Ärzte Zeitung online, 06.12.2010

Das Finanzpolster der Kassen schmilzt dahin

BERLIN (hom). Das Finanzpolster der gesetzlichen Krankenkassen wird dünner. Während AOK, Barmer GEK & Co. in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres noch einen satten Überschuss von 1,4 Milliarden Euro vermelden konnten, lag das Kassen-Plus im gleichen Zeitraum 2010 nur noch bei mageren 277 Millionen Euro.

Das Finanzpolster der Kassen schmilzt dahin

Kassenfinanzen 2010: Weniger Überschuss als noch im vergangenen Jahr.

© dpa

Wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) am Montag in Berlin mitteilte, standen in den ersten drei Quartalen 2010 Einnahmen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Höhe von rund 131,2 Milliarden Euro Ausgaben in Höhe von rund 130,9 Milliarden Euro gegenüber.

Ausgabenzuwächse verzeichneten die Kassen vor allem im Bereich der vertragsärztlichen ambulanten Versorgung. Hier lag das Ausgabenplus im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei 600 Millionen Euro. Die Ausgaben für die rund 2100 Krankenhäuser stieg um rund 1,8 Milliarden Euro auf 44,18 Milliarden Euro.

Für Arzneimittel gaben die gesetzlichen Kassen in den ersten drei Quartalen dieses Jahres 24,32 Milliarden Euro aus - im gleichen Zeitraum 2009 waren es 23,42 Milliarden Euro. Leichte Ausgabenrückgänge sind bei Vorsorge- und Rehamaßnahmen sowie bei Prävention und Impfungen zu verzeichnen.

Mit Blick auf das Gesamtjahr 2010 gießt das Ministerium aber Wasser in den Wein: Vermutlich würden die Kassen trotz Zusatzbeiträgen und weiterer Einnahmen in ein Minus rutschen, da die Ausgaben nicht durch die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds ausgeglichen würden.

Dazu trage auch der Umstand bei, dass die Kassen im vierten Quartal in der Regel höhere Ausgaben schultern müssten als in den ersten neun Monaten. Entstehende Defizite der Kassen ließen sich aber "häufig" noch aus vorhandenen Finanzreserven heraus kompensieren.

Zusatzbeiträge, die von einigen Krankenkassen wie etwa der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) erstmals seit dem ersten und zum Teil auch ab dem zweiten Quartal 2010 erhoben wurden, haben bislang zu Einnahmen in Höhe von 463 Millionen Euro geführt.

Aus dem Bundesgesundheitsministerium hieß es weiter, ohne ein "Gegensteuern" hätte der GKV im kommenden Jahr trotz der unerwartet günstigeren konjunkturellen Entwicklung ein Defizit von bis zu neun Milliarden Euro gedroht.

Dieses Defizit werde durch das vom Gesetzgeber beschlossene "ausbalancierte Maßnahmenpaket aus Einnahmeverbesserungen und Ausgabenbegrenzungen" verhindert.

Dazu zählten die Anhebung des allgemeinen Beitragssatze auf 15,5 Prozent zum 1. Januar 2011 sowie Einsparungen bei Arzneimitteln, Krankenhäusern, Ärzten und Zahnärzten und die Nullrunde bei den Krankenkassen.

Wegen des Sparpakets werde der auf Basis der Ergebnisse des GKV-Schätzerkreises zu berechnende durchschnittliche Zusatzbeitrag im Jahr 2011 "bei Null liegen". Das schließe freilich nicht aus, dass "einzelne Krankenkassen" im nächsten Jahr erneut einen Zusatzbeitrag bei ihren Versicherten erheben müssten.

Der zusätzliche, aus Steuermitteln gespeiste Bundeszuschuss in Höhe von zwei Milliarden Euro, den die GKV 2011 einmalig erhält, könne in vollem Umfang der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zugeführt werden und stehe somit in den Jahren ab 2012 "für die Finanzierung des Sozialausgleichs bei einer Erhebung von Zusatzbeiträgen zur Verfügung", hieß es.

Lesen Sie dazu auch:
BKK-System schreibt rote Zahlen, die AOKen sind noch im Plus

Topics
Schlagworte
Krankenkassen (16746)
Organisationen
AOK (7126)
BKK (2122)
DAK (1519)
[07.12.2010, 14:58:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Deutschland, ein Wintermärchen!
Ja, wo sind sie denn, die von unserem Kollegen und Aushilfsökonom Dr. med. Philipp Rösler vielbeschworenen 11 (elf) Milliarden Euro Defizit in der GKV und ihrem Gesundheitsfonds?

In den ersten 3 Quartalen 2009 noch satte 1,4 Milliarden Überschuss, im gleichen Zeitraum 2010 nur noch traurige 277 Millionen Euro Plus? Habe ich da etwas verschlafen? Ist die GKV ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Privatunternehmen unseres Bundesgesundheitsministers (BGM)? Ist das solidarisch, subsidiär und risikoverteilende, paritätisch finanzierte, für Alle zugängliche Gesundheitswesen der GKV Schnee von gestern?

Verschlankungstendenzen ("lean management") und "Outsourcing" allüberall! Die FDP verschlankt ihren Stimmenanteil stringent unter 5 Prozent, der BGM verschlankt die Solidargemeinschaft mit Senkung der Beitragsbemessungsgrenze, nach oben offenen und unparitätisch finanzierten Zusatzpauschalen (auch -prämien genannt). Als nächstes wird die Pflegeversicherung zur einen Hälfte verschlankt und zur anderen Hälfte in das Haifischbecken privater Pflegeversicherungen "outgesourct" und entsorgt.

Jetzt meldet sich auch noch die AOK zu Wort: Sie will die gähnend leeren Innenstadt- und Zentrumspraxen mit Geld aus ihrer offensichtlich übervollen "Gesundheitskasse" aufkaufen und abfinden. Um in ländlichen Unterversorgungsgebieten neue Praxen aufzumachen, die dann mit willfährigen und dienstfertigen Ärztinnen und Ärzten besetzt werden sollen. Finanztechnisch "faselt" (sorry, dass ist mir so rausge"leakt"!) die AOK von einem Nullsummenspiel. Abkauf, Abfindung der "überflüssigen" Stadtpraxis, Errichtung und Unterhaltung der Landarztpraxis in Problembezirken, das soll von den eingesparten Arzthonoraren ausgeglichen finanziert werden?

Was für ein Wintermärchen!!! Ihr Dr. med. T. G.Schätzler, FAfAM in DO  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

In kleinen Schritten zum Normalgewicht

Manch eine Adipositas-Therapie scheitert daran, dass die geforderte große Gewichtsabnahme Betroffene abschreckt. Forscher plädieren nun dafür, die Stoffwechsel-gesunde Adipositas als erstes Therapieziel zu definieren. mehr »

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »