen Ländern.

Diese Auswertung bietet Anlass für mannigfaltige Interpretationen. Wenn die Versicherten so häufig in die Praxen gehen, kann das heißen, dass die Ärzte das Gesundheitssystem ausnutzen, dass die Patienten zu dumm sind, mit dem System angemessen umzugehen, oder dass die Fehler im System liegen.

Man kann in den Daten Belege finden, dass die Hausärzte eine stärkere Steuerungsfunktion erhalten müssen oder dass die ärztlichen Fachgruppen auch mit anderen Berufsgruppen besser vernetzt werden müssen. Es ist richtig und wichtig, alle Interpretationsmöglichkeiten auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen und wo nötig für Abhilfe zu sorgen.

Falsch wäre aber, aus ihnen voreilige Schlüsse zu ziehen - gerade wenn es um den Vergleich mit anderen Ländern geht. Um den niedrigschwelligen flächendeckenden Zugang zur ambulanten Behandlung wird Deutschland im Ausland häufig beneidet. Dieses Angebot hat aber seinen Preis - die hohe Zahl von Arztkontakten gehört dazu.

Lesen Sie dazu auch:
"Steilvorlage für unsere Hausarztverträge"
Kasse beklagt "Arztrennerei" der Deutschen

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[21.01.2010, 18:15:44]
Nikolas Schäfer 
Unvorstellbar
... oder die Statistik ist fehlerhaft. 18 Arztbesuche pro Jahr im Schnitt (!). Bedenkt man, dass der meist gesunde Nicht-Chroniker sicherlich wesentlich seltener zum Arzt geht, resultiert für Chroniker eine unwahrscheinlich hohe Frequenz. Was haben die von der Barmer GEK gezählt?
Zu berücksichtigen wäre das inzwischen weit verbreitete Prozedere, chronisch Kranke zwecks Ausstellung einer Wiederholungsverordnung jedes Mal persönlich vorzuladen, um das Rezeptblatt dann am Folgetag vom selben abholen zu lassen. Das sind dann jedes Mal zwei Arztbesuche. Wenn dann auch noch unsinnig kleine Packungsgrößen (meist von "examinierten" Helferinnen) verordnet werden, erhöht sich die Frequenz ein weiteres Mal. Aber da ja nicht jeder Arztbesuch separat abgerechnet wird, bleibt die genaue Besuchsfrequenz doch eigentlich irrelevant. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

In Westeuropa sterben Deutsche am frühesten

Deutschland hat unter 22 westeuropäischen Ländern die niedrigste Lebenserwartung. Im weltweiten Vergleich gibt es noch immer drastische Unterschiede - von bis zu 40 Jahren. mehr »

Gemeinsam gegen Antibiotika-Resistenzen

Die Weltantibiotikawoche ist angelaufen: Während die WHO für mehr Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Medizin wirbt, versucht ein Projekt von Ärzten und Kassen die Bürger für Resistenzen zu sensibilisieren. mehr »

Herzschutz-Effekt durch Fischöl-Kapseln

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren mittels spezieller Fischöl-Kapseln hat in der beim AHA-Kongress präsentierten REDUCE IT-Studie eine erstaunliche Wirkung entfaltet. Zu einem anderen Ergebnis kommt die Studie VITAL. mehr »