Ärzte Zeitung online, 21.10.2014

vdek

Sieben Empfehlungen für eine Klinikreform

Derzeit zerbrechen sich die Mitglieder der Bund-Länder-AG ihre Köpfe über eine Reform der Krankenhauslandschaft. Mit einem eigenen Vorschlag preschen nun die Ersatzkassen vor.

Von Rebecca Beerheide

Sieben Empfehlungen für eine Klinikreform

Verbandschefin Ulrike Elsner präsentierte das Gutachten von vdek und RWI in Berlin.

© vdek

BERLIN. Die Ersatzkassen verlangen von Bund und Ländern zügig eine umfassende Reform der Klinikstruktur.

"Es ist Zeit für eine modernisierte Krankenhausplanung", sagte Ulrike Elsner, die Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen (vdek) bei der Vorstellung eines Gutachtens vor Journalisten in Berlin.

Derzeit beraten Bund und Länder hinter verschlossenen Türen über eine Krankenhausreform, im November ist eine weitere Verhandlungsrunde angesetzt.

Verbandschefin Elsner hat vor allem die Krankenhausplanung der Länder im Blick. Durch bundesweite Vorgaben zur Erreichbarkeit der Kliniken sowie der Qualität in den einzelnen Häusern soll nach Vorstellungen des vdek ein einheitliches Versorgungsniveau erreicht werden.

Einheitliche Vorgaben für bedarfsgerechte Versorgung gefordert

In dem Gutachten, das das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) unter Leitung von Dr. Boris Augurzky erstellt hat, werden sieben Empfehlungen für eine Reform ausgesprochen. "Das sind sieben pragmatische Schritte, die 2015 umgesetzt werden können", sagte Augurzky in Berlin.

Dazu gehören einheitliche Vorgaben für bedarfsgerechte Versorgung sowie die klare Definition, welche Häuser künftig die Grund- und Regelversorgung übernehmen sollen. Nach Augurzkys Vorstellungen sind dies Häuser, die eine chirurgische Abteilung und eine für Innere Medizin vorhalten.

Nach den RWI-Empfehlungen müsse ebenso die Notfallversorgung neu ausgerichtet werden. "Dazu gehört, dass es in den DRGs saubere Kodierungen für echte medizinische Notfälle gibt", so Augurzky.

Erst dann könne man bewerten, wie Notfallversorgung in Deutschland künftig organisiert werden muss. Ebenso müsse an Qualitätsstandards in den Notaufnahmen gearbeitet werden.

Standards zur Erreichbarkeit sollten entwickelt werden

Das Institut schlägt in dem Gutachten vor, bundesweit einheitliche Standards zur Erreichbarkeit zu entwickeln. Demnach sollte jeder Bundesbürger innerhalb von 30 Auto-Minuten eine Grundversorger-Klinik erreichen können, innerhalb von 60 Minuten ein Haus der Maximalversorgung.

Nach Augurzkys Berechnungen können bereits heute 99,6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland innerhalb von 30 Minuten ein Haus der Grund- und Regelversorgung erreichen. Ähnliche Werte gelten auchbereits schon jetzt bei der Erreichbarkeit der Schwerpunkt- und Maximalversorgung.

Die Datenanalyse zeige damit auch, in welchen Regionen eine Überversorgung bei Kliniken der Grundversorgung herrsche. "Wir gehen davon aus, dass 15 Prozent der 1311 Standorte geschlossen werden könnten", so Augurzky. Alternativen für diese Standorte kann sich vdek-Chefin Esser gut vorstellen. "Hier benötigen wir einen intelligenten Umbau der Häuser, beispielsweise in Pflegeheime."

Auch die Versorgungsqualität soll nach Ansicht der Ersatzkassen ein verbindliches Kriterium für die neue Krankenhausplanung sein. Neben einheitlichen Qualitätsvorgaben und der Erhebung einheitlicher Daten soll es vor allem ein systematisches Versorgungsmanagement durch die Länder geben.

Kommt es hier nach den bundesweiten Vorgaben zur Überversorgung oder schlechten Qualitätsdaten, müssen die Länder eingreifen, so Auzurksy.

Die Vorschläge des vdek wie auch ein Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes der Krankenkassen zur Qualitätsorientierte Versorgungssteuerung fällt in die Zeit kurz vor der nächsten Sitzung der Bund-Länder-AG, die hinter verschlossenen Türen zur Krankenhausreform tagt.

