Ärzte Zeitung online, 30.12.2010

Arzt-Zulassung als Lizenz auf Zeit?

BERLIN (dpa). Angesichts des Ärztemangels in ländlichen Regionen sollen Zulassungen für Mediziner nach dem Willen der Krankenkassen nicht mehr unbeschränkt gültig sein. "Wir müssen uns darüber unterhalten, ob eine Zulassung nicht eine Lizenz auf Zeit sein sollte", sagte die Vorsitzende des Kassen-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer.

"Es ist ein Problem, dass ein Arztsitz immer, das heißt auch in überversorgten Gebieten, weiterverkauft werden kann." So werde teure und unnötige Überversorgung auf Kosten der Beitragszahler festgeschrieben, sagte Pfeiffer zur dpa in Berlin vor den Verhandlungen über ein neues Versorgungsgesetz.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will zu Beginn des neuen Jahres mit Ländern und Verbänden ausloten, wie die ärztliche Versorgung per Gesetz verbessert werden kann. "Ich bin froh, dass wir jetzt über die Versorgung der Patienten reden und nicht nur über mehr Geld für Ärzte und Krankenhäuser", sagte Pfeiffer. Sie warnte vor Mehrbelastungen der Beitragszahler. "Die Probleme, die es in ländlichen Regionen gibt, lassen sich nicht über die Finanzen der Kassen lösen."

Konkret forderte Pfeiffer, die Zulassungen für niedergelassene Ärzte am Bedarf auszurichten. "Verständlicherweise wollen Ärzte eine stabile Planungsgrundlage haben, das kann jedenfalls nicht mehr über die Lebensarbeitszeit hinausgehen."

Mit rund 140.000 niedergelassenen Medizinern und etwa noch mal so vielen in Kliniken gebe es so viele Ärzte wie noch nie in Deutschland. "Wir haben in überversorgten Gebieten 25.000 Ärzte zu viel und in Mangelregionen lediglich 800 Ärzte zu wenig", sagte Pfeiffer. "Offensichtlich haben wir ein Verteilungs- und kein Mengenproblem." Zwar seien auch Anreize für Hausbesuche in dünn besiedelten Gebieten wünschenswert, doch Zuschläge müssten mit Abschlägen in Gebieten mit zu vielen Ärzten einhergehen.

Pfeiffer forderte ein Gesamtpaket. "So sind auch die Kommunen gefragt, die Standorte attraktiv für Ärzte zu machen." Ohne Kindergärten oder Freizeitangebote für Kinder könnten junge Ärzte auch mit hohen Einkommen nicht in Mangelregionen gelockt werden.

"Die starre Grenze zwischen der Versorgung durch niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser muss überwunden werden", verlangte Pfeiffer zudem. Immer mehr Klinik-Behandlungen dauerten nur einen Tag oder wenige Stunden. "Wir müssen uns fragen, ob es Sinn macht, auch in der Fläche eine hoch spezialisierte Versorgung etwa mit niedergelassenen Pneumologen oder chirurgisch tätigen Augenärzten vorzusehen." Die Kooperation zwischen Hausärzten, allgemeinen und hoch spezialisierten Fachärzten sowie Kliniken müsse besser funktionieren. Sie erwartet schwierige Verhandlungen: "Dass wir hier ein dickes Brett bohren müssen, liegt auf der Hand."

Lesen Sie dazu auch:
Ärztemangel: Neues Gesetz soll‘s richten
Zahlen zu ambulanter Versorgungder Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Statistik der Deutschen Krankenhausgesellschaft
Zahlen der Bundesärztekammer

[31.12.2010, 18:41:16]
Uwe Schneider 
Perspektivisch auch Mengenproblem
Frau Dr. Pfeiffer mag damit recht haben, dass zurzeit noch kein Mengen-, sondern ein Verteilungsproblem vorliegt. Aufgrund der doppelten Demographie-Problematik (Alterung der Bevölkerung, also mehr Nachfrage nach Medizin; Alterung der heute im Schnitt schon recht alten niedergelassenen Ärzteschaft, also weniger Angebot an Medizin) muss man wohl zumindest perspektivisch auch ein Mengeproblem anerkennen. Derzeit mag eine Zulassung in überversorgten Gebieten nur bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben (ohne Veräußerbarkeit) und in unterversorgten Gebieten auf Dauer (mit Veräußerbarkeit) in der Tat erwägenswert sein. Wobei der Ausschluss der Veräußerbarkeit aus Vertrauensschutzgründen nur für Neu-Zulassungen gelten könnte. zum Beitrag »
[31.12.2010, 11:44:37]
Dr. Michael Schneider 
Arzt auf Zeit - und dann?
Zum Jahreswechsel scheinen nicht nur etliche Gewässer und der Schnee auf den Bäumen gefroren zu sein, sondern auch das Gehirn einiger Politiker. Was hier aufgetischt wird, hört sich sehr nach einem Comeback von Ideen einer Ulla Schmidt an. Na ja - Frau Pfeiffer ist ja auch in der SPD aktiv. Die Staatsmacht ist offenkundig seit vielen Jahren nicht in der Lage, das Gesundheitswesen zu steuern trotz zunehmender Gängelung und Überregulierung der Beteiligten insbesondere auch der Ärzteschaft. Die Antwort auf dieses Politikversagen ist regelmäßig noch mehr Regulationswut. Die Spirale dreht sich also weiter abwärts. Als (auf dem Land!)niedergelassener Facharzt in den besten Jahren begrüße ich die neuen Vorschläge. Ich bin sicher, sie werden noch mehr Kollegen davon abhalten, sich als selbständige Ärzte niederzulassen. Aus über 20 Jahren Tätigkeit im Krankenhaus bei verschiedenen Trägern kann ich Ihnen versichern, dass Krankenhäuser niemals in der Lage sind, Qualität der Versorgung zu einem derart niedrigen Preis zu erbringen, wie wir Niedergelassene es können. Aber macht ruhig so weiter, meine lieben Politiker aller Parteien, ihr werdet euch bald ganz heftig die Augen reiben. In diesem Sinne: Prosit Neujahr! zum Beitrag »

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