Ärzte Zeitung online, 24.11.2010

GKV-Versicherte nutzen kaum die Kostenerstattung

GKV-Versicherte nutzen kaum die Kostenerstattung

GÜTERSLOH (fst). Die Kostenerstattung als Wahltarif genießt bei gesetzlich Versicherten keine hohe Wertschätzung. Das geht aus dem Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung hervor. Dazu werden jährlich rund 1500 Bürger zu gesundheitspolitischen Themen befragt.

Bei der Beurteilung der Leistung von Krankenkassen rangieren ein Kostenerstattungs- und ein Selbstbehalt-Tarif auf den hinteren Rängen. "Sehr wichtig" sind den Versicherten besonders gute Erreichbarkeit der Kasse (57 Prozent), Bonusprogramme, die auch mit dem Wegfall der Praxisgebühr einhergehen (46 Prozent) sowie Angebote für chronisch Kranke (45 Prozent).

Dagegen halten nur 30 Prozent einen Kostenerstattungstarif für sehr wichtig, neun Prozent messen einem Selbstbehalt-Tarif einen hohen Stellenwert zu. Bei der Befragung im Frühjahr 2010 gaben vier Prozent an, sie hätten sich für Kostenerstattung als Wahltarif entschieden.

Beim Selbstbehalt-Tarif traf dies sogar nur für ein Prozent der Befragten zu. Nicht überraschend ist, dass dieser Wahltarif besonders bei freiwillig gesetzlich Versicherten mit hoher Schulbildung auf Interesse stößt.

Aus Sicht von Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, kann das Prinzip "Vorkasse" dazu beitragen, freiwillig Versicherte an die GKV zu binden.

Allerdings müsse diese Tarifentscheidung für die Versicherten transparent sein. Diese sollten also vorab wissen, dass sie bei Kostenerstattung oder Selbstbehalt einen Teil der Kosten selbst tragen müssen, forderte Mohn.

Lesen Sie dazu auch:
Kostenerstattung gleich Vorkasse? Der Schlagabtausch geht weiter
PKV und BÄK verkrachen sich noch vor der GOÄ-Reform

[28.11.2010, 14:01:32]
Uwe Schneider 
Patient in der Zwickmühle zwischen Arzt und Versicherung ...
... so geht das vielen PKV-Patienten, jedenfalls bei nicht ganz billigen Behandlungen, auch wenn sie eigentlich schon länger Standard sind. Der Arzt sagt, die Leistung sei indiziert und besonders kompliziert, daher auch mit GOÄ-Faktor 3,5 abzurechnen. Die Versicherung sagt umgekehrt, die Leistung sei nicht indiziert und jedenfalls nicht über dem Regelhöchstfaktor von 2,3 abrechenbar. Der Patient steht in der Mitte und weiß nicht, wem er glauben soll. Meist glaubt er dem Arzt, man will ja das beste für seine Gesundheit und hofft, dass sich der Arzt auch (wohl nicht allein, aber wenigstens primär) davon leiten lässt. Da man die Versicherung aber nicht überzeugen kann und viele Ärzte auch - trotz Wunsch des Patienten - recht zurückhaltend sind, Unterlagen an Versicherungen herauszugeben oder gar extra Berichte hierfür zu verfassen, bleibt man zunächst auf im Zweifel vielen Tausend Euro sitzen. Dann muss man sich überlegen, ob man die Versicherung oder den Arzt verklagt oder am sichersten per Streitverkündung beide, damit, verliert man gegen den einen, feststeht, dass man gegen den anderen gewonnen hat. Das sind keine sehr schönen Aussichten. Die meisten PKV-Versicherten schätzen das recht hohe Leistungsniveau schon, über die Kostenerstattung - jedenfalls in der gegenwärtig vielfach praktizierten Ausgestaltung - sind viele aber nicht so glücklich. zum Beitrag »
[25.11.2010, 10:26:29]
Dr. Jürgen Schmidt 
Am Umbau der GKV kommt man nicht vorbei
Man kann doch , sehr geehrter Herr Schätzler, trotz aller Treue zu diversen "Prinzipien" nicht übersehen, dass die Kostenerstattung für 11% aller Privat)Versicherten funktioniert, trotz eines erheblichen und im Zeitalter der Elektronik und intelligenter Chipkarten eigentlich vermeidbaren Verwaltungsaufwandes bei Arzt, Krankenkasse und Patient. Ich habe noch von keinem Privatpatienten gehört, der sich zurück in die GKV und das Sachleistungsprinzip sehnt, ausgenommen aus finanziellen Gründen, die auf einem anderen Blatt stehen.
Alternativen zum gegenwärtigen Sachleistungssystem in der GKV zu suchen, zu prüfen und auszuprobieren mag auf Abneigung bei Patienten stoßen; Ärzte, die für eine gute Medizin verantwortlich sind und mit den Kosten -insbesondere in technisierten Facharztpraxen - nicht mehr zurecht kommen, sehen das anders. Ob man auf sie hört, entscheidet über die Zukunft einer bislang noch hochstehenden Versorgung. zum Beitrag »
[24.11.2010, 17:11:41]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Noch Fragen?
1. Haben unsere GKV-Versicherten als Patienten die Behandlungskosten in Klinik und Praxis bereits durch ihre Krankenkassenbeiträge im voraus finanziert (Sachleistungsprinzip).
2. Bekommen Schwerstkranke und Multimorbide ihre Kosten durch Beiträge von gesunden GKV-Versicherten ausgeglichen(Solidaritätsprinzip).
3. Springen Staat und Steuerzahler ein, wenn bei Auszubildenden, Studenten, Rentnern und Niedriglohngruppen Beiträge nicht ausreichen bzw. bei beitragsfrei gestellten Familienmitgliedern oder aus anderen Gründen Zahlungsunfähigen nicht fließen(Subsidiaritätsprinzip).
4. Genießt jeder, der seine GKV-Beiträge bezahlt, einen durch unsere Verfassung verbrieften Bestandsschutz (Legalitätsprinzip).
5. Akzeptiert das Bundesverfassungsgericht Steuerungsmechanismen durch Praxis- und Verordnungsblattgebühr bzw. angemessene Selbstbeteiligung bei stationärer Vollversorgung (Verhältnismäßigkeitsprinzip).
6. Dürfen Arzthonorare für gleiche ärztliche Leistungen über das Sachleistungsprinzip sich im Grundsatz nicht vom Zahlungsumfang der Kostenerstattung unterscheiden (Gleichheitsprinzip).
7. Führen Vorleistungen durch GKV-Beiträge und zusätzliche Arztrechnungen, auch wenn diese später erstattet werden, bei den gesetzlichen Krankenkassen zu einer explodierenden Bürokratie und bei den Patienten zu einem unvertretbaren Aufwand. Das bestehende Sozialgesetzbuch würde in verfassungswidriger Weise ausgehöhlt (Verfassungsmäßigkeitsprinzip).
8. Welcher Patient oder welche Patientin setzen sich nach Feierabend noch hin, sortieren, ver- und begleichen (ho?ffentlich fristgerecht)
Arztrechnungen diverser Fachrichtungen auch für minderjährige Kinder und hochbetagte Eltern/Großeltern? Wie sollen Senioren und greise Patientinnen und Patienten, evtl. demenzkrank, teilerblindet oder orientierungsgemindert, mit diesen Rechnungen und Kostenerstattungen fertig werden ? (Menschlichkeitsprinzip)
9. Sollen wir Ärzte neben unserer Arbeit an und mit den Patienten zusätzlich jedes Jahr noch Zigtausende von Rechnungen über die vielen kleinen GOÄ Einfachsätze schreiben und den Zahlungsverkehr überwa-
chen? (Effizienzprinzip)

Vgl. mein Editorial in 'Der Allgemeinarzt' 18/2010. MfkG zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »

Bei der Gründung eines Ärztezentrums kann es zugehen wie bei "Dallas"

Neid und Missgunst haben schon manche Versuche torpediert, in der Provinz ein Ärztezentrum zu etablieren. Ärzte in Schleswig-Holstein berichten, wie man verhindert, dass Kirchturmdenken siegt. mehr »

Macht Kaffee impotent?

Kaffee werden günstige Effekte auf die Gesundheit nachgesagt. Eine Studie hat untersucht, was das belebende Getränk für Männer – und besonders deren Potenz – bedeutet. mehr »