Ärzte Zeitung online, 20.08.2013
 

Leistungen abgelehnt

Kassen knausern bei tausenden Versicherten

Massenweise sind GKV-Versicherte mit ihren Anträgen zu Krankengeld, Reha-Leistungen und Hilfsmittel bei den Krankenkassen abgeblitzt - von hunderttausenden Fällen ist die Rede. Die Absage-Flut bringt Gesundheitsminister Bahr auf die Palme.

Von Anno Fricke

Kassen knausern bei tausenden Versicherten

Genehmigt oder abgelehnt: Was das Krankengeld betrifft, so besteht ein gesetzlicher Anspruch.

© Stauke / fotolia.com

BERLIN. Krankenversicherte in Deutschland bekommen in hunderttausenden Fällen negative Bescheide zu Leistungen wie Krankengeld, Reha oder Hilfsmitteln.

Das geht aus Daten des Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) hervor, die der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin vorliegen.

"Das ist nicht in Ordnung", rüffelte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die Kassen am Montag in Berlin. Es bestehe ein Anspruch auf Krankengeld.

Es dürfe daher nicht zu massenhaften Ablehnungen kommen. Sein Ministerium werde sich das ansehen. "Das muss geprüft werden", sagte Bahr.

Bahr verwies auf das Patientenrechtegesetz, das den Versicherten bessere Möglichkeiten biete, ihre Ansprüche durchzusetzen. Die Kassen stünden damit unter Druck, Anträge von Versicherten binnen kurzer Zeit zu bearbeiten.

Im vergangenen Jahr soll es in rund 1,5 Millionen Fällen von den einzelnen Kassen ausgehende MDK-Gutachten zu ärztlich festgestellter Arbeitsunfähigkeit gegeben haben, wie der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbands dpa mitteilte. In 16 Prozent der Fälle urteilte der MDK, dass die Arbeitnehmer wieder arbeiten könnten.

Zahl der Begutachtungen ist rückläufig

Bei der MDK-Begutachtung von Arbeitsunfähigkeit gebe es keine Auffälligkeiten, sagte der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des GKV-Spitzenverbands Peter Pick.

Dies belege ein Blick in die Statistik: 2012 hätten die Dienste der Kassen bundesweit rund 1,46 Millionen Arbeitsunfähigkeitsfälle im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen begutachtet, rund 100.000 weniger als noch im Jahr 2011.

Insgesamt habe es rund 35 Millionen Krankschreibungen gegeben. In mindestens vier von fünf Fällen hätten die Gutachter die Arbeitsunfähigkeit bestätigt.

Lediglich bei etwa 230.000 Menschen - das sind etwa 16 Prozent - seien sie zu dem Ergebnis gekommen, dass es aus medizinischer Sicht keinen Grund für die Fortsetzung der Arbeitsunfähigkeit gebe und sie deshalb binnen zwei Wochen beendet werden könne, sagte Pick. Es sei daher nicht zu rechtfertigen, von einer Vielzahl von Ablehnungen zu sprechen.

Im Jahr 2012 haben Mitarbeiter der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) in 4761 Beratungsgesprächen zum Krankengeld 932 problematische Fälle identifiziert. 248 Mal war es demnach zu unberechtigten Leistungsverweigerungen gekommen.

Entschieden wird oft nach Aktenlage

Die Patientenberater, die Verbraucherzentralen und der VdK sprechen von einem Eindruck, dass es im Gegensatz zu früher vermehrt Fälle gibt, in denen Kassen den Versicherten Krankengeld oder andere Leistungen nicht gewähren wollten.

Bei fast 700.000 Prüfungen zu Reha-Leistungen kamen die MDK-Ärzte in 39 Prozent der Fälle zu dem Ergebnis, medizinische Voraussetzungen seien nicht erfüllt.

Für Hilfsmittel wie zum Beispiel Hörgeräte wurden fast 500.000 Gutachten geschrieben - negative Urteile gab es bei 37 Prozent.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, sagte, Patienten sollten sich auf keinen Fall damit zufriedengeben, wenn der MDK ein Hörgerät über dem Festbetrag ablehne oder eine Reha-Leistung.

Problematisch sei, dass Entscheidungen zur Arbeitsunfähigkeit oft nach Aktenlage getroffen würden. "Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das fatal." Man könne Widerspruch einlegen, der behandelnde Arzt könne ein zweites Gutachten einfordern.

UPD-Berater berichten, oft komme es vor, dass Krankenkassen Betroffene zu Hause anriefen, um sie wieder zum Arbeiten zu bewegen. Dörte Elß, Beraterin der Verbraucherzentrale Berlin, sagte: "Was nicht geht, ist das ständige Anrufen."

Versicherte könnten sich aber Anrufe von Sachbearbeitern einer Krankenkasse verbitten und schriftliche Mitteilungen verlangen. Elß meinte, es könne aber auch etwas Gutes haben, wenn sich eine Kasse um eine zügige Genesung kümmere.

Lange Fehlzeiten wegen psychischer Leiden

Bereits das sechste Jahr in Folge steigen die krankheitsbedingten Fehlzeiten der Arbeitnehmer. Die bei Betriebskrankenkassen pflichtversicherten Beschäftigten waren im vorigen Jahr im Durchschnitt 16,4 Tage krank.

Nach wie vor entfallen laut BKK mehr als ein Viertel der Fehltage (26,4 Prozent) auf Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems (vor allem Rückenleiden). Die psychischen Störungen liegen mit fast 14 Prozent erstmals an zweiter Stelle.

Psychische Leiden sind mittlerweile die langwierigsten Erkrankungen: Mit durchschnittlich 37,4 Kranktagen je Fall fallen die Beschäftigen deshalb sogar länger aus als bei Tumorerkrankungen (35,5 Tage).

Der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des GKV-Spitzenverbands, Peter Pick, wies darauf hin, dass die begutachteten Fälle seit 2010 bei Arbeitsunfähigkeit, Reha und Hilfsmitteln leicht gesunken seien.

Die Gutachten würden sorgfältig erstellt, sagte Pick. Menschen, die psychische Leiden hätten, wieder in die Arbeitswelt zu integrieren, habe oft auch einen guten Effekt. Bei Leistungen wie Hilfsmitteln sei es oft so, dass es statt des ursprünglich vorgesehenen Produkts ein anderes oder etwa eine Physiotherapie gebe. ( mit Material von dpa)

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