Ärzte Zeitung, 30.09.2010

"15 Prozent der GKV-Ausgaben für Prävention -  das wäre vernünftig"

Deutschland hat deutliche Defizite bei der Prävention. Experten fordern eine neue Aufgabenverteilung.

BERLIN (naf). Für Prävention wird in Deutschland weiterhin zu wenig Geld ausgegeben. Derzeit entfielen nur ein bis zwei Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen auf Prävention. "Zehn bis 15 Prozent sind eine vernünftige Zielgröße", forderte Professor Stefan Willich von der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention anlässlich eines Kongresses zur individualisierten Prävention an der Berliner Charité.

Nach Ansicht von Willich ist die Prävention in Deutschland defizitär entwickelt. Er nahm auch die Fachgesellschaften in die Pflicht, die Prävention oft nicht als genuin ärztliche Aufgabe sähen. "Der erste Schritt wäre, dass auch unsere ärztlichen Kollegen Prävention mit in ihren medizinischen Fokus einbeziehen."

Außerdem fehle es an Konzepten, damit Präventionsangebote die richtigen Zielgruppen erreichen. Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen mit wenig Einkommen und geringer Schulbildung seien stärker von gesundheitlichen Problemen betroffen, erinnerte er. Dr. Martin Schlaud von der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie merkte an, dass diese Gruppen sich in der Regel nicht über Gesundheitsthemen im Internet informieren oder Broschüren bestellen. "Man muss in die Kindergärten gehen und versuchen, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen", forderte Schlaud. "Über die Kinder erreicht man auch die Eltern gut. Das ist einer der Schlüsselzugänge."

Hans-Werner Pfeiffer vom Europäischen Verband der Sozialversicherungsärzte (EUMASS) forderte, Prävention nicht länger als Aufgabe bei den gesetzlichen Krankenkassen anzusiedeln. "Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagte Pfeiffer. Obwohl mehr präventive Angebote langfristig zu Einsparungen führten, hätten Krankenkassen im Wettbewerb keinen Anreiz für breite Kampagnen. Umfangreiche Präventionsarbeit habe aus Sicht der Kassen einen zu großen Streueffekt, weil sie vielen Versicherten der Konkurrenten zugutekommt, so Pfeiffer.

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