Ärzte Zeitung online, 03.12.2014

Finanzen

Die GKV-Reserve schrumpft

Prämien und Mehrleistungen der Krankenkassen haben dafür gesorgt, dass das Finanzpolster der GKV in den ersten drei Quartalen 2014 dünner geworden ist.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Die Krankenkassen und der Gesundheitsfonds haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres ein Defizit verzeichnet. Bundesgesundheitsministerium (BMG) bewertet die Finanzlage des GKV-Systems als "unverändert stabil".

"Dass die Krankenkassen 750 Millionen Euro an Prämien und freiwilligen Leistungen an ihre Versicherten geben konnten, zeigt die gute Finanzlage der Kassen", sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe anlässlich der Bekanntgabe der GKV-Finanzdaten für die ersten drei Quartale 2014.

Den Einnahmen der Kassen von 152,6 Milliarden Euro standen in den ersten drei Quartalen 153,3 Milliarden an Ausgaben gegenüber. Für Prämien wendeten sie 533 Millionen Euro auf. Knapp 200 Millionen Euro kosteten zusätzliche freiwillige Satzungsleistungen.

Höhere Leistungsausgaben je Mitglied

Die Entwicklung ist je nach Kassenart unterschiedlich. Die AOKen kamen auf einen Überschuss von 349 Millionen Euro, bei den Ersatzkassen fiel ein Defizit von 833 Millionen Euro an.

Bei den BKKen betrug es 257 Millionen Euro, bei den IKKen 147 Millionen Euro. Insgesamt verfügen die Kassen über Reserven von 16 Milliarden Euro.

Der Gesundheitsfonds wies in den ersten neun Monaten eine Unterdeckung von 4,12 Milliarden Euro auf, so dass dessen Reserve per 30. September auf 9,5 Milliarden Euro schrumpfte.

Aufgrund der Beiträge auf Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld wird erwartet, dass sich die Reserve im Fonds zum Jahresende auf etwa 12,6 Milliarden Euro wieder auffüllen wird.

Je Mitglied haben sich die Leistungsausgaben der GKV um 5,1 Prozent erhöht; etwas stärker stiegen die Gesamtausgaben mit 5,3 Prozent, weil die Zahl der Mitglieder gestiegen ist. Die tatsächliche Entwicklung entspreche der Prognose des Schätzerkreises, so das BMG.

Mehr Ausgaben für ambulante ärztliche Leistungen

Als "moderat" bewertet das Ministerium den Anstieg der Arzneimittelausgaben von 9,3 Prozent. Ursächlich ist der zum Jahresanfang gesenkte gesetzliche Rabatt.

Auffällig seien die hohen Ausgaben für ein neues Hepatitis-C-Arzneimittel von rund 300 Millionen Euro. Andererseits stiegen die Einsparungen durch mit den Herstellern vereinbarte Rabatte noch einmal um 170 Millionen auf nur 2,07 Milliarden Euro.

Für ambulante ärztliche Leistungen wird der Ausgaben-Zuwachs auf 3,6 Prozent geschätzt. Das Wachstum bei der Krankenhausversorgung liegt bei 3,9 Prozent. Die Ausgaben für Krankengeld weisen ein Plus von 7,7 Prozent auf.

Positiv sieht das BMG die Zuwächse bei der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung von 35,3 Prozent und bei den Zuschüssen der Kassen für ambulante und stationäre Hospize in Höhe von 11,4 Prozent. Damit werde die Palliativversorgung verbessert.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Zeit und Geld für Strukturinvestitionen

[03.12.2014, 17:01:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Fehlberechnung von Milch-Holenden"?
Auf die Gefahr, dass ich mich weiter unbeliebt mache und nerve: Als Berechnungsgrundlage für ein anschwellendes GKV-Defizit ausgerechnet die ersten drei Quartale eines Jahres zu nehmen, ist eine unlautere "Milchmädchen"-Rechnung der gesamten Gesundheitspolitik und -Ökonomie. Oder politisch-Gender-korrekt ausgedrückt, eine "Fehlberechnung von Milch-Holenden".

Denn wie seit Jahrzehnten bekannt, aber immer wieder gern übersehen, ist das vierte Quartal eines jeden Jahres das GKV-Einnahmen stärkste: Gratifikationen, Weihnachtsgeld, Bonuszahlungen (auch über die letzten drei Monate des Jahres gleichmäßig verteilt) lassen Lohnsteuer- und ESt-Einnahmen, Sozialabgaben (Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen) kräftiger als in den drei anderen Quartalen sprudeln.

Aus der grafisch hervorragend gelungenen Darstellung der GKV-Finanzreserven, 27,6 Milliarden in Gesundheitsfonds und GKV-Kassen zum 30.9.2013 bzw. nur noch 25,5 Milliarden zum 30.9.2014, lässt sich ein Minus von 7,61 Prozent oder 2,1 Milliarden Euro errechnen. Und um welchen Betrag hat nochmal unser Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble den Gesetzlichen Bundeszuschuss zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen willkürlich gekürzt, um seinen maroden Bundeshaushalt wieder mal mit Hilfe des Beitrags-Geldes von GKV-Versicherten und Arbeitgebern über die Verschuldungsgrenze zu hieven?

Wie übrigens angesichts dieser Kassenlage, die AOK Bayern jetzt schon einen Zusatzbeitrag von 0,9 Prozent bei ihren beitragszahlenden Mitgliedern zum 1.1.2015 einfordern kann, o h n e die Jahres-Abschlussrechnung abzuwarten, bleibt für eine Körperschaft Öffentlichen Rechts mehr als zweifelhaft. Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/874706/aok-bayern-zusatzbeitrag-betraegt-09-prozent.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A)
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