Ärzte Zeitung online, 16.07.2010

Praxisgebühr für jeden Arztbesuch? Rösler sagt Nein

Die Unions-Mittelstandsvereinigung fordert eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Arztkontakt. Bei Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler stößt sie damit auf taube Ohren.

Regierung weist Forderung nach umfassender Praxisgebühr zurück

Eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch? Diesen Vorstoß von Josef Schlarmann hat das Bundesgesundheitsministerium umgehend zurückgewiesen.

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BERLIN (hom). Mit ihrem Vorschlag, eine Praxisgebühr für jeden Arztbesuch zu erheben, ist die CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung auf breite Ablehnung gestoßen. "Die Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal sollte durch eine sozial abgefederte Praxisgebühr pro Arztbesuch ersetzt werden", hatte der Vorsitzende der Vereinigung, Josef Schlarmann, der "Bild"-Zeitung gesagt. "Auch der Patient muss Verantwortung übernehmen, um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen."

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) wies den Vorschlag zurück. Es gebe in der Bundesregierung "keinerlei Überlegungen dieser Art", teilte eine Sprecherin seines Hauses mit. Die Koalition habe sich bewusst entschieden, "gerade nicht die Patienten zum Beispiel durch zusätzliche Zuzahlungen zu belasten." Auch Krankenkassen, Patienten- und Oppositionsvertreter lehnten den Vorschlag Schlarmanns ab.

Schlarmann sagte, während die Deutschen im Schnitt 18 Mal pro Jahr einen Arzt konsultierten, kämen die Schweden auf weniger als drei Besuche im Jahr. Kränker seien sie deshalb nicht. Daher solle auch hier pro Arztbesuch eine Gebühr bezahlt werden. Diese könnte dann aber "deutlich niedriger sein". Derzeit werden je Quartal zehn Euro erhoben.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte unlängst dafür geworben, die Praxisgebühr auf fünf Euro zu senken, dafür aber bei jedem Besuch zu erheben. KBV-Vorstand Dr. Andreas Köhler hatte dies mit der hohen Zahl an Arztbesuchen in Deutschland begründet. Mit im Schnitt 18 Arztkontakten jährlich seien Deutschlands Patienten "international Spitzenreiter", so Köhler.

Laut Koalitionsvereinbarung von Union und FDP soll die Zahlung der Praxisgebühr in ein unbürokratisches Erhebungsverfahren überführt werden. Auch Gesundheitsminister Rösler hatte zuletzt immer wieder betont, dass er die Praxisgebühr nicht abschaffen wolle. Die Kassen seien auf das Geld angewiesen.

Von Seiten der Kassen hieß es: "Ärzte und Krankenhäuser wollen für das kommende Jahr mehrere Milliarden Euro höhere Einnahmen und gleichzeitig wird gefordert, die Praxisgebühr auf jeden Arztbesuch auszuweiten." Das passe nicht zusammen, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands.

Der Chef des freien Ärzteverbands Hartmannbund, Professor Kuno Winn, forderte in der "Bild"-Zeitung dagegen, Patienten sollten generell einen Anteil ihrer Diagnose- und Therapiekosten selbst bezahlen: "Besser wäre prozentuale Selbstbeteiligung im Kostenerstattungssystem, natürlich sozial abgefedert für Chroniker und ärmere Menschen."

Lesen Sie dazu auch:
Union: 10 Euro Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch

[19.07.2010, 18:37:23]
Dr. Timo Spanholtz 
Falscher Ansatz
Die Idee, die Konsultationsquote in Deutschland über eine jeweils zu entrichtende Praxisgebühr zu verringern ist genauso alt, wie sie falsch ist. Es ist traurig genug, dass von allen guten und vernünftigen Modellen zur Reformierung des Gesundheitswesens nur eine generelle Erhöhung der Krankenkassenbeiträgen geblieben ist. Eine Praxisgebührerhöhung trifft nämlich Geringverdiener in gleicher Weise wie Mehrverdiener und ist daher sozial ungerecht. Was sollen denn chronisch Kranke in einem solchen System machen? Die Idee ist nicht durchdacht und von Minister Rösler zu Recht abgelehnt.  zum Beitrag »

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