Ärzte Zeitung online, 21.12.2011

Impf-Regresse: Schöne Bescherung in Rheinland-Pfalz

Schlechte Impfraten in Rheinland-Pfalz sorgen für Ärger: Weil die Ärzte mehr Impfstoff bestellt als verimpft haben, will die AOK nun Regresse durchboxen. Die KV weigert sich und löst einen gewaltigen Krach aus.

Angedrohte Impfstoffregresse ärgern Ärzte in Rheinland-Pfalz

Vorsicht Pieks: Zu wenig verimpft, sorgt bei Ärzte für Regressärger.

© Khamidulin Sergey / shutterstock

MAINZ (chb). Kurz vor Weihnachten ist zwischen der KV Rheinland-Pfalz und dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) auf der einen und der AOK auf der anderen Seite ein heftiger Streit um die Impfstoffausgaben entbrannt.

Grund: die AOK versucht offenbar derzeit Impfregresse gegen viele Ärzte im Land durchzusetzen, die KV will sie dabei aber keinesfalls unterstützen.

Nach Angaben der KV sollen die Ärzte, die Impfstoffe bestellt, aber nicht vollständig verbraucht haben, hohe Summen an die Krankenkassen zurückzahlen.

Dass bestellte Impfstoffe nicht vollständig verbraucht werden, liegt nach Angaben der KV und des BVKJ häufig daran, dass bestimmte Impfungen seltener als zunächst angenommen nachgefragt würden oder bereits vereinbarte Impftermine gar nicht oder erst in einem späteren Quartal wahrgenommen werden.

Furcht vor noch weniger Impfungen

Setze sich die AOK mit den Regressen durch, liege das Versicherungsrisiko alleine bei den Ärzten, kritisiert die KV. Sie fürchtet, das Vorgehen der Kasse werde dazu führen, dass Rheinland-Pfalz bei den Impfraten weiter zurückfällt.

Auswertungen des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung (ZI) zeigen, dass im bundesweiten Vergleich nur Baden-Württemberg noch schlechtere Impfraten aufweist.

Nach Angaben von KV-Vize Dr. Peter Heinz sind in Rheinland-Pfalz mehrere hundert Ärzte betroffen. Im schlimmsten Fall könne die Regresssumme für den einzelnen Arzt im fünfstelligen Bereich liegen.

Die Bagatellgrenze liege für die AOK bei 30 Euro. Laut Heinz fordert die AOK, dass alle bestellten Impfstoffe im selben Quartal verimpft werden sollen.

Für nicht verimpfte Stoffe mache die AOK einen sogenannten "sonstigen Schaden" geltend und fordere das Geld zurück.

AOK sieht KV in der Pflicht

"Wenn Ärzte mit ihrem Honorar für Teile der Impfstoffe haften sollen, weil Regresse drohen, wird die Motivation der Ärzte, die Grippeschutzimpfung aktiv anzubieten, nicht steigen und Rheinland-Pfalz wird die rote Laterne bei der Impfrate im Vergleich zum Bundesgebiet auch weiter behalten", sagt KV-Vize Dr. Peter Heinz.

Der Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann, fürchtet als Konsequenz aus dem Vorgehen der AOK, dass Kinder- und Jugendärzte Impfstoffe nur noch sehr zurückhaltend bestellen.

"Die Impfbereitschaft und damit die Durchimpfungsraten und der Schutz der Bevölkerung vor schweren Krankheiten werden damit rapide zurückgehen", so Hartmann.

Die AOK weist die Kritik zurück und sieht die KV in der Pflicht. Nach ihren Angaben verweigert diese bereits seit drei Jahren die Herausgabe der Daten, die für die Prüfung erforderlicher Abrechnungsmengen der Impfleistungen notwendig sind.

KV versteht die Kritik nicht

"Aufgrund der beharrlichen Weigerungshaltung der KVRLP haben die rheinland-pfälzischen Krankenkassen die KV auf Herausgabe der Daten verklagt", eine Entscheidung des Sozialgerichts steht noch aus, so die AOK in einer Mitteilung.

Deshalb sei die AOK gezwungen, die Prüfanträge fristgerecht zu stellen, um einer Verjährung zu entgehen.

Diese Begründung kann KV-Vize Heinz nicht verstehen. "Alle Kassen bekommen die sie betreffenden Daten", sagt Heinz. So könne die AOK den Impfstoffverbrauch für ihre Versicherten nachvollziehen und alle anderen Daten bei den übrigen Kassen anfordern, dazu brauche sie die KV nicht.

Es sei auch nirgendwo schriftlich festgehalten, dass die KV diese Daten liefern muss.

Impfstoffe werden über den Sprechstundenbedarf (SSB) abgerechnet. Die AOK ist als betreuende Stelle für den SSB aller rheinland-pfälzischen Krankenkassen für die Wirtschaftlichkeitsprüfung zuständig.

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