Ärzte Zeitung, 04.11.2010
 

Integrierte Versorgung hilft MS-Patienten

Seit Patienten mit Multipler Sklerose im Rheinland an einem speziellen Integrierten Versorgungskonzept teilnehmen können, sinkt die Zahl der Klinikeinweisungen.

Von Ilse Schlingensiepen

Integrierte Versorgung hilft MS-Patienten

Das IV-Konzept bietet MS-Patienten bessere Perspektiven.

© photos.com

KÖLN. Mit einer intensiven und strukturierten ambulanten Versorgung können niedergelassene Ärzte die Zahl der Krankhauseinweisungen von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) deutlich senken. Das zeigt die Evaluation eines Projekts der Integrierten Versorgung im Rheinland.

Der Vertrag ist seit Mai 2006 in Kraft. Er steht Versicherten von neun Kassen offen, die Barmer ist Ende 2008 ausgeschieden. Zurzeit sind mehr als 1400 MS-Patienten eingeschrieben, es beteiligen sich 141 niedergelassene Neurologen und zwölf Krankenhäuser.

Die wesentlichen Ziele des Projekts sind die bessere Zusammenarbeit der Ärzte in Praxis und Klinik, die Reduzierung der stationären Behandlungen und eine positive Beeinflussung des Behandlungsverlaufs.

Auf Basis der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie haben die Beteiligten sektorübergreifende Behandlungspfade entwickelt. Die Mediziner arbeiten mit einer standardisierten Dokumentation.

Zahl der Klinikaufenthalte sank um bis zu 75 Prozent

Das Forschungsinstitut MNC-Medical Netcare in Münster hat die Dokumentationen ausgewertet, die bis Mitte 2009 vorlagen. Die Auswertung umfasst die Basisdokumentation von 1582 Patienten.

Sie waren im Mittel 49 Jahre alt, 72,5 Prozent der Erkrankten waren weiblich. Die mittlere Erkrankungsdauer betrug 13,11 Jahre. Außerdem lagen den Forschern bei 319 Patienten Verlaufsdokumentationen über zwei Jahre vor.

Sie zeigten bei der Zahl der akutstationären Behandlungen einen Rückgang um 65 Prozent. Bei Patienten, die weniger als fünf Jahre erkrankt waren, sank die Wahrscheinlichkeit einer Klinikeinweisung sogar um 75 Prozent.

"Hier schlägt zu Buche, dass sich die niedergelassenen Ärzte sehr ernsthaft und intensiv mit den Patienten beschäftigen", sagt der Grevenbroicher Neurologe Dr. Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen.

So setzen die Neurologen bei Patienten mit einem Schub zunächst auf die Infusionstherapie, statt sie ins Krankenhaus zu überweisen.

"Die im Vertrag geregelte Verpflichtung zur Kooperation von Niedergelassenen und Kliniken wirkt sich positiv aus", berichtet Meier. Die strukturierte Kommunikation zwischen beiden Seiten ermögliche beispielsweise schnelles Handeln bei schweren Schüben.

Über die Dokumentationen verfüge das Projekt inzwischen über einen wahren Datenschatz, sagt er. "Leider kann ihn keiner voll auswerten, weil dafür die Mittel fehlen." Die Evaluation von MNC kann noch keine harten Daten über den Einfluss der integrierten Versorgung auf die Lebensqualität der Patienten liefern, dafür ist der erfasste Verlauf über zwei Jahre zu kurz.

Es gebe aber erste Hinweise, sagt Meier. Der Expanded Disability Status Score, der den Grad der Behinderung der MS-Kranken erfasst, sei bei den eingeschriebenen Patienten über die zwei Jahre im Wesentlichen stabil geblieben. "Das ist ein Indiz für ein gutes medizinisches Outcome", sagt der Neurologe.

Bis zu 45 Prozent der Versicherten werden erfasst

Es sei wichtig, dass die Kassen das zusätzliche Engagement der Ärzte vergüten, betont er. "Für einen Fallwert von 37 Euro pro Quartal kann man diesen Aufwand nicht leisten." So lege das Projekt auch einen Schwerpunkt auf die psychosoziale Betreuung.

Je nachdem, wie komplex die Versorgung eines Patienten ist, erhält der Niedergelassene ein extrabudgetäres Honorar von 150 Euro bis 400 Euro pro Jahr.

"Das Projekt setzt erste wichtige Akzente", sagt Bernd Faber von der AOK Rheinland/Hamburg, Leiter des Projektbeirats und selbst an MS erkrankt. Die IV-Versorgung stoße auf sehr große Resonanz, berichtet er.

"Die Patienten profitieren davon, dass sich die Ärzte verstärkt um sie kümmern." Beigetragen zum Erfolg des Modells hat nach Fabers und Meiers Einschätzung, dass mit der Deutschen MS-Gesellschaft von Anfang an Vertreter der Selbsthilfe einbezogen waren. Die Kassen seien entschlossen, das IV-Konzept weiterzuführen, sagt Faber. Es stehe den anderen Kassen nach wie vor offen. "Wir erfassen zurzeit 40 bis 45 Prozent der Versicherten im Rheinland."

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