[22.10.2014, 15:17:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
GKV-Reform an Haupt u n d Gliedern!
Ein bereits abgeschlossenes Forschungsprojekt (Auftraggeber GKV-Spitzenverband) durchgeführt vom Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) trug den Titel: "Mengenentwicklung und Mengensteuerung stationärer Leistungen" (Endbericht – Mai 2012). Die Autoren waren damals:
Dr. Boris Augurzky, Rosemarie Gülker, Dr. Roman Mennicken (RWI); Prof. Dr. Stefan Felder (Leiter), Stefan Meyer (Universität Basel); Prof. Dr. Jürgen Wasem (Universität Duisburg-Essen) - alles ausgewiesene BWL/VWL- und „Gesundheits“-Ökonomie-Experten. Als Mediziner waren nur der ehemalige Chef der Kardiologie (HELIOS-Klinikum Wuppertal) und hervorragende klinische Lehrer Prof. Dr. Hartmut Gülker und der FA für Orthopäde/Chirurgie Dr. Nikolaus Siemssen dabei. Vgl. https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/pressekonferenzen_gespraeche/2012_2/120529_mengenentwicklung_krankenhausbereich/RWI-Gutachten_Mengenentwicklung_2012_06_08_19832.pdf

Die hier aktuell vorgestellten "Sieben Empfehlungen für eine Klinikreform" des vdek der GKV-Ersatzkassen werden vom RWI nicht mal als "Gutachten" tituliert:
"PROJEKT: ERARBEITUNG VON UMSETZUNGSVORSCHLÄGEN DER POSITIONEN DER ERSATZKASSEN ZUR KRANKENHAUSPLANUNG - Projektlaufzeit 05/2014 - 09/2014 (laufend) - Projektfinanzierung Verband der Ersatzkassen - vdek, Projektteam (RWI), Dr. Boris Augurzky (Leiter)" heißt es da ganz unverfänglich. Inhaltlich ist man ebenfalls weitgehend harmlos: "Zusammenfassung - 2014 wird die politische Weichenstellung für die zukünftige Krankenhausplanung erwartet. Dazu sollen einzelne Aspekte der Krankenhausplanung mit konkreten Umsetzungsvorschlägen bzw. nationalen oder internationalen Praxisbeispielen hinterlegt werden. Die zu untersuchenden Themenbereiche umfassen u.a. Bedarfsgerechtigkeit, Fehlversorgung, Qualitätsindikatoren, Angebotsmonitoring, sektorenübergreifende Betrachtung, Notfallversorgung, Grundversorgung, wohnortnahe und hochwertige Versorgung sowie Innovationszentren. Das Ziel des Projekts besteht darin, diese Themenfelder zu bearbeiten und im Hinblick auf konkrete praktische Umsetzung unter Beachtung wissenschaftlicher Standards zu bearbeiten."
http://www.rwi-essen.de/forschung-und-beratung/gesundheit/projekte/313/

Doch die 7 Punkte als bahnbrechend für die Klinikreform in Deutschland anzusehen, wäre eine Fehleinschätzung, nicht zuletzt, weil dem Projekt der ärztlich-medizinische Sachverstand abgeht:
1. "Einheitliche Vorgaben für bedarfsgerechte Versorgung" sind ein alter Hut.
2. "Klare Definition von Kliniken der Grund- und Regelversorgung" - bekannt.
3. Fehlen "sauberere Kodierungen für echte medizinische Notfälle" nach den DRGs wurde die Klinik-Notfallversorgung bis dato wohl u n s a u b e r abgerechnet?
4. "Einheitliche Standards zur Erreichbarkeit" innerhalb von 30 Auto-Minuten bleiben substanzlose Worthülsen, wenn Projektleiter Dr. Augurzkys offenkundig 'herbeifantasiert', 99,6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland könnten jederzeit über ein Auto verfügen. Die medizinisch nahe liegende e i n g e s c h r ä n k t e Fahrtüchtigkeit im A k u t- oder N o t f a l l wird als Problem gar nicht begriffen.
6. und 7. "Einheitlichen Qualitätsvorgaben", "Erhebung einheitlicher Daten" und "systematisches Versorgungsmanagement" sind Makulatur, so lange ausschließlich Krankenhäuser deren Implementierung umsetzen müssen, während die GKV-Kassen sich dieser Selbstverpflichtung systematisch entledigen.

Niedergelassene Vertragsärzte kennen genügend Beispiele für das Organisationsversagen der GKV-Kassen: Unterbesetzte, inkompetente Hotlines, unverbindlich märchenhafte Versprechungen von Kassenmitarbeitern, mangelhaftes Krankengeld-Management, unsinnige Anfragen, Aushebeln der ärztlichen Schweigepflicht, abwegige Sprechstundenbedarfs-Prüfung, Regressanträge in Serie, undurchsichtige Rabattverträge, fehlende Erreichbarkeit kompetenter Sachbearbeiter, „Nachcodierungs-Forderungen der Kassen etc. Da wäre eine Reform an Haupt u n d Gliedern angezeigt!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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