Ärzte Zeitung online, 04.08.2010
 

Gesundheitsökonom: "Nur was wirkt soll auch bezahlt werden"

KÖLN (iss). Die gesetzlichen Krankenkassen sollten künftig nur noch für Leistungen bezahlen, deren Nützlichkeit und Wirksamkeit nachgewiesen sind. Das fordert der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem.

"Bei neuen Arzneimitteln und neuen Behandlungsmethoden wird das gemacht, aber man traut sich nicht an den Bestand heran", sagt Wasem im Interview mit der "Börsen-Zeitung". "Dabei fehlt von schätzungsweise 80 Prozent der bestehenden Leistungen nach wie vor der Nachweis, dass sie auch tatsächlich wirken."

Die Homöopathie sei einer der in Frage stehenden Bereiche, so Wasem. Er sei aber nur von geringer finanzieller Bedeutung. "Dagegen gibt es mannigfache ärztliche Behandlungsmethoden, die zweifelhafter Natur sind - und der Verdacht besteht, dass sie nur viel kosten, aber nichts bringen."

Einsparpotenziale für die Kassen sieht der Gesundheitsökonom auch durch eine stärkere Steuerung der Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärzten, um die hohe Zahl der Arztkontakte zu reduzieren. Die Praxisgebühr müsste häufiger als einmal im Quartal bezahlt werden, schlägt er vor. Flankiert werden müsse das durch eine Härtefallregelung.

Die Wirkung solcher Maßnahmen dürfe allerdings nicht überschätzt werden, betont er. Schließlich würden in allen Altersgruppen 70 Prozent der Kosten durch fünf Prozent der Patienten verursacht. Bei den Jüngeren spielten Unfälle die entscheidende Rolle, bei den Senioren die Alterskrankheiten. "Die dadurch verursachten Kosten kriegt man nicht mit Eintrittsgebühren in den Griff." Deshalb sei es wichtiger, das Behandlungssystem effizienter zu machen, nur Behandlungsmethoden mit nachgewiesenem Nutzen einzusetzen und das Schnittstellenmanagement zu verbessern.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) hält Wasem mittelfristig für entbehrlich. Statt dessen könnte man die Kassen zur Gewährleistung bestimmter Versorgungsquoten verpflichten. "Die KVs schaffen es derzeit ja auch nicht, irgendwo in der Uckermark die Hausarzt- und Facharztquote nach oben zu bringen und die punktuelle Unterversorgung zu vermeiden."

Die Politik setze nach wie vor auf die Kostendämpfung und unternehme zu wenig, um die Effizienz auf der Leistungsseite zu verbessern, moniert Wasem. Im Pharmasektor sei zwar jetzt eine Strukturreform eingeleitet worden. "Bei Ärzten und Krankenhäusern fehlt dieser Schritt aber nach wie vor."

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